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Der Superstar der Slowakei: Marek Hamsik - der "Außerirdische" auf Maradonas Spuren

Die Slowakei stellt nicht gerade die schillerndste Truppe der EM - umso mehr ragt einer aus der Mannschaft heraus: Marek Hamsik vom SSC Neapel ist das Herz seiner Mannschaft und eine spektakuläre Persönlichkeit.

Marek Hamsik jubelt

Eine der charismatischsten Figuren der EM 2016: Marek Hamsik vom deutschen Achtelfinalgegner Slowakei

Es heißt, Juventus Turin habe Interesse an Marek Hamsik. Der 28-Jährige solle der neue aggressive leader werden und damit den alten Job des zu den Bayern abgewanderten Arturo Vidal übernehmen. Vize-Präsident Pavel Nedved wolle den Slowaken angeblich unbedingt verpflichten, der frühere tschechische Superstar hat Hamsik bereits als "seinen Erben" bezeichnet, der "ihm am nächsten" komme. Doch es stellt sich die Frage: Kann sich die "alte Dame" Juve ihre Avancen (angeblich in Form eines Angebots über 40 Millionen Euro) lieber gleich sparen?

Denn Marek Hamsik, der vom Irokesen bis zur Sohle die geballten slowakischen Hoffnungen vor dem EM-Achtelfinale gegen Deutschland auf sich zieht, ist längst lebende Legende eines anderen Vereins: des SSC Neapel. Ein launischer Verein in einer explosiven Stadt, geradezu geschaffen für einen auffälligen Charakterkopf wie Hamsik, der seit 2007 in der süditalienischen Hafenmetropole kickt: "Es ist heutzutage schwieriger geworden, aber ich möchte in Neapel wie Totti in Rom oder Del Piero Turin werden", hat er einmal gesagt.

Marek Hamsik: Neapel ist seine Stadt

Trotzdem munkelt sein Berater Juraj Venglos jetzt öffentlich herum: "Bleibt Marek in Neapel? Alles ist möglich, die Wahrscheinlichkeit liegt bei 50 Prozent." Nur 50 Prozent? Oder streut Venglos bewusst Gerüchte? Hamsik hat 402 Pflichtspiele für Napoli bestritten und 98 Tore erzielt. Zwischendurch hatte er immer wieder begnadete Mitstreiter wie Edinson Cavani oder Ezequiel Lavezzi im hellblauen Trikot, die aber irgendwann zu lukrativeren Arbeitgebern weiter zogen.

Bei einem Länderspiel stehen Sami Khedira und Marek Hamsik nebeneinander auf dem Platz


Nur Hamsik ist immer geblieben und damit der legitime Nachfolger der neapolitanischen Über-Legende Diego Armando Maradona, der den Klub zwischen 1984 und 1991 zu zwei italienischen Meisterschaften und dem Gewinn des Uefa-Cups führte. Hamsik gewann mit Neapel immerhin zwei Mal den Pokal und führte den Klub, der noch 2004 Konkurs anmelden und in der dritten Liga wiedergegründet werden musste, zurück in die Champions League.

Seine immense Popularität am Fuße des Vesuv bringt Hamsik Vor- und Nachteile in gleichem Maße ein. "Ich kann mit 140 km/h durch Neapel fahren, ohne einen Strafzettel zu bekommen", hat er einmal gesagt. Aber: Nicht nur Hamsik wurde in der Stadt bereits mit vorgehaltener Waffe überfallen, auch seine Frau Martina wurde mit einer Pistole bedroht, als Gangster ihr das Auto abnahmen. Für Hamsik sind das Dinge, mit denen man in Neapel nun mal klar kommen muss: "Ich wohne hier nicht zur Miete, ich bin hier zu Hause."

Die Kriminalität ist allgegenwärtig und auch eng mit dem so ruhmreichen wie skandalträchtigen SSC verbandelt. Klub-Ikonen wie Maradona oder Fabio Cannavaro ließen sich einst mit hochrangigen Mafiosi ablichten, und auch Hamsik wurde einmal zusammen mit dem berüchtigten Domenico Pagano vom Camorra-Clan fotografiert. Hamsiks Vater erklärte hinterher, sein Sohn habe nicht gewusst, wer ihn da um ein gemeinsames Foto bittet.

Slowakische, neapolitanische Fans: Alle lieben Hamsik

Neapel ist ein Pulverfass, Müll in den Straßen und die Mafia hinter den Kulissen - eine Stadt als Symbol der italienischen Krise. Dass Hamsik bisher trotzdem bleibt, bringt ihm die leidenschaftliche Verehrung der Fans ein, die ihren Kapitän mit Inbrunst als "Außerirdischen" feiern.

Auch die Fans der slowakischen Nationalmannschaft wissen natürlich, was sie an ihrem Hamsik haben. Er hat ihr Team 2010 zur ersten WM-Teilnahme geführt - und in Südafrika kurzerhand auch seine Wahlheimat Italien beim 3:2 im letzten Vorrundenspiel sensationell aus dem Turnier geschossen. Bei der aktuellen Euro in Frankreich hatte er auch schon seine Sternstunde: Gegen Russland war er der beste Mann auf dem Platz, zeichnete mit einem Tor und einer Vorlage hauptverantwortlich für den 2:1-Sieg.

Nach dem historischen Überstehen der Vorrunde ist Hamsik deshalb auch im Achtelfinale gegen Deutschland neben seinem Kumpel und Kapitän Martin Skrtel vom FC Liverpool der große Hoffnungsträger des Teams: "Er ist der beste Spieler, den wir haben", jubelt das Internetportal Sport.sk. Das findet auch der slowakische Nationaltrainer Jan Kozak, der jüngst auf die Wechselgerüchte um den Filigrantechniker angesprochen wurde und dazu sagt: "Er hätte es wirklich verdient, für einen ganz großen Club zu spielen." So weit, so richtig, aber auch Kozak weiß natürlich, dass es sich hier nicht um einen normalen, sondern einen ungewöhnlich loyalen Superstar handelt.

Deshalb soll Hamsik selbst in dieser Angelegenheit auch das letzte Wort haben. "Wahrscheinlich", sagt er, wahrscheinlich werde er auch in der kommenden Saison weiter in Neapel spielen. Mit anderen Worten: Es ist sehr wahrscheinlich. Um nicht zu sagen: fast sicher.

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