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Eskalation und Gewalt im Fußball: Außer Kontrolle

Das Skandalspiel in Düsseldorf war nur ein weiterer trauriger Höhepunkt: Wegen der zunehmenden Gewalt in den Stadien steht der Fußball am Scheideweg. Die Faszination der Sportart steht auf dem Spiel.

Von Klaus Bellstedt

Um Punkt 12.09 Uhr am Tag nach dem Skandalspiel in der Bundesliga-Relegation zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin landete die gemeinsame Pressemitteilung des Deutschen Fußball-Bundes und des Ligaverbandes als Mail in den elektronischen Briefkästen der Sportredaktionen. DFB und DFL kündigen darin eine neue Strategie im Kampf gegen Gewalt an. Noch vor der neuen Saison in der 1., 2. und 3. Liga soll nun bei einer Zusammenkunft aller Präsidenten ein Verhaltenskodex entwickelt werden, der den Umgang zwischen Vereinen und Fans beschreibt. Außerdem sollen im Zusammenspiel mit Polizei und Justiz effektivere Vorgehensweisen gegen Gewalttäter auf den Weg gebracht und abgestimmt werden, heißt es. Alles nett, alles schön - und alles viel zu spät!

Ja, auch DFB und DFL sind dafür verantwortlich, was in dieser Chaos-Nacht in der Düsseldorfer Esprit-Arena passiert ist. Wenn die Sicherheit von Zuschauern, Spielern und Schiedsrichtern während eines Fußballspiels nicht mehr gewährleistet wird, dann läuft etwas falsch. Und es ist ja nicht nur Düsseldorf. Die Szenen dort waren nur der (vorläufige) Höhepunkt einer neuen Welle der Anarchie, die durch die deutschen Fußballstadien schwappt.

Zurück bleiben ratlose Politiker und Funktionäre

Tatort Karlsruhe: Als Montagabend, also nur 24 Stunden vor der Schande von Düsseldorf, die Relegation zwischen dem KSC und Regenburg abgepfiffen wird und der Abstieg der Karlsruher besiegelt ist, folgten Stunden voller Hass, Gewalt und Krawall. Mehrere hundert Anhänger des bisherigen Zweitligisten griffen, zum Teil vermummt, Polizisten und Gäste-Fans an. Dabei wurden 75 Menschen verletzt, unter ihnen auch 18 Polizisten. In Karlsruhe waren am Montagabend Straftäter am Werk - und sicher keine enttäuschten Fans.

Vor zehn Tagen nach dem Abstieg des 1. FC Köln aus der Bundesliga kam es ebenfalls im Stadion zu Ausschreitungen. Kölner Ultras zündeten nach dem 1:4 gegen den FC Bayern schwarze Rauchbomben, versuchten das Spielfeld zu stürmen und konnten nur durch den massiven Einsatz der Polizei und viel Pfefferspray daran gehindert werden.

Diese Liste der Eskalation im deutschen Fußball ließe sich beliebig fortsetzen: von den Gewalt-Exzessen der Dynamo-"Fans" im Pokal bei Borussia Dortmund bis zu den prügelnden und randalierenden St. Pauli-Ultras am Rande eines Hamburger Traditions-Hallenturniers. Zurück bleiben fast immer ratlose Politiker, Funktionäre oder Vereinsvertreter, die mit Stadionverboten und schärferen Sicherheitsmaßnahmen drohen. Das sind dann die Hardliner, die auf diese Weise versuchen, dem Problem Herr zu werden. Andere wiederum wollen die Fanprojekte stärken, um so den Kern der verantwortungslosen Fußballanhänger zu erreichen.

Drei Monate Zeit, um zu handeln

Die extrem gut organisierten Ultras, die Anführer in den Kurven, lachen sich über die Hilflosigkeit nur kaputt. Woche für Woche setzen sie sich systematisch über das Pyrotechnik-Verbot in den Arenen hinweg, fackeln Bengalos ab und greifen auch mal Polizisten an. Das Perverse daran: Es ist auch ein Spiel der halbstarken Ultras untereinander. In Düsseldorf schien es fast so, als hätten sich beide Lager dazu verabredet, zeitgleich und auf Kommando Bengalos anzuzünden. Denn es brannte ja nicht nur in der Hertha-Ecke lichterloh. Die Ultras feiern sich damit selbst - und oft genug steht in der medialen Berichterstattung dann dieses zweifelhafte Vergnügen der Crash-Kids auch im Vordergrund. Für die Ultras ein doppelter Grund zur Freude.

In Düsseldorf kamen dann noch weitere Problemfans hinzu: die jubelnden Randalierer. Die, die den Platz stürmten. Damit hat übrigens auch Borussia Dortmund seine Erfahrung. Im vergangenen Jahr am 34. Spieltag stürmten unverbesserliche BVB-Fans mit dem Schlusspfiff den kompletten Platz, traten dabei Ordner um und provozierten die Gäste-Fans aus Frankfurt. Was zu einem Fest für Spieler und Fans auf dem Rasen werden sollte, endete in einem Desaster.

Vereine, Politiker und Verbände haben jetzt drei Monate Zeit, um endlich die Dinge, die falsch gelaufen sind, mit Hochdruck zu analysieren und mit Lösungen für die neue Saison, die Ende August beginnt, um die Ecke zu kommen. Vor allem im Sinne der echten Fußballfans. Diejenigen also, die wegen ihrer Begeisterung für den Sport ins Stadion kommen. Sie haben das Recht darauf, angstfrei und mit Vorfreude am Samstagnachmittag in die Arenen zu gehen und ihren Klub zu unterstützen.

Der Fußball steht am Scheideweg

Als Diskussionsgrundlage muss jetzt wirklich alles auf den Tisch: der Einsatz von Körperscannern, das konsequente Durchsetzen von lebenslangen Stadionverboten für Straftäter und vielleicht sogar der Gedanke an die Abschaffung von Stehplätzen. In letzter Konsequenz sollten DFB und DFL nicht davor zurückschrecken, Klubs mit einem dauerhaften Gewaltpotenzial aus der Liga zu verbannen.

Auch Hertha BSC gehört (leider) dazu. Das haben die skandalösen Vorkommnisse von Düsseldorf eindrucksvoll bewiesen. Im Sinne des Fußballs, der sich längst in einer Gewaltspirale befindet, kann man eigentlich nur darauf hoffen, dass es nicht zu einem Wiederholungsspiel kommt und die Berliner dann möglicherweise doch noch der Bundesliga erhalten bleiben. Hertha legte gegen die Wertung der Partie mittlerweile Protest ein. Über den Einspruch und damit auch den Aufstieg der Düsseldorfer entscheidet nun das DFB-Sportgericht.

Natürlich ist auch das Stürmen des Platzes vor dem Abpfiff durch einen Teil der Düsseldorfer Fans auf das Schärfste zu verurteilen. Vielleicht sollte die neue Bundesliga-Saison wirklich nur mit 17 Mannschaften starten ...

Im Mai 2012 steht der Fußball in Deutschland an einem Scheideweg. Die Faszination einer ganzen Sportart ist in Gefahr. Einerseits ist das traurig, andererseits haben die verantwortlichen Gruppen jetzt die Chance, durchzugreifen. Die Uhr tickt.

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