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Bayern München im Pokal-Halbfinale: Niko Kovac - der unterschätzte Bessermacher

Niko Kovac hat den FC Bayern nach einer holprigen Hinrunde mittlerweile im Griff. Und er beweist, dass er junge Spieler wie Serge Gnabry besser macht. So sammelt er Argumente für eine Weiterbeschäftigung - die allerdings längst nicht sicher ist.

Niko Kovac dirigiert seine Mannschaft lautstark während des Bundesliga-Spiels gegen Werder Bremen

Niko Kovac dirigiert seine Mannschaft lautstark während des Bundesliga-Spiels gegen Werder Bremen

Getty Images

Niko Kovac hat in seiner kurzen Zeit als Trainer des FC Bayern schon einiges mitgemacht. Er musste in einem dreiviertel Jahr so viel Kritik einstecken, wie so mancher Trainer in Jahren nicht. Kovac wurde von Spielern in Frage gestellt, von Medien, wurde von echten Experten und Möchtegern-Experten in der Luft zerrissen. Man attestierte ihm, dass er von Fußball ungefähr so wenig Ahnung hat, wie ein Übungsleiter aus der Kreisklasse. Kovac musste es still ertragen, dass seine Vorgesetzten Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Hasan Salihamidzic im vergangenen Herbst eine irrwitzige Pressekonferenz gaben, in der sie in erster Linie die Medien für ihre Berichterstattung über den FC Bayern beschimpften und die Leistungen seiner Mannschaft es vor allem waren, die Grund zur Kritik gaben. Nach dem blamablen 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf stand Kovac dann sogar kurz vor der Ablösung. All das hat der 47-jährige gebürtige Berliner ertragen. Vermutlich ist ihm schon im Sommer klar gewesen, dass es solche Diskussionen beim FC Bayern nun einmal gibt, wenn die Mannschaft vielleicht nur einige Wochen hinter den Erwartungen zurückbleibt. Beim FC Bayern gilt eben: Nur Titel sind genug.

Niko Kovac fehlen noch Titel

Und nun, in der entscheidenden Phase der Saison, liegen die Bayern des Niko Kovac immerhin noch bestens im Double-Rennen. So eine Art Minimalziel in München. Das Pokal-Halbfinale gegen Werder Bremen am Mittwochabend (ab 20.45 Uhr stern-Liveticker) bedeutet für Kovac eine Hürde, die er nehmen muss, um sich endgültig als Coach des Rekordmeisters zu etablieren. 

Unbestreitbar ist, dass sich Kovac nach der schwierigen Hinrunde gefangen und er seinem Team zu Konstanz verholfen hat. Seit Anfang Februar, seit einem 1:3 in Leverkusen, hat der FC Bayern national nicht mehr verloren. Seitdem schlugen die Münchner ein starkes Frankfurt deutlich, Wolfsburg mit 6:0 und auch der BVB bekam ein 5:0 mit auf die Reise.

Dazu kommen die weichen Faktoren, für die Kovac vielleicht immer etwas unterschätzt wird: Kingsley Coman und Serge Gnbary sind unter ihm besser geworden - sie sind fit und kennen ihre Rolle. Eines der entscheidenden Anliegen der Bayern-Bosse, war es, einen Umbruch anzugehen. Auf den Flügeln ist der mit Gnabry und Coman vollzogen. Im Mittelfeld spielt Goretzka eine entscheidendere Rolle, als das von vielen erwartet worden ist.

Kovac hat die heftige Rotation (wohl auf Drängen der Bosse) abgestellt und setzt auf einen Kern von Stammspielern. Er moderiert geschickt Konflikte im Team. Bestes Beispiel ist die Trainings-Prügelei zwischen Robert Lewandowski und Coman. Statt drakonischer Strafen setzte er auf eine Aussprache. "Niko ist ein unglaublich positiver Typ, sehr gebildet und sehr kommunikativ. Er legt großen Wert auf einen partnerschaftlichen Umgang untereinander und geht immer gut mit uns Spielern um", lobte Thiago den Coach.

Niemand wirft ihm mehr taktische Defizite vor

Und taktische Defizite wirft ihm mittlerweile niemand mehr vor. Die Mannschaft setzt seine Spielidee "einer organisierten Balance" besser um als in der Hinrunde. Kovac neigt in der Öffentlichkeit nur nicht zu ausgefeilten Taktik-Analysen wie einige andere Trainer. Das ist ihm oft als Schlichtheit ausgelegt worden, dabei könnte man ebenso argumentierten, dass er nur ein eisenharter Pragmatiker ist: "Man kann Muster trainieren, aber der Spieler erfüllt sie mit Leben." Der Auftritt gegen die verunsicherten Dortmunder war ein beeindruckendes Beispiel für seine Sichtweise.

Links steht Uli Hoeneß im Anzug vor einem großen FC Bayern-Wappen, rechts liegt er als jüngerer Mann im Krankenhausbett

Dennoch hat die Saison Spuren hinterlassen. Oft reagiert der Coach schmallippig, wenn seine Mannschaft in der Kritik steht. Eine einfache Frage, ob die Spieler nach dem Sieg gegen Dortmund auf eine Party von Jerome Boateng gehen dürfen, gerät ihm dann zu einem grundsätzlichen Statement darüber, was Spieler in ihrer Freizeit anstellen dürfen. Er hätte auch einfach nur sagen können: "Ja, kein Problem". Wie viele Profis, Trainer und Manager beäugt Kovac Journalisten kritisch und reagiert - manchmal - überempfindlich.

Vielleicht auch deswegen, weil der Druck nicht nachlässt. Sein Job ist nicht sicher. Rummenigge erneuerte erst unlängst die klare Aufforderung an Kovac, Titel zu holen: "Es gibt für niemanden eine Jobgarantie bei Bayern München. Jeder muss liefern, wer mit dem Druck nicht umgehen kann, ist im falschen Klub", sagte Rummenigge Anfang April bei Sky. Er sprach auch davon, dass die Klubführung Kovac "weiter positiv begleiten" werde - auch das kann man zweierlei auslegen - als Vertrauen und Wohlwollen oder man kann begleiten als betreuen auslegen - das wiederum spräche für Skepsis. Uli Hoeneß allerdings gilt als Kovac-Unterstützer. Das ist keine schlechte Voraussetzung, um auch in der nächsten Saison Trainer des FC Bayern zu sein. 

Kovac selbst macht sich ohnehin keine Illusionen: "Wir sind hier, um Titel zu holen. Das muss man beim FC Bayern", sagte er dem "kicker" Anfang Februar. Und noch fehlen diese Titel, die er braucht, um sich der Zweifel an ihm zu entledigen - und seinen Job sicher zu behalten.

Quellen: "kicker", "spox.com", "sky sport"

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