HOME

Frankreich: Das Bizness der Ghetto-Gangs

Sie stehlen, dealen, tricksen. Die Immigranten haben in Frankreichs Trabantenstädten ein kriminelles Netzwerk aufgezogen - ihr "Bizness". Sogar die Obrigkeit drückt ein Auge zu. Ein Bürgermeister: "Ohne die Schattenwirtschaft würde alles im Chaos versinken."

Vielleicht war es die sinnlose Suche nach einem Job, die 20., die 30. Absage im Briefkasten, die Lasso endgültig ins Bizness trieb. Damals, vor fünf Jahren, als er 16 war und vor seinem Hochhaus auch schon ein, zwei Autos brannten, Nacht für Nacht. Vielleicht war es der Neid auf Angebertypen mit teuren Motorrollern. Oder die Sorge um die vier jüngeren Brüder, um die kleine Schwester. Das ewige Herumknapsen, wenn am Monatsende kein Geld mehr da war. Oder einfach nur die Einsicht, dass für einen wie ihn, schwarz, ohne Schulabschluss, ein Leben außerhalb der Schattenwirtschaft kaum möglich ist.

Bizness. Das klingt harmlos, doch in Frankreich steht das Wort für eine kriminelle, milliardenschwere Parallelökonomie, die bis zu 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Ein vielfach verschlungenes Netzwerk mit Hierarchien und Konkurrenzen, aus Handwerkern, Händlern und Hehlern - vorbei an Staat und Steuer. Für die Immigrantenkinder in Frankreichs Vorstädten, von denen 38 Prozent arbeitslos sind, ist das Bizness oft die einzige Chance, zu Geld zu kommen. Die nicht enden wollenden Unruhen zeigen: Die Perspektivlosigkeit ist der eigentliche Grund für die schwersten Krawalle seit dem Mai 1968.

Auf den Schwarzmärkten zwischen Lille und Lyon werden Drogen, Handys oder Computer genauso vertickt wie echte oder gefälschte Markenjeans oder einfach nur der Ölwechsel am Auto. Kein Produkt, keine Dienstleistung, für die es in den Hochhausghettos nicht den geeigneten Mann mit dem passenden Geschäftsmodell gäbe.

Lassos Modell funktioniert wie ein Tante-Emma-Laden mit Vorbestellung. Es gibt fast alles - es kann nur manchmal ein wenig dauern. Mit zwei Freunden sitzt der 21-Jährige auf der Lehne einer Bank im Park von Aulnay-sous-Bois. Um seinen Hals baumelt ein schick glitzerndes "Samsung"-Handy, die Baseballmütze sitzt tief in der Stirn. Kein ausgebuffter Gangstertyp, eher ein jungenhafter Geschäftemacher.

Hier, nahe dem S-Bahnhof, hat der Pariser Vorort Aulnay noch den Charme eines lebhaften Städtchens. Die Häuser sind klein, Kinder turnen auf Spielplätzen, es gibt Läden, Kneipen, Blumenbeete, selbst eine Bibliothek. Lassos Heimat, die "Cité 3000" mit den zehn-, zwölfstöckigen Betonkästen, liegt am Rand von Aulnay, fünf Kilometer entfernt. Dort lebt der Afrikaner mit Eltern und fünf Geschwistern in einer Vierzimmerwohnung.

Was hat er im Angebot?

"Was du willst", sagt er und zählt auf: "Handys, Computer, Fernseher, Waschmaschinen, Jeans, Schuhe." Auch Drogen? "Nur Haschisch." Wie zur Bestätigung zieht Lasso am eigenen Joint. Eine süßliche Wolke zieht über seinen Kopf in Richtung Kinderspielplatz. Und woher bekommt er das alles? Lasso inhaliert noch mal kräftig, beginnt dann zu erzählen. Er verfolge die Routen der Lastwagen um Aulnay, notiere, welcher Wagen welches Geschäft beliefere, und vor allem: Welcher Fahrer seinen beladenen Lkw wo abstelle. "Das machen viele. In Paris gibt's ja keinen Platz zum Parken."

Ist das geeignete Objekt erst einmal gecheckt, geht alles sehr schnell. Ein paar Anrufe, fünf, sechs Jungs, zwei Autos. Einer steht Schmiere, die anderen brechen den Wagen auf, räumen ihn leer, und in kaum einer Stunde haben Turnschuhe, Jeans oder kistenweise Handys und Computer den Besitzer gewechselt. Das Ganze ein- oder zweimal pro Woche. Gelagert wird die Ware in Garagen und Kellern. Meist bei Nachbarn, die dafür ein paar hundert Euro Schweigegeld kassieren. So lange, bis Lasso schließlich im Park die passende Bestellung aufnimmt.

Mit und vom Bizness leben viele. Manche Sozialwissenschaftler sehen in der Schattenwirtschaft ein Netz, das all jene auffängt, denen die französische Gesellschaft keine Zukunftsaussichten bietet. Dafür reicht schon die falsche Abstammung. Im vergangenen Jahr verschickte der Soziologe Jean-François Amadieu Testbewerbungen fiktiver Kandidaten. Bei gleicher Qualifikation wurde ein weißer Franzose in 75 Prozent der Fälle zum Vorstellungsgespräch eingeladen, die maghrebinischen Bewerber nur in 14 Prozent. Selbst die Adresse wird zum Handikap. "Wenn du dich mit Absender Aulnay-sous-Bois oder Clichy-sous-Bois bewirbst, hast du keine Chance", sagt Lasso, "ich hab bestimmt 20 Bewerbungen losgeschickt und bin kein einziges Mal eingeladen worden." Seine Kumpels nicken, murmeln "oui, oui".

"Wir brauchen das Geld", sagt Lasso, "meine Eltern gehen zwar putzen, aber das reicht nicht. Ich bin das älteste von sechs Kindern. Also muss ich dazuverdienen. Die Hälfte meines Gewinns geht immer an die Familie. Manchmal sind das 100 Euro im Monat, manchmal auch 1000 Euro. Der Rest gehört mir." Ohne die billigen Angebote vom Schwarzmarkt könnte sich kaum eine der kinderreichen Familien über Wasser halten. Ob rund um Paris, Lyon oder Marseille - fast jeder der 2,7 Millionen Bewohner der Banlieues profitiert vom Angebot der Hehler und Stehler.

"Nie zahlen wir für Jeans mehr als 20 Euro", sagt Valerie Marchand. Die 39-Jährige lebt mit ihren fünf Kindern in der "Cité 4000" in La Courneuve, mit der Metro nur eine Viertelstunde vom Pariser Zentrum entfernt. Eine Betonwüste, durchzogen von vielspurigen Schnellstraßen, auf den Parkplätzen verkohlte Skelette abgefackelter Autos.

Valerie ist weiss,

ihr Lebensgefährte Nordine stammt aus Algerien. Mit seinem Hausmeistergehalt kommt die Familie kaum über die Runden. Ausnahmsweise, so erzählt sie in ihrer Wohnküche, habe sie sich vor kurzem schicke Markenschuhe geleistet - für 65 Euro, im Geschäft hätten sie mindestens das Doppelte gekostet. Auch größere Anschaffungen wickelt die Familie nachbarschaftlich ab. Ihr letztes Auto, ein alter Renault, kam von "einem Typen, dem wir ein Jahr lang monatlich 150 Euro zahlten. Als dann die Karre kaputtging, hat er uns die letzten Raten erlassen."

Valerie ist in La Courneuve geboren. Sie weiß aus langer Erfahrung, wie man sich in diesem Elendsquartier durchschlägt. Bis vor zwei Monaten wohnten sie zu siebt auf 60 Quadratmetern im 14. Stock des "Grand Balzac", eines heruntergekommenen Plattenbaus mit 300 Wohnungen, vor dem Tag und Nacht Drogendealer stehen. "Dauernd waren die Fahrstühle kaputt, und ich musste mit den Kindern über die verpissten Treppen hinaufsteigen", sagt sie. Jetzt lebt die Familie in einer größeren Wohnung in einem nicht ganz so tristen Hochhaus. Die Miete beträgt 536 Euro, Lebensgefährte Nordine bringt kaum 1200 Euro nach Hause. Manchmal, erzählt Valerie, kaufe sie für ein paar Cent eine einzelne Zigarette, die Händler unterm Ladentisch bereithalten.

Wie viele Gemeinden in "Neuf-Trois", im 93er Département Seine-Saint-Denis nordöstlich von Paris, wird La Courneuve von Kommunisten regiert. "Ohne die Parallelwirtschaft würde hier alles im Chaos versinken", sagt Vizebürgermeister Eugène-Henri Moré. "Die Banlieue ist wie ein Dampfkochtopf. Sie explodiert, sobald der ökonomische Druck zu stark wird." Die illegale Schattenwirtschaft nennt er eine "seit Jahrzehnten gewachsene Solidarökonomie, die in den unterprivilegierten Vorstädten wie ein Druckventil fungiert". Jede Kriminalisierung dieser Strukturen führe unweigerlich zu noch größeren Aufständen.

Keine 100 Meter von Valeries Wohnblock betreibt der Kameruner Oudo auf einem Parkplatz eine mobile Autowerkstatt. "Ich baue hier gerade eine neue Kupplung ein", sagt der ölverschmierte Mann und kriecht unter einem alten VW Golf hervor. "Dafür kriege ich 60 Euro." Die Ersatzteile stammen von ausgeschlachteten Autos. Fast 700 000 Pkws wurden in den vergangenen drei Jahren in Frankreich gestohlen, aber nur 1200 konnten sichergestellt werden. Die Wagen werden geplündert und danach meist angezündet. Der kriminellen Logik zufolge war es eine Verschwendung, dass während der Krawalle auch komplette Autos aus reiner Wut abgefackelt wurden.

Fast jeden Tag hantiert Oudo mit Wagenheber und Schraubenschlüsseln auf dem Parkplatz. Weil die Reparaturen preiswert sind, fahren auch Kunden aus der Pariser Innenstadt bei ihm vor. Manchmal bilden sich vor der Freiluftwerkstatt sogar Schlangen. Dann machen nicht nur Oudo und seine Zulieferer gute Geschäfte, sondern auch die Haschverkäufer. Beinahe wie im richtigen Einkaufscenter, wo auch die Buden drum herum florieren.

Marc Goergen/Tilman Müller / print

Wissenscommunity