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Fußball-Fans: Effe, ich hab deiner gedacht

Dürfen Fußballer ihre Fans kritisieren, weil die nicht genug Stimmung machen oder dummes Zeug rufen - so wie es in der vergangenen Woche Halil Altintop und Kevin Kuranyi mit den Schalker Fans taten? Warum eigentlich nicht, wenn sie es doch verdient haben?

Ein Kommentar von Oliver Fritsch

Die Meinung der Fans ist heilig. Der Nationalspieler Stefan Effenberg wurde bei der WM 1994 nach Hause geschickt, weil er pöbelnden Zuschauern den Mittelfinger als Gruß entbot. Kritik an Fans, sofern sie sich nicht gerade rassistisch äußern oder sich die Köpfe einschlagen, ist Fußballern eines deutschen Klubs mehr oder weniger untersagt; schließlich handelt es sich um zahlende Kundschaft. Vermutlich ist für dieses Quasi-Verbot aber noch entscheidender, dass Fußballer den Kontakt zur so genannten Basis pflegen sollten. Wenig beschädigt den Ruf eines Fußballers mehr als das Etikett Arroganz. Um diesem Verruf vorzubeugen oder entgegenzutreten, gibt es kein besseres Mittel, als den Fans, egal welchen Unfug sie von sich geben, Recht zu geben. Der stromlinienförmige Profi ist gefragt.

War es also Mut oder Dummheit, was den Schalker Halil Altintop letzte Woche nach der Niederlage gegen Valencia dieses Sakrileg begehen ließ: "Wir haben uns richtig auf die Champions League gefreut, und wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir mehr von den Zuschauern erhofft."? An der Reaktion der Fans gemessen eher Dummheit, denn beim nächsten Heimspiel vier Tage später gegen Bielefeld gaben sie ihm Saures. Mut müsste man, wenn man das Fan-Urteil als Maßstab nimmt, seinem Mannschaftskollegen Kevin Kuranyi bescheinigen, er hatte den Zuschauern nämlich ähnliches hinter die Ohren geschrieben: "Die Leute, die gepfiffen haben, müssen noch viele Champions-League-Spiele sehen." Und siehe da! Keine Pfiffe für ihn - wohl weil er derzeit das Tor besser trifft. Wenn zwei das gleiche tun, ist es halt noch lange nicht dasselbe.

Das Publikum verteilt Sympathie nach Gutdünken

Da sieht man mal, was die Meinung der Fans manchmal wert sein kann. Ich kenne das Problem aus der Kreisliga: Auch da verteilt das ehrwürdige Publikum Sym- und Antipathie nach Gutdünken, da muss sich so manch ein Spieler schon nach dem ersten Fehlpass was anhören. Doch wie weit trägt das Argument, das ich, später im Vereinsheim, immer wieder höre: Die Zuschauer haben Eintritt bezahlt, also dürften sie auch alles sagen (gemeint ist eigentlich rufen, brüllen, schreien). Kauft man sich für 2,50 Euro das neunzigminütige Recht, gegen die Regeln guten Anstands und ziviler Kommunikation zu verstoßen? Auf der anderen Seite ist der Fußballplatz keine Klosterschule, man soll an der Barriere und auf der Tribüne ruhig mal Dampf ablassen.

Doch fachlich liegt der Zuschauer nicht immer auf Höhe der Zeit. Auf einer meiner früheren Trainerstationen in der Betonliga versuchte ich, meiner Mannschaft eine Raumdeckung beizubringen. Doch sobald ein gegnerischer Mittelfeldspieler zwei gute Dribblings angesetzt und einen guten Pass geschlagen hat, hieß es vehement von Draußen: "Dem muss einer auf die Füße gestellt werden!" Diskutieren half da selten. Solche Interventionen in die Taktik werden meist mit dem Hinweis legitimiert: "Ich hab auch Ahnung vom Fußball" - wörtlich genommen, eine verräterische Selbstbeschreibung: Ahnung ist gut. Wissen wäre besser.

Fans verändern das Geschehen auf dem Platz

Einen solch konkreten Einfluss auf das Spiel können die Fans im Profifußball jedoch nicht ausüben, denn im Krach des großen Stadionrunds verhallt die Stimme des Einzelnen. Dennoch verändert allein die Anwesenheit von Zuschauern und erst recht ihr Verhalten das Geschehen auf dem Platz. Wie anders ist das Phänomen Heimvorteil zu erklären? Und welcher echte Fan geht nicht mit dem Anspruch hausieren, seinem Team die beste Unterstützung zukommen zu lassen?

Was soll also daran so schlimm sein, sie wie Altintop an ihre Aufgabe zu erinnern? Zwei Beispiele aus jüngerer Vergangenheit, die ich persönlich erlebt habe - und zwar in der Kurve, nicht auf der Pressetribüne. Beim Berliner WM-Viertelfinale gegen den Favoriten Argentinien musste der Stadionsprecher nach dem 0:1-Rückstand die Zuschauer dazu auffordern, die deutsche Elf zu unterstützen. Welch Armutszeugnis! Beim Halbfinale in Dortmund bestand der größte Teil des deutschen "Supports" aus Pfiffen gegen die ungeliebten Italiener. Na gut, warum auch nicht? Doch in der Verlängerung, als es auf sie ankam und sich die italienischen Stürmer gefährlich dem deutschen Tor näherten, verstummten die Fans, und dass Torhüter Jens Lehmann Flanken reihenweise am Elfmeterpunkt abgefangen hat wie lange kein Nationaltorhüter zuvor, war den Fans keinen Applaus wert.

Effe, ich vermisse Dich selten, doch in diesen Momenten hab ich Deiner gedacht.

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