Fußball-Presseschau Von Unbelehrbaren und wackeligen Stühlen


Becherwurf und Trainerfragen: In dieser Woche war mächtig was los auf dem Platz. Und auch abseits davon. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Die Schlagzeilen und Leitartikel der Sportseiten gehören heute dem Becherwurf von Stuttgart.

Michael Horeni (FAZ) findet die Routine, mit der Fußballfunktionäre diese Tat und jede andere Form von Fan-Gewalt als Problem der Gesellschaft abtun wollen, falsch und faul: "Die Distanzierungsrituale sind nur zu bekannt. Rassistische Schmähungen, die zuletzt auch wieder in deutschen Stadien zu hören waren - hat mit Fußball nichts zu tun. Die seit Jahren bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft rassistischen und nazistischen Parolen der Glatzenträger - hat mit Fußball nichts zu tun. Die Probleme im Fußball, so die gängige Praxis, werden vergesellschaftet; die positiven Seiten privatisiert. Die Begeisterung in den Stadien jedenfalls hat noch kein Fußballfunktionär als gesellschaftliches Phänomen zu deuten versucht. Die Probleme auf den Rängen wären natürlich noch keineswegs gelöst, wenn sich der deutsche Volkssport auch zu denen bekennen würde, die in seinem Namen Schaden anrichten. Es gehört dazu, die Existenz der Unbelehrbaren und Schwererziehbaren in den eigenen Reihen zu akzeptieren und sich für sie verantwortlich zu fühlen. Das schafft zwar noch keine Ruhe im Stadion - aber es stärkt die Glaubwürdigkeit in diesem Kampf ungemein."

Michael Kölmel (Berliner Zeitung) fügt den Vergleich mit anderen Sportarten hinzu: "Es ist eindimensional, die Tat isoliert als die eines Spinners zu betrachten. Ebenso unzureichend ist die Sicht von Hertha- und Kickers-Funktionären, die in dem Vorfall nur ein gesellschaftliches Problem sehen, das dem Fußball aufgebürdet wird. Vom Handball oder Basketball sind solche Vorgänge hierzulande nicht bekannt, trotz krasser Fehlentscheidungen. Es ist traurige Tradition im Fußball, dass immer andere schuld sind - besonders gern der Mann mit der Pfeife."

Reinhard Sogl (FR) hebt die Aufrichtigkeit hervor, mit denen Umstehende auf die Tat reagiert haben: "Es ist ein löblicher Akt von Zivilcourage und hat nichts mit Denunziantentum zu tun, dass Fans der Polizei die entscheidenden Hinweise gaben. Die in solchen Fällen von Hooliganismus oft praktizierte Wagenburgmentalität hatte keine Chance, weil verantwortungs- bewusste Zuschauer beispielhaft handelten. (…) Leider, und das ist die betrübliche Erkenntnis, gibt es aber immer noch genug so genannte Fans, die sich als unbelehrbar erweisen."

Wasser bis zum Hals

Die Niederlagen Dortmunds und Schalkes im DFB-Pokal haben zur Folge, dass den Trainern Bert van Marwijk und Mirko Slomka das Wasser bis zum Hals zu stehen scheint. Was anderes sollte man von Fußballdeutschland erwarten? Können Fernsehjournalisten andere Fragen stellen, als die nach der Zukunft des Trainers? Gegenüber Slomka ist das unfair, denn zu dem tollen Spiel in Köln haben seine (am Ende) zehn Schalker ihren großen Teil beigetragen.

Roland Zorn (FAZ) schnalzt mit der Zunge: "Sollte irgendwann ein Werbefilm zur Illustration des besonderen Reizes von Pokalspielen in Auftrag gegeben werden, wäre der Rückgriff auf bewegte Szenen aus dem Pokalkampf zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Schalke.04 dringend zu empfehlen. Wieder einmal war eben das passiert, was den Pokal oft genug sehens- und staunenswert macht: Von einem Klassenunterschied konnte keine Rede mehr sein, die Alles-oder-nichts-Situation zauberte eine Auseinandersetzung von seltener Leidenschaft herbei."

Zorn ist aber entgeistert von dem, was die Branche "die Mechanismen der Branche" nennt: "Danach war wieder Alltag, wurden den Verlierern aufs Neue die Fragen gestellt, die so gar nicht zu passen schienen: Geht es weiter mit Slomka? Was nun nach der 'Blamage' von Köln? In Wirklichkeit hatten sich die Westfalen gar nicht blamiert, sondern, solange die Kräfte in Unterzahl reichten, gefightet. Es spricht für die Schalker Vorständler, dass sie sich seit Wochen gegen den immer wieder spürbaren Wunsch des Boulevards stemmen, den jungen Trainer Mirko Slomka durch den Starcoach Christoph Daum zu ersetzen. Nur zur Erinnerung: Momentan ist Schalke in der Bundesliga Zweiter, punktgleich mit dem umjubelten Tabellenführer Werder Bremen. Wo ist da der Ansatz, alles in Frage zu stellen?"

In Dortmund sieht die Lage anders aus, Zweifel am Trainer dringen dort aus dem Vereinsinneren ans Tageslicht. Freddie Röckenhaus (SZ), ein exzellenter Dortmund-Kenner, erneuert einen Vorwurf, der eigentlich ungeheuerlich ist: "Bert van Marwijk, der Vorzeigetrainer, gab in der Regel mittwochs trainingsfrei, um noch häufiger ins heimische Holland pendeln zu können. Wer könnte Spielern da übel nehmen, dass auch sie sich gedanklich immer weiter entfernten?" Röckenhaus schließt ein Happy-End aus: "Dortmunds Chefetage hat diesem Prinzip Faulheit lange zugeschaut. Sie wird nun verdientermaßen die Sache auslöffeln müssen: Entweder mit van Marwijk bis zum Saisonende weiterwurschteln und dabei noch mehr Fans mit Gruselfußball aus dem Stadion treiben. Oder mit irgendeinem Mann aus der B-Kategorie die Saison zu Ende spielen. Beides wird vermutlich zum selben Ergebnis führen: Es wird den Fans der Borussia stinken. (...) Der Zuschauer weiß, alle Beteiligten ahnen: Es wird kein gutes Ende mehr nehmen. Die Dinge werden wohl über ihn kommen, scheinbar unabwendbar, wie im klassischen Drama."


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