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Fussball: Ritter Rudi auf Kreuzzug

Stern-Redakteur Giuseppe Di Grazia über den einsamen Kampf des Teamchefs gegen Kritiker, Lästermäuler und Fernsehgurus.

Franz Beckenbauer, der ewige Weltmeister, ist, ganz unter uns, ein Dummschwätzer. Mal ärgerlich, mal amüsant, mal hirnverbrannt. Dem ZDF soll das eine Million Euro pro Jahr wert sein, es hat ihn als Experten verpflichtet. Experte klingt nach Allwissenheit. Darauf kann natürlich auch die "Bild"-Zeitung nicht verzichten und presst Beckenbauers kleine Gedanken in große Schlagzeilen ("Wen ich jetzt aufstellen würde, ... wenn ich Rudi wäre").

Die ARD hat es da besser.

Sie schickt den ewigen Schöngeist Günter Netzer aufs Feld. Der gilt unter den Fuáballkritikern als Denker und Moralist mit Schuhgröße 47, obwohl er nur das sagt, was alle ohnehin sehen. Als Vorlagengeber dient ihm der stets uneigennützige Gerhard Delling. Ein Dream-Team, preisgekrönt. Eine Marke. Sie inszenieren sich als altes Ehepaar. Es wird gefrotzelt und gelästert. Unterhaltung mit einem Schuss Ironie.

Die trifft auch Rudi Völler und sein Team; nur schade, dass der Rudi Ironie nicht versteht. Er hat ja eh schon die Schnauze voll von den grobschlächtigen Sprüchemachern, die so ernst genommen werden, als seien sie die Gralshüter des schönen Fußballs. Im Rausch der eigenen Rede hat er sie in Reykjavik alle beleidigt, die "Gurus, diese Ex-Gurus", als sei er mit ihnen im Nahkampf auf dem Platz.

Ein einsamer Kampf.

Denn es wimmelt im Fuáball mittlerweile von Gurus und Ex-Gurus. Udo Lattek, Paul Breitner, Thomas Helmer, und, und, und. Max Merkel, der Urguru, gewann irgendwann im vergangenen Jahrtausend mal 'ne Meisterschaft und nimmt für "Bild" immer noch jedes Jahr die Liga auseinander. Und in Talkshows sitzen Typen wie Michael Schulz und labern über die Viererkette, obwohl sie früher selbst nur nach dem Schäferhund-Prinzip verteidigten.

Fußball ist das Spiel der Besserpisser. Alle wissen mehr als der Bundestrainer. Und müssen es nie beweisen. Das gilt für Journalisten und vor allem für Experten. Kronzeugen-Journalismus, sagt dazu ein Kollege aus Köln. Zeitungen und Sender vertrauen nicht mehr der eigenen Meinung und Wirkung, sondern der ehemaliger Trainer und Spieler. Irgendwann wird es die Bundesliga der Gurus geben. Gesponsert von Biovital. Und demnächst, live und ohne Werbepause, erleben wir das Spitzenspiel: ZDF-Oberguru Beckenbauer bekommt den Ball zugespielt, den der andere Oberguru bei der ARD losgeschossen hat. Herr Beckenbauer, wird dann ganz beflissen ZDF-Nebler Johannes B. Kerner fragen, Netzer hat gesagt, ... was sagen Sie dazu?

Doppelpass der Fuáball-Götter. Ramba-Zamba am Mikrofon. Die selige 72er- Elf ist auferstanden. Halleluja.

Auf dem Rückflug von Reykjavik

saß Gerhard Delling ganz vorn und las Zeitungen. Vermutlich auch die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Und vermutlich auch die Kolumne "Fragen Sie Reich-Ranicki". Diesmal wollte Adelheid Sponneck aus Weinheim wissen: "Müssen Kritiker grausam sein?" Reich-Ranicki, der Literatur-Netzer, war so schlau, sich nicht festzulegen: "Die Klarheit ist die Höflichkeit des Kritikers, die Deutlichkeit seine Pflicht und Aufgabe. Von der Deutlichkeit ist zur Härte nur ein Schritt. Und Härte wirkt oft wie Grausamkeit." Netzer und Delling nehmen diese Grundhaltung für sich in Anspruch. Aber zeigen sie Härte zu Recht und am rechten Objekt?

Nein. Die Vizeweltmeisterschaft 2002 war Völlers Fluch. Diese, seine DFB-Elf, ist nicht die zweitbeste Mannschaft der Erde. Jedenfalls nicht taktisch, nicht spielerisch und schon gar nicht technisch. Deutschland kickt mal ordentlich, mal schwach und manchmal erbärmlich. Na und? War das früher wirklich viel anders? Und trotzdem sind sie immer da, die Deutschen. Bei der EM, bei der WM. Holländer, Franzosen oder Italiener nehmen sich gern mal Auszeiten. Möchten die Deutschen lieber tauschen?

Die Schönheit des deutschen Fußballs liegt nun mal in der Summe aller Mühen. Und die ist gar nicht so übel: dreimal Weltmeister, dreimal Europameister. Leider schießt Geschichte keine Tore. Der Rahn von heute kann's nicht wie der Rahn von 54. Deutschland hat derzeit keine anderen. Das ist die Wahrheit. Völler weiß das, spätestens seit er dies Amt innehat. Aber das alte deutsche Weltbild vom Dauersieger beim Fußball liegt tief verankert, neue Bescheidenheit ist die Sache der Gurus nicht. Und des Trainers Rundumschlag wird sie kaum nachhaltig erschüttern.

Rudi gegen alle. Kein geringes Risiko. Er hat sich mit der geballten Macht angelegt. Netzer, Breitner, Lattek, Beckenbauer. Hinter ihnen stehen Verlage, Konzerne, Sender. Wer sie anmacht, prangert auch ihre Geldgeber an. Wie es scheint, schlägt das Kartell nun zurück. Völlers Schonzeit ist abgelaufen. Von nun an kann er sich nur noch auf eines verlassen: die Zuneigung der Fans. Für die bleibt er der ewige Ruuuuudi. Das ist sein Schutzschild. Sein einziger.

Giuseppe Di Grazia / print

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