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Geplatzte Vertragsverhandlung: Löw wird zur lahmen Ente

Das Scheitern der Verhandlungen mit Joachim Löw zeigt: Im DFB tobt ein heftiger Machtkampf. Der Bundestrainer ist beschädigt und eine Vertragsverlängerung nach der WM mehr als offen.

Ein Kommentar von Stefan Osterhaus

Noch im Dezember schien alles ganz einfach. Die Unterschriften unter den neuen Vertrag mit Bundestrainer Joachim Löw seien nur noch Formsache, sagte Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußballbundes (DFB). Doch Löw soll nicht eben glücklich darüber gewesen sein, dass Zwanziger Wasserstandmeldungen abgab. Ein verständlicher Ärger, wenn man bedenkt, wie die Gespräche zwischen DFB und dem Trainerteam samt Manager Oliver Bierhoff jetzt gelaufen sind. Zwanzigers Aussagen bauten Druck auf - unnötigerweise.

Dabei hatte es doch eine Menge zu klären gegeben. Das Scheitern der Verhandlungen illustriert: Im DFB tobt ein Machtkampf. Indizien sind der Streit um die U21-Auswahl, die Löw als wichtigstes Rekrutierungsfeld der A-Nationalmannschaft sieht. Und vor allem geht es um das von Manager Bierhoff verlangte Vetorecht bei der Wahl eines Bundestrainers. Dass Löw und Bierhoff mit einem Handgeld für die eigene Vertragsunterschrift das Gehalt für zwei Jahre offenbar noch einmal erheblich steigern wollten, dokumentiert die Ambitionen des Duos auf finanzieller Ebene. In der Bundesliga hätte dies niemanden gekratzt. Handgelder sind üblich. Der DFB aber geriert sich als Hüter von Werten und Normen, die er gern wie eine Monstranz vor sich herträgt. Da machen sich Sonderzahlungen in Zeiten von Diskussionen um Banker-Boni nicht gut.

Widerstand gegen Bierhoff


Vielmehr fürchtet der DFB die Errichtung eines Staates im Staate. Die Bierhoff/Löw-Fraktion ist ihm zu mächtig geworden. Schon Löws Vorgänger Jürgens Klinsmann hatte solche Versuche unternommen, als er den ehemaligen Hockey-Trainer Peters als Sportdirektor installieren wollte. Die Vorbehalte waren damals verständlich, und genauso ist es verständlich, dass sich Widerstand gegen den Willen Bierhoffs rührt, bei der Trainerwahl Einspruch erheben zu können.

Das Misstrauen gegenüber Bierhoffs Forderungen dürfte angesichts seiner Performance nicht aus der Luft gegriffen sein: Beim möglichen Deal mit Nike, einem Mega-Geschäft über rund 60 Millionen Euro jährlicher Werbeeinnahmen, ging er baden. Zudem drängt sich die Frage auf: Warum soll ausgerechnet vor einem WM-Turnier ein neuer Vertrag ausgehandelt werden, wo doch der letzte Leistungsnachweis unter Echtzeitbedingungen - der zweite Platz bei der EM - schon eine Weile zurückliegt.

Löw nimmt großen Schaden


Die Folgen dürften kaum kalkulierbar sein. Löw reist als "lame duck" zur WM, was die Chancen nicht unbedingt erhöht. Alles, was eine Halbfinal-Teilnahme unterbietet, wird wohl als Misserfolg Löws gewertet werden. Dafür dürfte nicht nur die Opposition im DFB sorgen. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich der DFB im Sommer nach einem neuen Bundestrainer umsehen muss.

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