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Gerhard Mayer-Vorfelder: "Klinsmann ist ein eigenwilliger Typ"

Weniger Wochen nach seiner Herz-OP ist der Präident des DFB wieder da: Gerhard Mayer-Vorfelder sieht die Zukunft des deutschen Fußballs positiv, ist froh, sich nicht über die Torhüterfrage äußern zu müssen und hat auch zum Trainer eine Meinung.

An diesem Donnerstag kehren Sie offiziell an Ihren Schreibtisch zurück. Sind Sie nach Ihrer Herzoperation schon fit für die vielfältigen Aufgaben vor der Fußball-Weltmeisterschaft?
Mayer-Vorfelder: "Ich war vier Wochen im Krankenhaus und habe vier Wochen lang Rehabilitation in Bad Ditzenbach gemacht. Ich gehe viel spazieren, habe vor drei Monaten mit dem Rauchen aufgehört - und hoffe, dass ich das durchhalte. Es gibt keine besonderen Vorschriften. Ich muss halt vernünftig leben. Ich fühle mich fit genug für diese Herausforderung und es ist mit den Ärzten alles besprochen. Und ich habe schon wieder angefangen, mich in das einzuarbeiten, was in den Monaten meiner Abwesenheit passiert ist. Meinem Kollegen Dr. Zwanziger möchte ich bei dieser Gelegenheit dafür danken, dass er mich während meiner Abwesenheit bei der Nationalmannschaft in einer stürmischen Zeit gut vertreten hat."

Was sind die Hauptaufgaben in den nächsten Wochen?


"Die Hauptaufgabe ist, mit der Nationalmannschaft die weiteren Vorbereitungen für die WM zu treffen und die offenen Punkte zu klären. Wir arbeiten eng mit Jürgen Klinsmann und dem Trainerstab zusammen."

Wo sehen Sie die größten Probleme?


"Ich sehe eigentlich keine Probleme. Die Unterbringung ist geklärt. Während der WM hält sich die Nationalmannschaft überwiegend in Berlin auf und reist zu ihren jeweiligen Spielorten. Was dann während der WM an Schwierigkeiten auftritt, müssen wir ad hoc lösen."

Es gibt ja auch aktuelle Probleme. Beispielsweise Klinsmann weht heftiger Wind von verschiedenen Seiten ins Gesicht.


"Die Dinge sind geregelt, jetzt steht das Sportliche im Vordergrund. Und sollte es weitere Angriffe geben, hat er in mir einen guten Gesprächspartner. Ich kenne ihn schon seit über 20 Jahren noch aus seiner Zeit als Spieler beim VfB Stuttgart und sogar davor. Ich weiß, dass Klinsmann ein eigenwilliger Typ ist und dass es nicht ganz einfach mit ihm ist. Wenn Jürgen sich etwas in den Kopf gesetzt hat, versucht er das in der Regel durchzusetzen. Aber da wir uns gut kennen, ist das lösbar."

Wie können Sie Klinsmann den Rücken stärken, damit er seinen Weg so weiter gehen kann?
"Man kann ihn ein Stück weit abschirmen gegen öffentliche Attacken, gegenüber der DFB-Administration. Wir müssen schauen, dass wir offene Fragen untereinander regeln. Die mit großer Leidenschaft diskutierte Frage über seinen Wohnort und seine Anwesenheit wird während der WM keine Rolle mehr spielen. Insofern schrumpfen viele Probleme auch zusammen."

Kann man also sagen, dass der in Kitzbühel wohnende Franz Beckenbauer da mit seiner Kritik überzogen hat?


"Das mit Klinsmanns Präsenz im Vorfeld der WM war zu diesem Zeitpunkt bereits geklärt. Wenn nun einer meint, der Bundestrainer müsse ständig da sein, so bleibt ihm das überlassen. Es kommt immer auch darauf an, wie man seine Meinung sagt."

Wie sieht es im Torhüter-Streit um die Nummer 1 zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann aus?


"Die Konkurrenzsituation hat die Torhüter nicht geschwächt, sondern sogar gestärkt. Das ist eigentlich ein Luxusproblem. Ich wüsste allerdings nicht, wer die Nummer 1 ist und bin froh, dass ich das nicht entscheiden muss."

Aber in den anderen Mannschaftsteilen lässt die Qualität zum Teil stark zu wünschen übrig. Wie stufen Sie die Nationalmannschaft im internationalen Vergleich ein?


"Es ist Klinsmann und Joachim Löw gelungen, eine gute Mannschaft zusammenzustellen. Wenn man die Lage so um 2004 herum betrachtet, war das ja nicht so sicher. Jürgen hat durch seine Motivation und seine hohen Zielvorgaben neuen Schwung gebracht. Die Fans wollen, dass wir Weltmeister werden - und die Mannschaft wird alles versuchen, das umzusetzen."

Was trauen Sie der DFB-Elf denn zu?


"Ich persönlich wäre auch mit dem Erreichen des Halbfinales zufrieden, weil das bei einer WM ein großer Erfolg ist. Ich bin überzeugt, dass wir die Vorrunde überstehen, und dann hängt vieles von der Tagesform ab. Die junge Mannschaft ist sehr motiviert. Aber ich kann von einem 22-Jährigen nicht die Erfahrung eines Routiniers erwarten. Das Team wird es deswegen bei dieser WM schwer haben, sein volles Leistungsvermögen abzurufen. Deshalb habe ich Klinsmann gesagt, er müsse länger Bundestrainer bleiben. Wenn er ernten will, was er gesät hat, dann muss er bis zur EM 2008 verlängern - oder noch besser bis zur WM 2010."

Hat der deutsche Fußball die Talsohle schon durchschritten? "Sie können heute schon bei den Spielen der U 21- Nationalmannschaft sehen, dass die DFB-Talentförderung und die Leistungszentren der Bundesligisten Früchte tragen. Die U 21-Spieler stehen ständig im Wettbewerb und es kommt nicht von ungefähr, dass sie 14 Pflicht-Spiele in Serie nicht verloren haben. Es tut sich was - und das ist gut so."

Wir verlieren also nicht eher den Anschluss an die internationale Spitze?

"Nein, nein. Wir sind dabei, den Abstand zu verringern. Bei den Jugend-Nationalmannschaften befinden wir uns schon wieder auf Augenhöhe."

Ihnen ist nicht bange um die Zukunft?

"Nein. Ich bin der Meinung, dass wir die Talsohle durchschritten haben und uns am Gegenhang bewegen. Das kann man durch die Ergebnisse der älteren Jugendbereiche nachweisen."

Welches Ergebnis würde Ihnen den Abschied als DFB-Präsident nach der WM versüßen?

"Eine WM zum Abschluss ist ein toller Höhepunkt. Schöner könnte es gar nicht sein. Ich wünsche mir natürlich ein gutes Ende im Fußballerischen. Ich bin nicht vermessen: Der Viertelfinaleinzug wäre gut, das Halbfinale eine ganz tolle Sache. Wenn wir dann das Endspiel verpassen sollten, wäre es ein Trost, dass die Partie um Platz 3 hier in Stuttgart stattfindet."

Elmar Dreher und Ulrike John/DPA / DPA

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