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Hoffenheim: Rangnick rastet aus

Sind die Nerven beim Herbstmeister 1899 Hoffenheim angespannter als gedacht? Schmähgesänge bei einem Hallenturnier haben dafür gesorgt, dass Erfolgstrainer Ralf Rangnick die gegnerischen Fans von Waldhof Mannheim lautstark beschimpfte. Da hilft der souveräne Umgang mit den Bayern-Attacken nur wenig.

Von Frank Hellmann, Mannheim

Ein halbes Jahr lang war der Emporkömmling im Mannheimer Exil nicht nur willkommen, sondern auch erfolgreich. Bekanntlich hat der Novize 1899 Hoffenheim in der Quadratestadt Mannheim ein Gastspiel gegeben, das erfolgreicher hätte kaum sein können. Acht Spiele, sieben Siege, ein Remis - der Wohlfühlfaktor im Carl-Benz-Stadion von Mannheim, einstmals gebaut, damit der Traditionsverein SV Waldhof ein schmuckes Zuhause hat, war 2008 maßgeblich mitverantwortlich dafür, dass die Kraichgauer im Oberhaus zur Halbserie auf Rang eins überwintern. Im neuen Jahr spielt die Überraschungsmannschaft der Fußball-Bundesliga dann im neuen Domizil: in einem 60 Millionen Euro teuren Schmuckkästchen an der A 6 in Sinsheim, das schon am 24. Januar eingeweiht wird. Das sollte gelassen machen.

Doch beim Hallenturnier um den Harder-Cup in der Mannheimer SAP-Arena am Montagabend hat sich das Gegenteil gezeigt, als sich auf dem künstlichen Gras plötzlich der Regionalligist Waldhof und der Herbstmeister Hoffenheim duellierten. Da wurde alsbald klar, wem die Sympathien in Mannheim wirklich gehören. Kaum hatte Marco Rummenigge, Sohn von Ex-Profi Michael Rummenigge in allerletzter Sekunde für den Außenseiter ausgeglichen und ein Neunmeterschießen erzwungen, ertönte ein gellendes Pfeifkonzert, als Andreas Beck oder Carlos Eduardo antraten. Damit nicht genug: Hohn und Spott des harten Kern des Waldhof-Anhangs entlud sich beim - an sich völlig bedeutungslosen - Kick um Platz drei und schlug sogar in Neid und Missgunst um.

Schmähgesänge auf 1899 Hoffenheim und Dietmar Hopp, der ruhig in der Loge saß und dessen Sohn Daniel doch als Turnierdirektor fungierte, konterte die kleine Hoffenheimer Fanschar mit "Dietmar-Hopp"-Chören. "Ihr seid so lächerlich", grölten daraufhin die Waldhöfer, dem ein "Und schon wieder keine Stimmung - TSG!" folgte. "Und schon wieder keine Kohle - SVW", intonierte daraufhin die andere Seite.

Hopp unterstützt Mannheim

Dazu muss man wissen, dass SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp dem SV Waldhof Mannheim nicht nur mehrere Millionen für ein Jugendzentrum zur Verfügung gestellt, sondern auch ein Darlehen für den finanziell arg angeschlagenen Traditionsklub von 800.000 Euro gewährt hat, damit überhaupt die Unterdeckung im laufenden Geschäftsjahr aufgefangen werden kann. Eine halbe Million Euro kam zur Auszahlung, der Rest ist an Bedingungen geknüpft. Darüber hatte sich zwischen den Feiertagen Waldhof-Präsident Mario Nöll erregt und die offene Konfrontation mit Dietmar Hopp gesucht ("Es fühlt sich so an, dass Herr Hopp keine Konkurrenz wünscht") und eine Klage angedroht. Jetzt muss Nöll wohl zurücktreten.

Mit den Rufen der Fans hätte man es in der Arena also bewenden lassen können, hätte anschließend nicht der ehrgeizige Ralf Rangnick die Contenance verloren. Der engagierte Baumeister des Hoffenheimer Offensivspektakels, der sogar bei einem Hallenturnier so leidenschaftlich anleitet, als ginge es gerade um Bundesliga-Punkte, hatte die Mixtur aus Niederlage und Abneigung so arg zugesetzt, dass er danach aus der Haut fuhr. "Dass so etwas gesungen wird, ist ohne Worte. Wenn ich Dietmar Hopp wäre, würde ich denen keinen Cent geben." Und weiter: "Die sind ja bankrott trotz des Geldes von Dietmar Hopp. Denen ist nicht mehr zu helfen - die sind blind vor Tradition und Hass und bekommen die Realität nicht mehr mit. Das müssten doch Freunde von uns sein."

Rangnicks Ausraster ist Wasser auf die Mühlen derer, die Hopps Zuwendungen an den ehemaligen Bundesligaklub als Beruhigungspille für einen latent schwelenden Unruheherd angesehen haben. Doch gleichzeitig eröffnen die Tiraden in der Rhein-Neckar-Region wieder eine Baustelle, die gerade das wachsende Hoffenheimer Erfolgsprojekt nicht braucht. "Am besten man ignoriert, was beim SV Waldhof passiert", sagte auch Daniel Hopp, während Vater Dietmar ja schon alle Vorwürfe von Waldhof-Seite gekontert hatte. Die Vorwürfe aus Mannheim seien aus der Luft gegriffen. "Wie soll ich einen Verein entschulden, von dem ich nicht einmal weiß, wie hoch die Schulden sind."

Von Meisterschaft spricht niemand

Der Zoff Waldhof versus Hoffenheim geht also in die nächste Runde, der Streit Bayern gegen Hoffenheim jedoch nicht. Bekanntlich hatte Bayern-Präsident Franz Beckenbauern dem neuen Mitstreiter via mächtiger Hauspostille sogar "Größenwahn" vorgeworfen, was im kleinen Hoffenheim eher belustigt zur Kenntnis genommen wurde. "Ist doch schön, dass sie sich so mit uns beschäftigen", sagt Verteidiger Beck, während sein Trainer erläutert: "Wir spinnen nicht. Wir wollen uns doch nicht ernsthaft mit den Bayern messen. Offenbar sehen die uns besser, als wir selbst", sagt Rangnick. Dazu passt, dass der Fußball-Lehrer mit dem Beinamen Professor auch erstmals über tabellarische Ziele in der Rückrunde sprach - wenn auch verklausuliert. "Mir geht es um die Weiterentwicklung der Mannschaft. Wenn wir in der zweiten Halbserie klasse Fußball spielen und trotzdem nur Sechster werden, sage ich vielleicht: 'Chapeau'. Werden wir Vierter und ich sehe keine Verbesserungen, wäre ich weniger zufrieden." Von der Meisterschaft spricht der Mann zu keiner Sekunde.

An den Verbesserungen, die in erster Linie eine weitere Perfektionierung im Spiel gegen den Ball betreffen (Rangnick: "Die zwei Gegentore bei den Bayern müssen so nicht fallen"), soll wie im Vorjahr an der spanischen Südküste getüftelt werden. Nach den guten Erfahrungen 2008 quartiert sich Hoffenheims Tross 2009 wieder im Hyatt Regency Golf Resort in La Manga ein - am Freitag entflieht man der heimischen Kälte und wird in warmen Gefilden auch gegen den VfL Bochum (11. Januar), Hamburger SV (14. Januar) und FC Zürich (17. Januar) testen. "Dort haben wir damals die Grundlage für ein ganzes Jahr gelegt", sagt Manager Jan Schindelmeiser, "wie man nämlich mit elf Leuten gegen den Ball arbeitet." Auch Schindelmeiser ist gegen die Attacken des FC Bayern immun, "wir dürfen da nicht so empfindlich sein", erklärt er schmunzelnd, "ich nehme das zur Kenntnis, doch ich weiß, dass wir nicht größenwahnsinnig, sondern sehr geerdet sind." Am meisten würde man die Münchner Führungsspitze doch ärgern, "wenn wir unsere Spiele gewinnen."

Wohl wahr. Wo Teams wie Bayern, Schalke oder Werder sich für den Hallenkick längst zu schade sind, waren aus der Hoffenheimer Entourage selbst alle Protagonisten anwesend, die nicht beim Indoor-Spaß mitmischten. Vedad Ibisevic, Demba Ba, Tobias Weis, Marvin Compper oder Neuzugang Timo Hildebrand standen sogar brav vor dem Einlaufen Spalier und munterten den Rest auf. Von "meinen Jungs", sprach bereits Torwart Hildebrand, "für uns ist das eine Selbstverständlichkeit", erklärte Compper, deshalb hätten ja sieben Akteure die Weihnachtszeit gemeinsam in New York verbracht. "Diesen Spirit müssen wir pflegen, der kommt nicht automatisch", erklärt auch Rangnick. "Die Gefahr von Neid, Eifersucht und Missgunst ist in der Rückrunde größer geworden." Das kann man wohl sagen.

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