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International: Die Senkrechtstarter in Europas Ligen

Oktober. Ganz Europa ist von den steinreichen Topclubs besetzt. Ganz Europa? Nein! Ein kleiner Haufen unbeugsamer Senkrechtstarter sorgt für Furore in den Ligen des Kontinents. Wir stellen Ihnen die größten Überraschungen der bisherigen Saison vor.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte stand Levante am Sonntag für vier Stunden an der Spitze der Primera División. Der kleine Club aus Valencia, der wie der große Lokalrivale eine Fledermaus im Logo führt, das Wappentier von Valencia, aber trotzdem "Frösche" genannt wird, hatte mit 1:0 bei Real Betis gewonnen, und Barcelona zog erst am Abend wieder an den Fröschen vorbei.

Zwei Wochen zuvor hatte Levante, das mit einem Jahresetat von nur 20 Millionen Euro (weniger als fünf Prozent des Budgets von Barcelona) in die Saison geht, noch für mehr Aufsehen gesorgt, als der ehemalige Hannoveraner Arouna Koné das Goldene Tor beim 1:0-Sieg über Real Madrid erzielte. Es war der zweite Sieg gegen die Königlichen in Levantes Geschichte. Obwohl der erste im Estadio Santiago Bernabéu nur viereinhalb Jahre zurückliegt, ist kein Spieler von damals mehr im Team. Kein Wunder, blieb der Club doch vor seinem Abstieg 2008 den Spielern monatelang die Gehälter schuldig. Nur ein Benefizspiel der Liga verhalf den Profis damals zu ihrem Geld.

Nun aber hat die Mannschaft von Juan Ignacio Martínez, einem 47-jährigen Trainer, der seine erste Saison in der Primera Division bestreitet, die ersten sechs Saisonspiele ungeschlagen überstanden und schickt sich zumindest bisher an, die beste Platzierung am Saisonende in der Clubhistorie (Platz zehn) zu verbessern. Die erreichten die Frösche übrigens 1964. Da waren nicht einmal die jetzigen Spieler geboren - auch wenn neun der Profis, die am Wochenende bei Betis gewannen, älter als 30 sind.

Aber Levante ist nicht das einzige Erfolgsteam Europas, das vor der Saison niemand auf der Rechnung hatte...

England: Newcastle United

Als Newcastle United im vergangenen Winter den beliebten Manager Chris Hughton entließ und durch Alan Pardew ersetzte, sahen viele, vor allem die eigenen Fans, die Magpies als sicheren Absteiger. Schließlich war Hughton mit Newcastle wieder in die Premier League aufgestiegen, während Pardews letzte Trainerstation mit der Entlassung beim Drittligisten Southampton geendet hatte, davor war er mit Charlton Athletic aus der Premier League abgestiegen und hatte West Ham United seine schwerste Niederlagenserie seit 70 Jahren verabreicht.

Doch diesmal scheint Newcastles skurriler Besitzer Mike Ashley ausnahmsweise einen guten Griff getan zu haben. Der Milliardär, der in seiner südenglischen Heimat weit von Newcastle entfernt lebt und angeblich seit seiner Kindheit ein Fan von Tottenham Hotspur sein soll, war bisher vor allem dadurch aufgefallen, dass er Biergläser auf der Tribüne in einem Zug leeren konnte. Seine Transferpolitik hingegen sorgte für viel Spott.

Im Winter wechselte Andy Carroll für 35 Millionen Pfund nach Liverpool, aber anstatt das Geld mit vollen Händen wieder auszugeben, gab der Club im Sommer weitere Großverdiener ab: Joey Barton zu den Queens Park Rangers, Kevin Nolan zu West Ham United. Allein diese drei hatten 2010/11 28 Tore für die Magpies erzielt. Doch die Neuen schlugen wider Erwarten gut ein: Demba Ba, der nach seinem Hattrick eine Woche zuvor gegen die Blackburn Rovers am Wochenende schon wieder traf; Leon Best, der entgegen mancher Gerüchte zwar nicht mit George verwandt ist, aber aus der Mannschaft kaum noch weg zu denken ist; Gabriel Obertan, der bei Manchester United keine Chance gehabt hatte; und Yohan Cabaye, der aus Lille gekommene Sechser, der das Mittelfeld stabilisiert hat.

Neben Cabaye ist es vor allem der niederländische Keeper Tim Krul, der für die beste Defensive der Premier League in dieser Saison verantwortlich zeichnet. Erst vier Gegentore kassierten die noch ungeschlagenen Magpies in sieben Punktspielen. Das bedeutet bisher Champions League-Platz vier, noch vor Liverpool, Tottenham Hotspur und Arsenal. Bis zum Saisonende wird das wohl nicht so bleiben, aber Newcastle ist ein beeindruckendes Beispiel, das man auch mit jungen Spielern und einem ganz schlichten 4-4-2 in der Premier League Erfolg haben kann.

Italien: Cagliari

20 Trainer hat Calgiari seit dem Jahr 2000 schon entlassen. Der 21. Chefcoach hat allerdings das Zeug dazu, es etwas länger auszuhalten als die 6,43 Monate, die ein Mister auf dem sardischen Schleudersitz im Schnitt verweilen darf. Massimo Ficcadenti   feierte in seiner allerersten Serie A-Saison in der vorigen Spielzeit den souveränen Klassenerhalt mit Aufsteiger Cesena. Dort fiel seine Mannschaft trotz fast 20 Neuzugängen von Beginn an durch exzellente Organisation und große Fitness auf, was unter anderem auch zu einem Sieg gegen Milan führte.

Im Sommer wechselte Ficcadenti nun nach Sardinien, wo er in Cagliari Nachfolger von Roberto Donadoni wurde. Und was haben Milan, Inter, Roma und Lazio gemeinsam? Sie liegen alle hinter Cagliari, das nach fünf Spielen nur einen Punkt hinter Tabellenführer Juventus rangiert. Der Auftaktsieg in Rom ließ schon aufhorchen, aber auch im Folgenden verlor Cagliari nur in Palermo knapp.

Ficcadentis Team beeindruckte ansonsten mit einer soliden, aus sieben Italienern bestehenden Stammformation, die im 4-3-1-2 vom Belgier Radja Nainggolan im linken Mittelfeld und den beiden südamerikanischen Stürmern Thiago Ribeiro und Joaquín Larrivey ergänzt wird. Der von Cruzeiro ausgeliehene Thiago traf in zwei Ligaspielen, der aus seiner argentinischen Heimat zurückgekehrte Larrivey steuerte in der Coppa Italia einen Hattrick bei.

Österreich: FC Admira

Kennen Sie Maria Enzersdorf? Das ist ein Ort mit rund 8.000 Einwohnern in Niederösterreich. Dort trägt der FC Admira seine Heimspiele aus, in dieser Saison Aufsteiger in die österreichische Bundesliga. Ursprünglich stammte Admira/Wacker aus Wien, aber schon in den 1960er Jahren zog es den Traditionsverein in die Provinz - Sponsoren wollten es so. Ein großer Name im österreichischen Fußball ist die Admira schon lange nicht mehr, aber das könnte sich bald wieder ändern, wenn es nach Dietmar Kühbauer geht.

Denn der Coach, der früher in Wolfsburg und San Sebastian spielte, stieg in seiner ersten Saison als Cheftrainer gleich in die Bundesliga auf - und steht dort nach zehn Spieltagen auf Platz eins, Admiras erste Tabellenführung seit 1993. Am Wochenende gegen Rapid Wien war das Stadion in Maria Enzersdorf zum ersten Mal seit 1994 (UEFA Cup gegen Juventus) wieder ausverkauft, wie die Zeitung Der Standard ermittelt hat. Zwar war mehr als die Hälfte der 10.600 Zuschauer im Grün-Weiß von Rapid erschienen, aber dem Schatzmeister wird es egal sein.

Das Spiel endete 4:3, wobei die Admira erst einen 3:0-Vorsprung verspielte, um dann drei Minuten vor Schluss doch noch zum verdienten Sieg zu kommen. Mit schnellem Konterfußball hat Kühbauers Team in dieser Spielzeit schon Red Bull Salzburg, Austria Wien und Meister Sturm Graz geschlagen, seit neun Spielen sind die Vorstädter unbesiegt. Wohl nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Anfragen hinsichtlich der Vertragsdauer des Erfolgstrainers eingehen.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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