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International: Trainerlegenden - Bill Shankly

Mit 14 arbeitete er im Bergwerk. Mit 18 war er Fußballprofi. Wie 49 andere Männer aus seinem kleinen Dorf in Südschottland. Das Dorf gibt es nicht mehr. Und Bill Shankly ist tot. Aber obwohl die größten Erfolge seines Clubs Liverpool von seinen Nachfolgern errungen wurden, ist Shankly die große Legende der Reds. Wir stellen uns die Frage: Warum eigentlich?

Eine kleine, schlecht befahrbare Straße zweigt von der Landstraße A 70 ab, die Ayr und Lanark verbindet, und führt nach Glenbuck. Heutzutage ist diese Gegend von Ayrshire in Schottland, eine knappe Autostunde südlich von Glasgow, malerisch und menschenverlassen. Vor 98 Jahren war das noch anders, da war Glenbuck vom Bergbau geprägt.

Damals wurde hier Bill Shankly geboren, der zu einem der bedeutendsten Fußballtrainer des 20. Jahrhunderts werden sollte. In seiner Autobiographie verglich Shankly Glenbuck mit der Äußeren Mongolei: lange, kalte Winter und vier Monate Schnee pro Jahr. Glenbuck hatte in der Hochzeit der Kohlegruben rund 1.500 Einwohner. Fast alle arbeiteten im Bergbau, fast niemand schaffte es auf die nächst gelegene Höhere Schule in Muirkirk.

Auch Bill Shankly verließ mit 14 die Schule, um Kohle zu verladen. Es war 1927, und die Bergbaubetreiber hatten elektrische Beleuchtung in den Gruben installiert - etwas, das es in den Privathäusern von Glenbuck nicht gab. Nach zwei Jahren harter Arbeit wurde der Teenager Shankly jedoch entlassen - sein Arbeitgeber begann, die Zechen zu schließen.

Gutes Pflaster für Fußballer

Für die jungen Männer von Glenbuck gab es eigentlich nur eine ernsthafte Alternative zum Bergbau: den Fußball. Wie schottische Historiker ermittelt haben wollen, brachte das kleine Dorf in den Hügeln rund 50 Profifußballer hervor. Fast alle von ihnen spielten zunächst im örtlichen Team, den legendären Glenbuck Cherrypickers. 1931 wurde der Club aufgelöst, und der ehemalige Platz ist heute eine überwucherte Wiese ohne Tribünen. Überhaupt stehen in Glenbuck heute vielleicht noch vier bewohnte Häuser, der Rest wich im späten 20. Jahrhundert dem Tagebau.

Dennoch pilgern immer wieder Fußballfans in das ehemalige Dorf, um den Gedenkstein an Bill Shankly zu besuchen. "Selten kann es in der Sportgeschichte ein Dorf von der Größe von Glenbuck gegeben haben, das so Viele hervorbrachte, die in ihrer Disziplin so Herausragendes erreicht haben", so beginnt die Inschrift auf der Tafel.

Alle vier Brüder von Bill Shankly wurden ebenfalls Profifußballer, sein Bruder Bob auch ein sehr erfolgreicher Trainer, der Dundee zur schottischen Meisterschaft und 1963 bis ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister führte. Bill selbst wurde als 18-Jähriger von Carlisle United verpflichtet, gleich hinter der englischen Grenze.

Aufstieg zum Nationalspieler

Nach nur einem Jahr holte ihn Preston North End, der Club, bei dem er den Rest seiner aktiven Karriere verbringen sollte, und mit dem er 1938 den FA Cup im Finale gegen Huddersfield Town gewann. Inzwischen war Shankly auch schottischer Nationalspieler geworden, doch der zweite Weltkrieg verhinderte, dass er mehr als fünf Länderspiele bestritt - eines von ihnen immerhin zusammen mit Matt Busby, seinem späteren Rivalen und Trainer von Manchester United.

Nach fast 300 Ligaspielen mit Preston North End beendete Shankly seine aktive Karriere 1949 im Alter von 34 Jahren, um die Trainerlaufbahn einzuschlagen. Wie schon als Spieler verbrachte er auch seine Managerlaufbahn komplett in England. Was nicht dazu beitrug, seinen schottischen Patriotismus abzumildern. Der englische Fußballjournalist Brian Glanville erinnert an eine Anekdote aus Shanklys Zeit bei Huddersfield Town.

Nach dem Training habe er fünf weiße und fünf blaue Trikots hervorgeholt und mit seinen Profis ein Spiel England gegen Schottland nachgestellt. Shankly selbst spielte für Schottland. Nachdem der spätere englische Nationalspieler Mike O'Grady zweimal an seinem Trainer vorbei zum Torabschluss gekommen war, habe Shankly ihn umgesenst und ihm zugeknurrt: "Do that again and I'll break your bloody leg".

Stärker als sein schottischer Nationalstolz war aber immer Shanklys trockener Humor. "Wenn Du drei Schotten in der Mannschaft hast, hast Du eine Chance, zu gewinnen. Wenn Du mehr als drei hast, hast Du ein Problem", wird er auf der Website LFCHistory.net zitiert.

Die Reds passen zu Shankly

Als Clubmanager brauchte Shankly zehn Jahre, bis er den Club gefunden hatte, der zu ihm und seinem Ehrgeiz passte. Bis dahin hatten seine Engagements bei Carlisle United, Grimsby Town, Workington und Huddersfield Town keinen anhaltenden Erfolg gehabt - meist, weil Shankly sich mit dem Vorstand nicht über die seiner Meinung nach notwendigen Investitionen einigen konnte.

1959 ergab sich dann die Chance, Liverpool zu übernehmen. Bereits 1951 hatte Shankly sich um den Trainerposten beim damals fünffachen Meister beworben, war aber abgelehnt worden. Inzwischen aber war Liverpool in die Zweitklassigkeit abgerutscht, und nach einer blamablen Pokalniederlage gegen den Amateurclub Worcester City wurde Manager Phil Taylor gefeuert und Shankly verpflichtet.

Als Bill Shankly seinen neuen Job antrat, lag der Liverpool Football Club sprichwörtlich in Trümmern. Das Stadion war baufällig, auf dem Trainingsgelände gab es nur einen funktionierenden Wasserhahn, und von seinem Kader war der neue Manager so wenig überzeugt, dass er sofort 24 Spieler aussortierte.

Im Gegensatz dazu vertraute er aber klugerweise dem bereits vorhandenen Trainerstab, zu dem auch Physiotherapeut Bob Paisley und Assistenzcoach Joe Fagan gehörten. Diese beiden sollten in den 1970ern und 1980ern Shanklys direkte Nachfolger als Manager des Clubs werden und mit zusammen 16 Titeln, darunter vier Europapokalen der Landesmeister, noch wesentlich erfolgreicher werden als ihr ehemaliger Boss.

Die Legende vom Boot Room

Mit Fagan, Paisley und Konditionstrainer Reuben Bennett begründete Shankly die Tradition des legendären Boot Room - einer Kleiderkammer, in der sich der Trainerstab traf, um Whisky zu trinken und die Taktik der nächsten Spiele sowie die Kaderplanung zu diskutieren. Bis in die 1990er Jahre hinein gab es diesen mystisch verehrten Raum, aus dem bis zu Gérard Houlliers Zeit mehr als 40 Jahre lang alle Liverpooler Manager hervorgingen.

Ein großer Taktikfuchs war Shankly selbst nicht, seine Liverpooler Zeit lebte von der großen Fitness seiner Spieler, auf die er höchsten Wert legte. Nicht zufällig fielen die großen internationalen Erfolge der Reds in die Zeit nach seinem Rücktritt 1974, als Paisley und Fagan herausgefunden hatten, wie sie auch gegen technisch und taktisch hochklassige europäische Teams bestehen konnten.

Was Shankly zum bis heute meist verehrten Manager der Liverpooler Clubgeschichte macht, waren nicht vor allem seine taktischen Geniestreiche (obgleich seine sportliche Bilanz mit dem Wiederaufstieg, drei Meistertiteln, zwei FA Cups und einem UEFA Cup sehr beachtlich war). Vielmehr war es die Transformation des Clubs von einem durchschnittlichen Zweitligaclub zu einem der großen Teams Europas, die er auf allen Ebenen vorantrieb, und sein großer persönlicher Charme, die ihn zur Legende machten.

Vom Team-Building durch gemeinsame Essen, den Ausbau des Fitnesstrainings und den professionell arbeitenden Trainerstab bis hin zur psychologischen Maßnahme, Liverpool ab 1964 ganz in Rot spielen zu lassen (statt in roten Trikots mit weißen Hosen wie viele andere Teams), um so machtvoller und gefährlicher zu erscheinen, kümmerte er sich um alle Aspekte rund um den Club.

Die Legende lebt

Der überzeugte Sozialist Shankly wurde auch wegen seiner herzlichen, offenen Einstellung zu den Fans verehrt. Viele Briefe von Fans beantwortete er selbst auf seiner Schreibmaschine, manche Anhänger soll er sogar angerufen haben, um mit ihnen über das letzte Spiel zu diskutieren.

Weltberühmt wurde das Foto, das Shankly zeigt, wie er den von einem Polizisten auf den Boden geworfenen Schal eines Liverpool-Fans um den Hals gebunden hat (nachdem er den Bobby wegen seines respektlosen Umgangs mit diesem Symbol zurechtgewiesen hatte), und sich so von den Fans im Stadion feiern lässt. Diese Episode ist auch im Shankly-Denkmal vor dem Stadion an der Anfield Road verewigt worden, das den Trainer in eben dieser Pose zeigt.

Der ganz große Triumph, der Gewinn des Europapokals der Landesmeister, blieb Shankly verwehrt. 1965 scheiterte Liverpool, das durch eine Münzwurfentscheidung gegen Köln das Halbfinale erreicht hatte, dort in einem von vielen umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen geprägten Spiel an Helenio Herreras Inter.

Drei Jahre später war schon in der zweiten Runde Schluss, als eine Ajax-Mannschaft, in der der 19-jährige Johan Cruyff spielte, im Nebel von Amsterdam mit 5:1 gewann. Shanklys sarkastischer Kommentar, an den sich Glanville erinnert: "Das ist furchtbar. Eine Mannschaft, die zu Hause so defensiv spielt". 1972 war Roter Stern Belgrad zu stark und gewann sogar an der Anfield Road.

"Fußball ist keine Frage von Leben und Tod. Es ist viel wichtiger"

Von der internationalen Bilanz her darf Bill Shankly also nicht zu den ganz großen Trainern gezählt werden - auch, wenn er 1973 den UEFA Cup gegen Borussia Mönchengladbach gewann. Eine Legende ist Bill Shankly vor allem anderen wegen seiner Persönlichkeit geworden, die ihm auch wegen seiner zahlreichen Sprüche über den Lokalrivalen Everton die Liebe der Reds-Fans eintrug. Aus Platzgründen können hier nur zwei der besten Aussagen wieder gegeben werden: "Wenn Everton in meinem Garten spielen würde, würde ich die Vorhänge zuziehen", und: "Es gibt nur zwei Teams in Liverpool: Liverpool. Und Liverpools Reserve."

So weit es sich rekonstruieren lässt, stammt Shanklys berühmtestes Zitat gar nicht von  ihm selbst. "Fußball ist keine Frage von Leben und Tod. Es ist viel wichtiger", wird in ähnlicher Form dem amerikanischen College-Football-Coach Henry Russell Sanders zugeschrieben, der vor dem Spiel gegen den Stadtrivalen USC gesagt haben soll: "Das ist keine Frage von Leben und Tod. Es ist wichtiger."

Das muss Shanklys Ruhm jedoch in keiner Weise schmälern, lebt das Andenken des Mannes, dessen Witwe Nessie bis zu ihrem Tod 2002, 20 Jahre nach dem Ableben ihres Mannes, im gleichen Haus wohnte, in das sie 1959 mit Bill gezogen war, doch in zahllosen anderen Sprüchen fort.

So hören wir noch einmal den Erinnerungen von Brian Glanville zu, der in der Zeitschrift World Soccer an ein unterklassiges Spiel erinnert, bei dem Shankly mit seiner Frau an einem bitterkalten Winterabend auf der Tribüne saß. Als er nach dem Grund gefragt worden sei, habe Shankly entgegnet: "Es ist ihr Geburtstag".

Diese Version wurde von Shankly später übrigens selbst bestritten: "Nein, ich glaube, es war unser Hochzeitstag". 

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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