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Interview mit Jürgen Klopp: "Ich bin Trainer, basta!"

Bei Borussia Dortmund liegen sie ihrem Coach Jürgen Klopp zu Füßen. Da fällt es schwer, nicht abzuheben. Im Trainingslager spricht Klopp über die Erwartungen im Ruhrgebiet, die Daseinsberechtigung als Fußballer und Konflikte mit dem Schweizer Boulevard.

Ein Zuckerschlecken sind die Tage in Donaueschingen für die Profis von Borussia Dortmund nicht. Saisonvorbereitung bedeutet vor allem: Kondition bolzen. Jürgen Klopp kommt gerade von einer Trainingseinheit auf dem Mountainbike zurück. Im Foyer des Mannschaftshotels lässt sich der 42-Jährige in einen Ledersessel fallen und schnauft erst mal durch. Die Apfelsaftschorle leert er in einem Zug.

Herr Klopp, wie ist es eigentlich um Ihre Fitness bestellt?

Wesentlich besser als noch vor einem Jahr. Aber die eineinhalb Stunden jetzt gerade auf dem Rad waren der Wahnsinn. Meine Oberschenkel brennen immer noch. Als ich abgestiegen bin, wäre ich beinahe umgefallen.

Sie haben neuerdings Ihre eigene Kollektion mit dem Namen "Übungsleiter K". Im Schlabberlook - um damit die eine oder andere Rundung zu kaschieren?

(Zieht das T-Shirt hoch und klopft auf seinen Bauch) Ach, das geht doch alles noch. Aber die Trikots sind sehr eng auf den Körper geschnitten, nur die Spieler können so was tragen.

Man hat sie als "Borussenflüsterer" bezeichnet, die "Ruhr Nachrichten" schrieben, Sie hätten den Patienten BVB von einer schweren Depression befreit. Fühlen Sie sich als Wunderheiler des Fußballs?

Ich kann mit solchen Begriffen nichts anfangen. Natürlich bin ich, wie jeder Mensch, froh, wenn es in der Berichterstattung eine eher positive Tendenz gibt. Aber all die Superlative! Ich bin Trainer, basta. Und das Lob relativiert sich schnell, wenn der Erfolg ausbleibt. In Dortmund war von Rieseneuphorie die Rede, und als wir acht Spiele nicht gewonnen haben, fing es an zu rumoren. Oder nach der WM 2006: Da bin ich in der nächsten Saison mit Mainz abgestiegen, und schon hieß es: Dieser Blinde soll uns die Länderspiele erklären?

Im TV-Studio hätten Sie es leichter.

Stimmt. Aber was ich in Dortmund mache, ist genau das, was ich will. Meine Lust darauf ist unglaublich groß. Ich freue mich tatsächlich jeden Morgen darauf, zur Arbeit gehen zu dürfen.

Sind Sie Überzeugungstäter?

Sicher. Eine unserer Daseinsberechtigungen als Fußballer ist, die Leute zu unterhalten. Wir sind ja keine lebensrettende Industrie. Wir haben kein Penicillin oder ähnliches erfunden. Wir gehen am Wochenende raus, damit die Leute Spaß haben.

Ist Ihre Position in Dortmund schon so gefestigt, dass Sie eine größere Krise unbeschadet überstehen würden? In Mainz waren Sie ja praktisch unkündbar.

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich glaube, von Herbert Widmayer stammt der Spruch, man sei erst ein richtiger Trainer, wenn man einmal rausgeflogen ist. Ich kann auch ohne diese Erfahrung gut leben.

Wer einen Kratzer in der derzeit so heilen BVB-Welt finden will, könnte bei Stürmer Alexander Frei landen.

Ständig wird davon geredet, er sei unzufrieden. Haben Sie Alex hier trainieren sehen? Sieht so einer aus, der leidet? Das ist ein vollkommen ehrlicher Typ. Wenn ihm was gegen den Strich gehen würde, würde es jeder merken.

Vielleicht wünscht er sich eine stärkere Position. Schließlich ist er Kapitän der Schweizer Nationalelf.

Wenn Alex seine Form bringt, hat er bei mir eine superstarke Position. Und wenn ich ihn mal in der 75. Minute vom Feld hole, schaut er natürlich nicht glücklich drein. Aber davon kann ich doch mein Handeln nicht abhängig machen.

In Dortmund ist Frei Publikumsliebling. Die Fans fordern, seinen Vertrag zu verlängern, doch das passiert nicht. So entstehen Spekulationen.

Wir können unsere Entscheidungen nicht von der Gefühlslage der Fans oder der Journalisten abhängig machen. Borussia Dortmund muss sparen, und deshalb warten Watzke und Zorc erst einmal ab. Wer behauptet, Alex Frei sei hier unzufrieden, hat keine Ahnung.

In der Schweiz ist das Thema.

Das kommt vor allem daher, dass mich der "Blick" (Schweizer "Bild"-Pendant, d. Red.) auf dem Kieker hat. Die hatten die Überschrift "Wann stopft Frei Klopp endlich das Maul?". Das fand ich so weit unter der Gürtellinie, dass ich einen Interviewwunsch mit diesem Blatt abgelehnt habe. Seitdem ist unser Verhältnis angespannt.

Mit Nuri Sahin und Neven Subotic haben Sie zwei junge Spieler langfristig gebunden. Werden diese beiden irgendwann bei einem europäischen Topklub landen?

Ich wünsche ihnen, eines Tages diese Option zu haben. Erst einmal ist es für uns ein Qualitätsmerkmal, dass sich diese Jungen bei uns entwickeln wollen.

Wie gehen Sie mit der Erwartung in einem Umfeld um, in dem 50.000 Dauerkarten verkauft werden und die Menschen europäischen Fußball sehen wollen?

Wer sich ein bisschen mit Borussia Dortmund beschäftigt hat, weiß, dass dieser Verein in seiner 100-jährigen Geschichte nicht nur Meister und Champions-League-Sieger geworden ist, sondern auch beinahe an die Wand gefahren worden wäre. Das ist gerade mal fünf Jahre her. So etwas lässt die Leute demütig werden. Sie wissen, dass wir weiter Schulden abbauen müssen.

Können Sie sich vorstellen, in Dortmund genauso lange zu arbeiten wie in Mainz?

Um das zu schaffen, müssten wir zwischendurch mal den einen oder anderen Titel gewinnen oder uns wenigstens für die Champions League qualifizieren. Nur mit Nichtabstiegen kannst du die Leute in Dortmund nicht zufriedenstellen.

Interview: Felix Meininghaus / FTD

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