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Interview mit Klinsmann: "Es platzt einem schon mal der Kragen"

Bundestrainer Jürgen Klinsmann ist stinksauer: Die Leistung seiner Mannschaft im Spiel gegen die Türkei ließ deutlich zu Wünschen übrig. Dennoch hält Klinsmann am großen Ziel fest.

Müssen Sie nach dem erneuten schwachen Auftritt ihrer Mannschaft Abstriche an ihrem Ziel machen, Weltmeister zu werden?

Nein, in keinster Weise. Weil es die einzig richtige Zielvorgabe ist. Wenn der dreimalige Weltmeister im eigenen Land eine WM spielt, hoffen 80 Millionen Fans auf das Endspiel. Die Spieler wären sonst mental gar nicht vorbereitet auf die hohe Erwartungshaltung, die automatisch kommen wird. Das Ziel zu korrigieren wäre fatal. Dann würden wir der Mannschaft zeigen, dass wir nicht an sie glauben. Aber wir glauben an sie.

Aber das 1:2 in der Türkei war erneut ein herber Dämpfer. Wie ordnen Sie die Niederlage ein?

Wir sind vor allem mit der ersten Halbzeit sehr unzufrieden und verärgert. Dieser Verärgerung habe ich auch Luft gemacht in der Halbzeitpause. Da platzt einem schon mal ein bisschen der Kragen. Wir hatten große Probleme in der Abstimmung im Mittelfeld sowie zwischen Mittelfeld und Abwehr. Bastürk konnte 30 Minuten machen, was er wollte. Wichtig ist jetzt für den Lernprozess, so einen Dämpfer aufzunehmen und zu verarbeiten.

Läuft Ihnen angesichts der aufgezeigten Mängel und Schwächen nicht die Zeit davon bis zur WM?

Die Sorge haben wir nicht. Aber wird haben sehr deutlich gesehen, dass wir noch enorm viel Arbeit vor uns haben, vor allem was das Defensivverhalten der gesamten Mannschaft betrifft. Es fehlen die lautstarken Kommandos auf dem Platz. Da traut sich noch keiner, wenn der Leader ausfällt.

Sie sehen sich also noch im Zeitplan?

Wir liegen im Zeitplan. Jetzt haben sie einige Kapriolen geschlagen und Fehler gemacht. Um zu wachsen, brauchen die Spieler auch Rückschläge. Wenn alles bestens läuft, wir Friede, Freude, Eierkuchen bis zur WM haben, dann kriegt man auf einmal bei der WM ein paar auf den Deckel und dann ist die WM beendet.

Die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsauftritten ist riesengroß. Wo liegen die Ursachen?

Schwer zu sagen, wenn wir es wüssten, könnten wir es sofort abstellen. Zu Hause spielen wir frecher, auswärts gehemmt. Das liegt zum Teil an der Unerfahrenheit. Da ist noch ein Gefühl, dass man noch nicht so richtig an sich glaubt. Die Selbstüberzeugung fehlt noch, ein Spiel zu dominieren. Wenn man nicht so richtig ins Spiel kommt, muss man auch mal über den Kampf Akzente setzten, da müssen mal die Funken fliegen.

Wie sehen die Konsequenzen aus?

Wir werden jeden Einzelnen stärken und weiter mitnehmen. Sie haben schon gezeigt, dass sie es können. Wichtig ist, dass sie alle lernen, was von ihnen erwartet wird. Es wird nicht der letzte Rückschlag sein, den sie erleiden werden auf dem Weg zur WM. Auch wenn der eine oder andere Spieler mal getauscht wird, wissen sie, dass sie das Vertrauen des Trainerstabes haben.

Werden Sie jetzt personell wieder Veränderungen vornehmen oder wird sich die Mannschaft wie angekündigt weiter einspielen?

Wir müssen die richtige Mischung finden. Natürlich versuchen wir, Dinge zu verfeinern und zu verbessern, uns einzuspielen. Aber das kommt auch immer auf die Tagessituation an, welche Spieler fehlen. Es kommt dazu, dass wir einen ausgeglichenen Konkurrenzkampf haben. Letztlich kann auch bei einem Turnier viel passieren.

Interview: Jens Mende/DPA / DPA
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