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Joachim Löw: "Spielerisch nicht immer auf hohem Niveau"

Bundestrainer Joachim Löw hat trotz der EM-Finalteilnahme eine durchwachsene Bilanz des Jahres 2008 gezogen."Wir waren spielerisch nicht immer auf hohem Niveau", räumte er ein. Auch die Dissonanzen um Michael Ballack und Torsten Frings hätten das Bild der Nationalelf getrübt. Für 2009 kündigte Löw weitere Experimente an - und die Rückkehr zu einer unbeliebten Trainingseinheit.

Am Ende eines turbulenten Jahres mit der EM-Finalteilnahme und dem Wirbel um Michael Ballack hat Joachim Löw den deutschen Fußball zu gemeinsamen Anstrengungen auf dem Weg zur WM 2010 aufgefordert. "Wir alle können uns verbessern. In punkto Tempo, in punkto Taktik müssen wir weiter arbeiten. Wir sind noch nicht am Ziel", sagte der Bundestrainer in einem Interview.

Nationalmannschaft und Bundesliga-Vereine hätten noch nicht ihr Leistungslimit erreicht. Löw räumte ein, dass das DFB- Team unter der Auseinandersetzung mit den Führungsspielern Michael Ballack und Torsten Frings im Herbst "gelitten" habe. "In Zukunft werden wir vermeiden, dass Auseinandersetzungen öffentlich ausgetragen werden", versicherte der 48-Jährige. Für 2009 kündigte er zudem an, wieder die Fitness-Tests für Nationalspieler abzuhalten.

Spanien ist das Vorbild

Im internationalen Vergleich sieht Löw den deutschen Fußball noch nicht auf höchsten Niveau angekommen und bezeichnete Europameister Spanien als Vorbild. "Es ist klar, dass wir unsere Arbeit weiter optimieren wollen, und dazu haben wir unsere Analysen gemacht", sagte er und nannte Prioritäten: "Die WM-Qualifikation schaffen, junge Spieler einbauen, die Infrastruktur verbessern, Nachwuchsarbeit optimieren, all' dies werden wir angehen. Es gibt schon noch Bereiche, wo wir neue Maßstäbe setzen können und wollen. Denn wir waren spielerisch nicht immer auf hohem Niveau."

Bayern München als einziger Vertreter im Achtelfinale der Champions League könne nicht der Anspruch des deutschen Fußballs sein. "Da wird der beste, intensivste Fußball gespielt. Für jeden Spieler ist es enorm wichtig, sich in der Champions League zu zeigen. Da kann man sich am ehesten messen und verbessern in der Entwicklung. Es wäre wünschenswert, wenn all' unsere Mannschaften die Vorrunde überstehen würden. Umso mehr vertreten sind, desto besser."

In die Diskussion um eine Umverteilung der Fernsehgelder zu Gunsten der starken Bundesliga-Vereine will sich Löw nicht einmischen. "Für mich gibt es ein anderes Thema. Für mich hat qualitative Verbesserung absolute Priorität. Andere Dinge kann ich nicht beeinflussen. Und es gibt Vereine, die beweisen, dass sie mit einer konzeptionellen Arbeit mittel- und langfristig erfolgreich sind und durch eine gute Ausbildung dann Geld einnehmen. Für mich ist der sportliche Inhalt der Ansatz", sagte der DFB-Chefcoach.

Fitness-Tests sind 2009 wieder im Programm

Für eine bessere Leistungsdiagnostik werden 2009 die in diesem Jahr aus Zeitgründen ausgefallenen Leistungstests wieder eingeführt. "Es ist schon wichtig, dass wir den Fitness-Test mal wieder machen." Einen konkreten Termin gibt es dafür noch nicht, realisierbar seien Leistungstests aber nur während eines Doppel-Spieltags der Nationalelf. "Es ist gut, wenn wir unsere Datenbank jetzt wieder mit Anhaltspunkten aus dem erweiterten Kader auffüllen", erläuterte Löw.

Die große Auseinandersetzung mit Kapitän Ballack und Routinier Frings betrachtet der Bundestrainer in der Rückschau selbstkritisch. "Es gab manche Rückschläge, die wir im Laufe des Jahres erleben mussten. Dadurch ist auch das Bild der Nationalmannschaft in ein anderes Licht gerückt worden. Und darunter haben wir gelitten." Kritik müsse teamintern geäußert werden, bekräftigte Löw: "Wir sind intern für alle Kritik offen, weil wir Kritik als etwas Positives sehen. Wir fragen uns selbst, was können wir besser machen."

Berufung von Ballack und Frings gegen Norwegen wahrscheinlich

Ballack und Frings sieht er weiterhin als wichtige Spieler an. Von einer Berufung für das erste Länderspiel 2009 gegen Norwegen am 11. Februar in Düsseldorf ist auszugehen. "Wenn sie von Verletzungen verschont bleiben, wenn die Vorbereitung stimmt. In England wird Michael Ballack beim FC Chelsea keine Winterpause haben und somit im Rhythmus sein. Wenn Torsten Frings bei Werder Bremen in der Vorbereitung seinen normalen Leistungsstand erreicht, ist er wertvoll für die Mannschaft."

Weitere personelle Experimente bei der WM-Qualifikation mit EM-Halbfinalist Russland als härtestem Konkurrenten schloss Löw nicht aus. "Wir haben jetzt am Anfang eines Zweijahresrhythmus' die Möglichkeit, Spieler zu fördern und zu sehen, ob sie in der Lage sind, das Niveau Richtung 2010, 2011, 2012 zu erreichen. Wir haben experimentiert, wo es angebracht war. Das wird im nächsten Jahr mit Sicherheit auch noch mal vorangetrieben", sagte der Bundestrainer, der auch die spanischen Sorgenkinder Timo Hildebrand und Christoph Metzelder weiter zum Kandidatenkreis zählt.

Hildebrands Wechsel zu 1899 Hoffenheim bezeichnete er als "guten Schritt". Zumal der Überraschungs-Herbstmeister aus dem Badischen großen Respekt verdiene. "Sie haben immer spielerisch ihre Akzente gesetzt. Das ist nicht die Euphorie eines Aufsteigers, sondern die Qualität dieser Mannschaft. Ich bin sicher, dass Hoffenheim die nächsten Jahre in der Bundesliga-Spitze zu finden sein wird." Löw prophezeit einen spannenden Titelkampf in der Rückrunde: "Die Bayern wissen, dass Hoffenheim schon in diesem Jahr ein ernstzunehmender Konkurrent ist."

DPA / DPA

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