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Kommentar: Endgültige Narrenfreiheit

Ein neues Transfer-Urteil stellt die Fußballwelt auf den Kopf: Spieler können sich in Zukunft mit einem Jahresgehalt freikaufen und Verträge ohne Gründe auflösen. Der Fan muss sich nicht nur jährlich an neue Trikots, sondern auch einen zur Hälfte erneuerten Spielerkader gewöhnen. Im Sinne des Fußballs ist das nicht.

Von Frank Hellmann

Stell Dir vor, der Manager eines Fußball-Bundesligisten, sitzt vor Dir und fragt Dich, was Du verdienen willst? Vor Dir liegt der Vertrag und es fehlt nur die Summe mit den Nullen. Gibt es nicht? Gab es schon! Anfang des Jahrtausends, als das gewichtige Unikum Reiner Calmund bei Bayer Leverkusen das Sagen hatte und Geld irgendwie keine Rolle zu spielen schien. Es ist eine der skurrilsten Episoden in dem Buch "Traumhüter" von der unglaublichen Karriere des Torwarts Lars Leese, als der Autor Ronald Reng genau diese Begebenheit aus den Vertragsverhandlungen zwischen Leese und Calmund in der BayArena detailliert beschreibt. Und damit zeigt, wie allmächtig die Fußballprofis zeitweise sind.

Wer glaubt, der Irrsinn habe heute seine Grenzen, der täuscht sich. Im Gegenteil: Die ohnehin kaum begrenzte und zu begrenzende Macht der Spieler und ihrer Einflüsterer wird noch weiter zunehmen - und die ohnehin schon horrenden Gehälter, Prämien und Handgelder werden sich noch ein ganzes Stück nach oben verschieben. Denn das jüngste Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes, das dem 28-jährigen Schotten Andy Webster beim Vertragsbruch im Grunde Recht gab, könnte sich genauso als Geldvermehrungsmaßnahme für die kickende Belegschaft und ihre Gefolgschaft in Person der Spielerberater erweisen wie einst das Bosman-Urteil, das erst ablösefreie Wechsel ermöglichte.

Die endgültige Narrenfreiheit

Die Bundesliga-Funktionäre sprechen bereits jetzt von verheerenden Folgen, wenn Verträge nach zwei Jahren keinen Wert mehr besitzen. Die Folge? Die ohnehin viel zu hohe Fluktuation in den Vereinen würde noch an Fahrt gewinnen, die ohnehin wenig ausgeprägte Identifikation mit den Klubinteressen endgültig konterkariert. Denn im Grunde sind befähigte Fußballer dazu aufgefordert, alle zwei Jahre den Arbeitgeber zu wechseln, wollen sie bestens verdienen. Schon heute ist jede Vertragsverlängerung umworbener Akteure nur mit erheblichen Nebenzahlungen in Form von Handgeldern möglich, da diese automatisch bei jedem ablösefreien Wechsel fließen oder auf das Gehalt aufgestockt werden.

Wenn das Beispiel Webster Schule macht, können Akteure sich mit einem Jahresgehalt freikaufen; sie können Verträge ohne triftige Gründe auflösen - man darf auch sagen, sie hätten endgültig Narrenfreiheit. Und die rund 30 Millionen Euro, die schon jetzt aus dem deutschen Profifußball jede Saison als Provisionen, Gebühren oder Gefälligkeiten getarnt auf den Konten der Spieleragenten landen, dürften sich locker verdoppeln.

Fifa mitschuldig

Die Pappnase haben in erster Linie die Klubverantwortlichen auf. Heribert Bruchhagen, der unaufgeregte Boss des Mittelmaß-Vertreters Eintracht Frankfurt, kündigt bereits an, er wolle künftig noch genauer auf den Charakter des Spielers achten. Aber er ahne, welche Konsequenzen das Urteil habe: Nämlich die, dass sich die Anhängerschaft nicht nur jährlich an neue Trikots sondern vermutlich auch einen zur Hälfte erneuerten Spielerkader gewöhnen muss. Im Sinne des Fußballs kann das kaum sein - der strukturelle Aufbau einer Mannschaft wird damit unmöglich.

Schuld am fatalen Urteilsspruch sind indes nicht allein wenig mit der Materie Profisport vertraute Richter, sondern auch die honorigen Herren in der Rechtsabteilung des Fußball-Weltverbandes Fifa. Denn es war die Fifa, die in Verkennung der Folgen einen Artikel 17 auf Druck der EU erlassen hat, der nun dem Sportgerichtshof zur Urteilsbegründung dient: Demnach können Profis nach Ablauf einer Schutzzeit von maximal drei Jahren den Verein ins Ausland verlassen, sind sie über 28 Jahre alt, schon nach zwei Jahren.

Van der Vaarts Vertrag eine einzige Farce

Ist es beruhigend, dass Rafael van der Vaart die besorgten Fans des Hamburger SV wissen lässt, dass er, mit einem Vier-Jahres-Kontrakt und einem Millionen-Gehalt ausstaffiert, er werde auf keinen Fall mit Artikel 17 seinen Wechsel erzwingen? In Wahrheit ist das verlogen: Denn der Niederländer, der schon vergangenen Sommer mit Valencia-Trikot posierte, um seinen Weggang durchzudrücken, hat ohnehin ein so ausgetüfteltes Vertragswerk ausverhandeln lassen, das ihm alle Freiheiten und Gewinnmöglichkeiten lässt. Da gibt es Ausstiegsklauseln und festgeschriebene Ablösen und vermutlich noch vieles mehr zum Wohle des Spielmachers, der nicht nur gerne die Gegner vorführt, sondern auch seinen Verein. Der vermeintliche vier Jahre gültige Vertrag von van der Vaart in Hamburg ist im Grunde bereits das, was bald für die meisten Kontrakte dieser Branche gelten könnte: eine einzige Farce.

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