Markus Babbel "Noch nie so viel Aggression erlebt"

Markus Babbel hat sich für den VfB Stuttgart als echter Glücksgriff erwiesen. Mit dem jungen Trainer haben die Schwaben das Siegen wieder gelernt. stern.de sprach mit dem ehemaligen Nationalspieler über Hass-Derbys, seinen Ärger mit dem DFB und ein großes Vorbild.

Herr Babbel, was haben Sie gedacht, als Ihr Mannschaftsbus am vergangenen Wochenende vor dem Spiel in Karlsruhe von KSC-Ultras blockiert und mit Gegenständen attackiert wurde?

Das ist ein Szenario, dass man sich nicht wünscht. Man ist es gewohnt, dass einen die gegnerischen Fans auspfeifen und ausbuhen. Aber so viel Aggression habe ich auch in meiner langen Profikarriere noch nicht erlebt. In dem Moment war ich allerdings so fokussiert auf das Spiel, dass ich zunächst dachte 'Na gut, jetzt kommen wir da halt nicht durch und müssen außen rum fahren.' Aber danach denkt man schon, dass so etwas eigentlich nicht sein dürfte.

Welche Reaktionen gab es in der Mannschaft?

Natürlich haben wir gedacht: Jetzt müssen wir erst Recht für uns und für unsere Fans gewinnen. Es kann jetzt nicht sein, dass wir als Verlierer vom Platz gehen, nachdem wir diese ganze Tortur mitgemacht haben.

Das Spiel endete mit einem weiteren Erfolg für Sie. Offensichtlich lagen Sie mit der heftigen Rotation - sechs neue Spieler im Vergleich zum Uefa-Cup-Aus gegen Zenit St. Petersburg - genau richtig. Waren Sie so unzufrieden mit der Leistung ihres Teams gegen die Russen?

Das hatte mit der Leistung nichts zu tun. Wir haben 25 Mann im Kader, die alle von Beginn an spielen können. Wir haben einfach ein sehr anstrengendes Programm gehabt. Uns war es wichtig, frische Kräfte zu bringen. Es war klar, dass es ein schweres Spiel werden würde und wir frische Leute brauchen.

In der lokalen Presse wurde darüber gerätselt, warum Sie ihren Kapitän Thomas Hitzlsperger auf der Bank schmoren ließen. Schwächt man so nicht die Position eines wichtigen Führungsspielers?

Nein. Ein hartes Programm schafft man nicht mit elf, zwölf oder dreizehn Spielern. Jeder Spieler soll wissen, wie wichtig er für die Mannschaft ist. Wenn ich der Meinung bin, jetzt wird er gebraucht, muss der Spieler die Leistung bringen. Thomas hätte ich vielleicht geschwächt, wenn ich ihm erst in der Mannschaftssitzung mitgeteilt hätte, dass er nicht spielt. Aber wir haben vorher ein Vier-Augen-Gespräch geführt. Er brauchte einfach ein Spiel Pause. Es wird auch künftig immer wieder jemanden treffen, unabhängig wie klangvoll der Name ist.

Es heißt immer, Hitzlsperger sei zu leise, zu freundlich. Was muss ein moderner Führungsspieler mitbringen? Muss es einen Leitwolf alter Schule geben?

Solche Typen gibt es einfach nicht mehr. Ich will keinen Thomas Hitzlsperger haben, der wild gestikulierend auf dem Platz steht und nicht mehr er selbst ist. Er muss authentisch bleiben. Ich will keinen Spieler verbiegen, nur damit die da draußen sagen 'Toll, der haut mal auf den Putz.' Ich war nie ein Lautsprecher auf dem Platz und habe trotzdem meine Leistung gebracht.

In der Bundesliga läuft es momentan gut für Stuttgart. Ihre Bilanz verbucht fünf Siege und drei Unentschieden, Sie haben wieder Tuchfühlung mit den internationalen Plätzen. Ist jetzt die Champions League drin?

Wir wollen unter die ersten Fünf. Das ist unser Ziel. Wenn wir höher landen könnten, umso schöner. Man darf aber nicht vergessen, dass wir als Zehnter in die Rückrunde gestartet sind. Ausgehend von den letzten Leistungen ist Platz fünf machbar. Wir haben es selber in der Hand, weil wir noch gegen direkte Konkurrenten spielen. Die Chance ist da.

Welche Eigenschaft muss man als Trainernovize schnellstens ablegen, die man als man als Spieler noch gepflegt hat?

Als Spieler bist nur auf dich fokussiert und musst höchstens Entscheidungen akzeptieren. Als Trainer ist man für 25 Mann verantwortlich. Man muss jedem gerecht werden und will dabei so gerecht sein wie möglich. Das gelingt natürlich nicht immer. Man muss schauen, dass die Gemeinschaft intakt ist und bei Undiszipliniertheiten konsequent handeln. Und man muss als Vorbild vorangehen.

War es immer Ihr Ziel, Trainer zu werden?

Ja, schon als Jugendspieler wollte ich das. Das ist einfach das Geschäft, in dem ich mich am besten auskenne. Ich habe viele Trainer und Vereine in meiner Karriere erlebt und bringe einen großen Erfahrungsschatz mit. Als Spieler war ich an der vordersten Front und als Trainer wollte ich da auch wieder hin. Das es so schnell ging, war für mich allerdings überraschend.

Aber Sie standen bereit?

Ich stand bereit, egal für welche Liga. Das ich gleich in der Bundesliga gelandet bin, ist umso schöner.

Welcher Trainer hat Sie am meisten geprägt?

Ganz klar, Ottmar Hitzfeld. Der hat mir am meisten imponiert. Bei ihm habe ich am meisten gelernt, mit ihm habe ich auch die größten Erfolge gefeiert. Die Arbeit mit ihm hat unheimlich Spaß gemacht. Das Rotationsprinzip und das Prinzip der Mannschaftsführung habe ich von ihm übernommen.

Im Moment ist es offen, ob Sie auch in der nächsten Saison auf der VfB-Bank sitzen werden. Der DFB verlangt eine Trainer-Lizenz, die Sie nicht haben, und die man erst nach einem einjährigen Lehrgang bekommt. Werden sie in der nächsten Saison auf der VfB-Bank sitzen? Wie weit sind die Verhandlungen mit dem DFB?

Ich weiß, dass die Sache diskutiert wird. Das Problem besteht aber nicht nur in meinem Fall, sondern ist ein grundsätzliches. Was ist zum Beispiel mit Trainern, die aus der vierten in die dritte Liga aufsteigen und die nötige Lizenz nicht besitzen, die man ab dann aber braucht? Ich hoffe, dass eine Lösung gefunden wird. Klar ist, dass ich nicht als hauptverantwortlicher Trainer bis Donnerstag auf dem Lehrgang in Köln sein kann und dann erst zur Mannschaft stoße. Das kann nicht funktionieren.

Mario Gomez ist in Topform und wurde gerade vom "kicker" zum Fußballer des Monats gewählt. Wie schätzen Sie Gomez im internationalen Vergleich ein?

Er hat herausragende Qualitäten. Er ist unwahrscheinlich schwer auszurechnen, weil er beidfüßig, schnell und robust ist. Von dieser Art gibt es nicht viele und das macht ihn für die großen Clubs so interessant, die bereit sind, für ihn sehr viel Geld zu zahlen. Ich glaube aber, dass er sich auch bei uns noch weiter entwickeln kann. Da ist noch Luft nach oben.

Eine andere wichtige Personalie betrifft Ihren Torwart Jens Lehmann, den Sie unbedingt weiter verpflichten wollen. Lehmann gilt nicht gerade als pflegeleichte Erscheinung. Er geht Mitspieler während eines Spiels an, er kritisierte die Mannschaft und indirekt auch Sie.

In den nächsten Wochen wird eine Entscheidung fallen, aber der Verein hat überhaupt keinen Druck, weil wir mit unseren beiden anderen Torhütern gut aufgestellt sind. Wenn Jens sich für den VfB entscheidet, freuen wir uns. Er besitzt große Erfahrung und Klasse, außerdem ist er einer, der auch unangenehme Dinge anspricht. Das ist grundsätzlich eine positive Eigenschaft und tut unserer Mannschaft gut.

Interview: Tim Schulze

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