Matthias Sammer In der Stille liegt die Kraft


DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hält sich im Konflikt zwischen der Verbandsspitze um Präsident Zwanziger und Bundestrainer Löw sowie Teammanager Bierhoff auffallend zurück. Das ist eine schlaue Strategie, denn Sammer hat große Ambitionen.
Von Stefan Osterhaus

Ihn als still zu bezeichnen wäre eine glatte Untertreibung Er ist mucksmäuschenstill. Seit Tagen hat sich Matthias Sammer nicht öffentlich zitieren lassen, der Sportdirektor des Deutschen Fußballbundes ist jetzt, wo die Situation beinahe täglich eskalieren kann, gewissermaßen unsichtbar. Dabei hatte er sich zuletzt in den Konflikten deutlich positioniert, beispielsweise, als es um die Zuständigkeit bei der U21-Nationalmannschaft gegangen war. Die beanspruchten sowohl Matthias Sammer als auch Bundestrainer Joachim Löw. Man einigte sich auf einen Kompromiss, und seitdem gibt Sammer Ruhe. Nicht wenige halten die scheinbare Starre in der aktuellen Situation für die beste Strategie.

Sammer werden große Ambitionen nachgesagt, einmal selbst Bundestrainer zu werden. Vielleicht kommt die Gelegenheit schneller als erwartet, nach der WM in Südafrika eventuell, schlimmstenfalls sogar vorher. Als Sportdirektor koordiniert er bereits den Nachwuchs, und Sammer ist ein Mann, der den Fokus stark auf Erfolg legt.

Dass sowohl U17, U19 und U21-Nationalelf internationale Titel gewannen, lag aber auch am gewinnenden Wesen von Trainer Horst Hrubesch - und am Nachwuchskonzept, dass der DFB schon im Jahr 1999 auf den Weg brachte. Doch Sammer verwaltet diese Früchte mit großem Ehrgeiz. Gern verwendet er Vokabeln wie "Siegermentalität", die die Junioren verinnerlichen müssten, um später im A-Team zu bestehen. Er gilt ohnehin als ein Mann, der nach Großem strebt, eine Maxime, von der er schon als Spieler besessen war. Sie nannten ihn "Motzki". Er hat einiges dafür getan, dass sich das Bild des stets übellaunigen Spielers festigte. Dass Sammer der wohl beste deutsche Fußballer in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre war und als letzter Deutscher die Ehrung als Europas Fußballer des Jahres erhielt, wird oft vergessen.

Verletzungen prägen das Bild des Spielers Sammer, seine Karriere erscheint im Rückblick wie eine Abfolge verpasster Gelegenheiten. Dabei war er in wenigen Jahre überaus erfolgreich, gewann 1996 mit Deutschland den EM-Titel und ein Jahr später mit Borussia Dortmund die Champions League, ehe ihn Verletzungen stoppten. Und schon bald sahen viele in ihm einen großen Fußballlehrer.

Im Jahr 2000 beendet Sammer seine Karriere als Spieler. An der Seite von Udo Lattek stieg er als Trainer der Borussia ein, lernte den Abstiegskampf kennen und wurde am Ende der Saison Cheftrainer einer Mannschaft, deren Spieler er noch kurz zuvor gewesen war. Die Bilanz der ersten Jahre ist überragend: Die Borussia war immer vorn dabei, gewann 2002 den Meistertitel. Ansehnlich war der Fußball dieser Jahre zwar nicht, und Sammer sagt im Rückblick, dass er damals noch lange kein kompletter Trainer gewesen sei. Nach vier Jahren lösten Klub und Coach den Vertrag auf, der bis ins Jahr 2010 (!) geschlossen worden war. In Stuttgart hielt er sich nicht lange, ein Jahr nur dauerte sein Engagement als Nachfolger des erfolgreichen Felix Magath, der ihm eine nicht taufrische Mannschaft hinterlassen hatte.

Seine Position im DFB errang er gegen Widerstände: Jürgen Klinsmann wollte 2006 unbedingt den Hockeytrainer Bernhard Peters als Sportdirektor installieren. Doch Sammer übernahm den Job, Peters pflegt den Nachwuchs nun in Hoffenheim. Strategisches Geschick deutet Sammer vor allem durch sein aktuelles Verhalten an. Im Falle einer Eskalation würde er sich sicher nicht zweimal bitten lassen. Fachlich gibt's an ihm nicht zu rütteln - und seine nörgelnde Art macht ihn zum perfekten Gegenentwurf zum umgänglichen Löw.

Diesen Text haben wir für Sie in der FTD gefunden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker