Nationalkicker Portugal: Einmal ein bisschen Glück


Wird Portugals Goldene Generation um Figo und Rui Costa endlich einen Titel gewinnen? Bei aller Fußballkunst, bei aller Sehnsucht - die verträumten Gastgeber zweifeln vor der EM wie immer an sich

Vielleicht ist es eine gute Idee, mit Rui Zink anzufangen. Ob Figo und die Seinen das Zeug zum Sieg haben bei der Europameisterschaft im eigenen Land, wollen wir wissen, und der Professor für portugiesische Literatur antwortet: Wie, Europa? Sein Land liege gar nicht in Europa, sagt Zink, vielmehr sei Portugal eine Insel, ja wirklich, eine Insel, links umgibt uns das Meer und rechts lauern seit je die Spanier, wir wählten immer die See, die will uns wenigstens nicht ans Leder.

So verwirrend geht das also los, in Lissabon. In der Pastelaria im Bairro Alto schrappen Plastikstühle über weiße Fliesen, Milchschäumer fauchen, und Zink rührt gelassen in seinem Gal‹o. Durch Triumphe, fährt er fort, lädt man Schuld auf sich, und das muss doch nicht sein. Dabei guckt der Schriftsteller, der in seinem Land den Ruf eines Chefsatirikers genießt, als meinte er das ernst.

So genau weiß man das nicht, wie man wenig genau weiß in Portugal, das sich seit sehr langer Zeit zu klein fühlt, um groß tun zu können. Hier, am Bug Europas, der den Atlantik bricht, weit im Westen, wo am Horizont Licht, Wind und Gischt verschmelzen, machte sich vor 500 Jahren ein Fischervolk auf, die Welt zu erobern. Die Besten des Landes zog es seither stets in die Ferne, es begann bei Vasco da Gama und hört bei Luis Figo nicht auf.

Unterm Strich missglückte Portugal in der Geschichte so ziemlich alles, was missglücken kann, der Reichtum dank Gold und Sklaven erreichte nur die Mächtigen, dann blieb er aus, nacheinander machten sich im Land erst Spanier, dann Franzosen und Engländer breit. Und seit gerade einmal 30 Jahren ist Salazars bleierne Diktatur überwunden, Portugal ist noch immer am Aufwachen. Warum, bitte schön, so fragt Rui Zink, soll der Fußball anders sein als das Leben, warum sollen ausgerechnet hier die Portugiesen die Gewinner sein?

So werden wir empfangen, die doch von der Goldenen Generation schwärmen möchten, von Real Madrids Figo, der stets macht, was ihm gerade einfällt, und von Spielmacher Rui Costa, AC Milan, der seine Seele ins Spiel legt. Als Junioren wurden sie gemeinsam Weltmeister, doch danach liefen sie ihren Träumen vergebens hinterher. Nur bei der EM 2000 glänzten sie im Nationaltrikot, scheiterten knapp im Halbfinale an den Franzosen, und davon zehren ihre zehn Millionen Landsleute noch heute. Ja, wenn es keine Tore gäbe, wären Portugiesen nicht zu schlagen. Ihr heroischer Fußball malt expressionistische Figuren aufs Feld, aber ihre Werke blieben bisher unvollendet.

Nun also die große Chance zu Hause, zugleich die letzte Chance dieser Stars. Vom Weltmeister-Jahrgang sind nur noch Figo und Rui Costa übrig geblieben. Ach, vergiss sie, sagt Rui Zink, die Goldene Generation ist verrottet, das sind alte Männer, die sind schon 31, 32, schau sie dir an. Und dann muss der Professor, 43, weg, zum Bowling mit seinem Sohn. Er geht sehr schnell und humpelt übel, der Rücken.

Verblüffend genug, dass die Portugiesen damals das Recht bekamen, die EM auszurichten, und nicht die siegessicheren Spanier. Nun haben sie im Land zehn Stadien gebaut, die viel teurer waren als gedacht, und sind ziemlich aufgeregt. Man darf nicht glauben, dass es sich bei Portugiesen um laute Südländer handelt; nichts wäre falscher. Ihre Sprache klingt für ungeübte Ohren slawisch, sie sind bedächtig, scheinen oft ein wenig betrübt. Ihr störrisches Wesen erinnert an das der Iren, ihr Hang zum Schwarzsehen wirkt beinahe deutsch. Das Land hat die schönsten Steilküsten und dazu Regenberge und Weinreben und Steppen und zwei uralte Städte, die sich eifersüchtig beäugen: das verblühte Lissabon und das kantige Porto, an Flußmündungen gebaut, geschützt vor dem Herbstwüten des Atlantiks, nah genug, dass die Luft nach Salz schmeckt.

Wir wollen den Boden finden, der einen Figo gedeihen ließ, vielleicht findet sich dort Zuversicht. Der gleißende Tejo fliegt unter der Brücke Vasco da Gama dahin, im Dunst schläft Lissabon, es geht nach Süden, zu Sportings Akademie, wo Portugals Team bei der EM untergebracht sein wird, durch umzäunte Korkeichenplantagen, die Zufahrt zu einem Geheimlabor.

Aurélio Pereira hat vom vielen Spähen kleine Falten um die Augen. Als Chef-scout von Sporting Lissabon ist er so etwas wie der oberste Goldsucher des Klubs. Im vorigen Herbst hat man den 18-jährigen Ronaldo an Manchester United verkauft, für 15 Millionen Dollar. Pereira hatte ihn auf Madeira aufgetrieben, ein Juwel wie ein paar Jahre zuvor dieses zwölfjährige Bürschchen, das eines Tages dastand, Luis Figo. Unsere Elf muss Moral haben, sagt Pereira, ich weiß nicht, ob sie Moral hat. Bei der letzten WM ließen diese Helden ihre ganze Kraft im Streit um die Prämien, kein Wunder, dass sie gleich rausflogen.

Weiter Richtung Meer, zu Figos Heimatort Almada, am Südufer des Tejo, wo viele Einwanderer leben, in den Klubraum des UFC Os Pastilhas. Im Halbschatten kloppen Routiniers schweigend Karten. Einen Platz hat der Verein nicht. Hier hat Figo 1984 angefangen.

Den roten Schuber mit dem Antrag findet José Silva auf Anhieb, auf der ersten Seite klebt Figos Foto. Der Mann, der heute aussieht wie ein spanischer Grande, hatte als Kind ein sehr weiches Gesicht. Nur eine Saison spielte er hier, gewann ganze zwei von 32 Spielen. Wie klein Figo damals war, erinnert sich Silva, damals Betreuer, heute Präsident des Klubs, er hat ausgesehen wie eine Maus unter Elefanten. Silvas Vorgänger ist vor kurzem mit 1620 Euro und vier Cent durchgebrannt, den ganzen Ersparnissen. In einer Vitrine an der Wand hängen Figos Trikots. Macht er nicht etwas für seinen alten Verein? Nada, nada, nada, sagt Silva, nichts, schade, dass er so vergesslich geworden ist.

Mit dem Bus sind es vom Klubheim fünf Minuten hinunter zur Fähre. Als Figo bei Sporting anheuerte, fuhr er jeden Tag hinüber zum Cais do Sodré, dann weiter mit der U-Bahn zum Campo Grande, wo Sporting früher zu Hause war.

Heute erhebt sich dort der grüne Stadionneubau, den die Benfica-Fans Badezimmer getauft haben, der Kacheln wegen. Ein paar Kilometer weiter baut sich das neue Estádio da Luz auf, Benficas rote Kathedrale, umgürtet von Autobahnen. Die Vereine sind so verschieden wie ihre Fans. Sporting, zu dem die Großkopferten halten, steht für eine mögliche Zukunft Portugals, disneyhaft gestylt, wenig Herz; Benfica, der Klub des Volks, für die ewig währende Vergangenheit: viel Tradition, viel Wichtigtuerei, wenig Esprit. Die alte Benfica-Magie, geschaffen durch Eusebio, ist längst verweht, seit zehn Jahren gab es keinen Meistertitel, sechs Millionen Benfiquista hadern mit ihrem Glück.

In diesen Wochen vor der EM aber bewegen die Fans andere Fragen: Ob der brasilianische Trainer Luiz Felipe Scolari wirklich der Richtige ist für die Selecçao, mit seinem ständigen Gerede von Disziplin. In den wichtigen Testspielen gelang Portugal kein Sieg, und mancher fragt sich bereits, ob die Goldene nicht müde ist und an ihrer Seite die Verlorene Generation steht. Und, zweitens, wer das Chaos verhindern soll, wenn Tausende Fans durch die Altstadtgassen ziehen und die Hooligans Räuber und Gendarm spielen. An Terroristen traut sich keiner zu denken.

Die Polizisten haben eine Heidenangst, sagt Alberto Gouveia düster, der zusammen mit seinem berühmten Neffen Rui Costa das Restaurant "Clube do Frango" führt. Gouveia erzählt von Ruis Sehnsucht nach seiner Heimat, an der Wand hängen die Trikots von Costas liebsten Gegnern. Kellner bringen gebackene Bananen und Filetspieße, und im Glas glüht der Rote aus dem Alentejo, ein Herdade do Pinheiro. Rui ist der Feuerwehrmann der Familie, der von Mailand aus jeden Streit schlichtet und im Sommer alle an die Algarve lädt, sagt Gouveia, vierzig Verwandte, die im Bus anreisen und alle bei ihm im Haus schlafen, so einer ist Rui, man muss ihn lieben, und schon als Junge umgab ihn das Parfüm des großen Fußballs.

Trotzdem musste für seinen Aufstieg ein anderer erst den Platz auf der Schicksalsleiter freiräumen, ein Mann namens Paulo Pilar, der heute in einem Lager für Schulbücher arbeitet und eine Stimme hat, wie man sie vom Whisky, Rauchen und einer ehrlichen Lache bekommt. Wir treffen ihn in einer Billardbar, hundert Meter von seinem Haus in Santa Iria entfernt.

Er soll uns von sich erzählen, bitten wir, aber er erzählt erst mal nur von Figo, mit dem er so lange bei Sporting gekickt hat. Pastilhas nennt er ihn, wie dessen ersten Klub. Meine Geschichte, sagt Pilar irgendwann, meine Geschichte will seit 13 Jahren keiner hören, das ist nicht leicht. Und dann berichtet er, wie er mit 16 Meister wurde, wie am 30. September 1990 die Kreuzbänder im rechten Knie rissen. Wie er kämpfte, unter Schmerzen, um dabei zu sein bei der Junioren-WM 1991 im eigenen Land, wie er davor wieder umknickte.

Als seine Jungs ein paar Tage später im Endspiel standen, im alten Estádio da Luz, da saß Pilar auf der Tribüne, die Krücken neben sich und sah, wie Rui Costa, der für ihn ins Team gerückt war, den entscheidenden Elfmeter verwandelte. Und als die Jungs Weltmeister waren, da flossen ihm die Tränen über die Backen, so stolz war er, und als sie alle die Gesten des Dicken machten, indem sie mit der Hand einen Bogen über den Bauch beschrieben, da wusste er, sie meinten ihn, O Gordo, den Dicken. So war das, vor 13 Jahren. Mehr als 2. Liga war für Pilar danach nicht mehr drin. Mit 30 Jahren beendete er seine Karriere, das Knie von Arthrose zerfressen.

Plötzlich kramt Paulo sein Handy hervor, es ist mittlerweile morgens um zwei, fährt über sein Gesicht und zeigt uns eine SMS vom 31. Dezember 2003, 17.33 Uhr, Frieden, Gesundheit, Glück und Liebe, Luis Figo. Sie schreiben sich jedes Jahr, sagt Pilar, und manchmal geht er in Rui Costas Restaurant, wo ihn Alberto begrüßt wie einen Sohn, und wenn Rui da ist, dann fallen sie sich in die Arme.

Vier ruhige Autostunden von Lissabon nach Porto. Der FC hat sich auf dem Land verschanzt, im Dorf Olival, kein Schild weist den Weg. Trainer José Mourinho, der in seinem dünnen Ledermantel eine Extraportion Klasse verströmt, schlendert in das Empfangsgebäude. Zweimal hat er den FC Porto zum Meister gemacht, voriges Jahr errang er den Uefa-Cup und wenige Tage nach dem Gespräch wird er die Champions League gewinnen. Sein Team spielt hinten Folterfußball und vorn mit drei narrenfreien Improvisateuren. Die portugiesischen Fans liegen Mourinho zu Füßen, dabei ist er nicht wie sie, er spricht viel von Disziplin und der Schönheit guter Resultate. Wenn ein so kleiner Klub wie der FC Porto sich in Europa durchsetzt, sagt er in seinem weichen Englisch, bedeutet das sehr viel für dieses Land. Die Leute glauben jetzt wieder, dass Portugiesen siegen können. Dann stellt er sich den Reportern, drei tägliche Fußballzeitungen gibt es. Noch am selben Tag wird man Mourinho in Spanien mit dem Ölmilliardär Roman Abramowitsch verhandeln sehen - ein Portugiese soll Chelsea London das Siegen beibringen.

Und Portos Spielmacher will sich Bayern München schnappen. Deco sieht ein wenig indianisch aus, er stammt aus Brasiliens Süden, knackt beim Reden mit den Fingerknöcheln und hat, gemessen an seinem frechen Spiel, ein unerwartet scheues Lächeln. Draußen, an der Straße, haben Fans einen Satz an die Wand gepinselt, wenn ihr Deco verkauft, verkauft ihr unsere Träume, und hier drin sitzt er und sagt, dass er den Schritt machen müsse. Die Bayern? Es wäre mir eine Ehre, sagt er.

Dabei spielt Deco

erst seit einem Jahr für Portugal. Scolari, Weltmeister mit Brasilien 2002, ließ ihn einbürgern. Bei der EM wird er wohl erst mal auf der Bank sitzen, zu mächtig ist Rui Costas Ruf. Deco, 26, kam als Jugendlicher ins Land. Brasilianer wissen um ihren Wert, sagt er, die Leute hier dagegen zweifeln schnell an sich. Deco lächelt. Bevor er im Mercedes SLK davonbraust, sagt er noch, erklären kann ich das nicht.

Wer kann das schon? Portugiesen träumen gern, und in ihrer Fantasie vollbringen sie Wunder. Doch es hindert sie die Saudade, ihre MelancholieÉ halt, rief unser Freund Rui Zink, als wir so am ersten Tag ansetzten, ganz falsch, unser Dichter Fernando Pessoa hat es auf den Punkt gebracht: Wir vermissen die Zukunft.

Das ist es, sagte Rui Zink, wir wollen immer das haben, was noch gar nicht da ist. Und so ist es auch im Fußball. Natürlich sehnen wir uns nach dem EM-Titel. Doch dann schließen wir das Land, denn Siege sind hohl, und weil wir das schon vorher ahnen, werden die Kirchen vor dem Finale voll sein. Die Leute werden für eine Niederlage beten.

All das ist paradox, ja natürlich, sagte Rui Zink, aber wollen Sie nun Portugal verstehen oder nicht?

Rüdiger Barth; Mitarbeit: Sérgio Dias print

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