Nationalmannschaft "Alles wird schlecht geredet"


Kaum ein anderer kennt sich hinter den Kulissen des DFB-Teams so gut aus wie er. Professor Heinz Liesen gilt als Klinsmann-Intimus. Im stern.de-Interview spricht der Sportmediziner auch über die Kritik am Bundestrainer.

Herr Prof. Liesen, Sie sind schon lange im Profi-Fußball tätig. Sie waren Arzt des Vizeweltmeisterteams 1986 und der Weltmeistermannschaft von 1990. Welches Verhältnis haben Sie eigentlich zu Jürgen Klinsmann?

Mit Jürgen verbindet mich Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen. Ich habe ihn mehrere Jahre als Spieler begleitet, war einer der Lehrer seiner Ausbildung zum Fußballtrainer. Gemeinsam haben wir eine "Philosophie" zur Förderung von Kindern und Jugendlichen zu Spielerpersönlichkeiten entwickelt, die er heute mit seinem Trainer-Team versucht zu realisieren. Vielleicht bin ich - so gesehen - ein wenig, im Hintergrund "geistiger Vater". Er und sein Team wissen, dass ich mit meiner Erfahrung und meinem Wissen immer für sie da bin.

Was halten Sie von den Klinsmanns Trainingsmethoden?

Als Bundestrainer sieht er die Spieler in der Regel zwei bis drei Tage vor einem Länderspiel. Den Rest der Zeit sind sie im Vereinstraining. Da kann er ihnen das Fußballspielen nicht neu beibringen. Seit Jahren weiß man, wie wichtig Stabilisationstraining für die Fitness von Fußballspielern ist. Diese Trainingsform begründet sich auf Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Sie schult gleichzeitig die Muskulatur und die Sinnesorgane. Jürgen wendet diese Form als Ergänzung zum üblichen Konditionstraining an. Er verlangt, dass bestimmte Übungen von den Nationalspielern auch zu Hause gemacht werden. Er bringt aus den USA Fitnesstrainer mit, die solche Übungen den Spielern so beibringen, dass sie Spaß machen. In anderen Sportarten ist das mittlerweile Gang und Gäbe. Mehr kann er nicht tun.

Sie kennen Matthias Sammer sehr gut. Dadurch, dass Sie viele Jahre die Hockey-Nationalmannschaft betreuten, haben Sie auch engen Kontakt zu Bernhard Peters, der neben Sammer als DFB-Sportdirektor im Gespräch war. Ist Sammer die bessere Wahl?

Es war sicherlich eine gute Entscheidung, Matthias Sammer zum Sportdirektor zu machen. Wir haben fünf Jahre lang sehr eng zusammen gearbeitet. Ich habe den BVB medizinisch betreut, als er dort Cheftrainer war und ihn nach Stuttgart begleitet. Er ist ein akribischer Arbeiter, ehrgeizig, zukunftsorientiert mit einem großen Herzen für den Nachwuchs. Matthias weiß, welche Fehler in der Nachwuchsförderung gemacht wurden und werden. Er hat z.B. noch das DDR-Nachwuchsförderungssystem erlebt und sieht bei seinem 11-jährigen Sohn die Probleme der Talentförderung. Er ist gegenüber kompetenten Partnern und neuen Erkenntnissen offen. Auch Matthias wird sich Anregungen aus anderen Sportarten holen. Sicherlich war die Situation um seine Benennung nicht sehr glücklich. Es gab einige Abstimmungsprobleme. Er war auch Wunschkandidat von Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und Oliver Bierhoff, konnte sich aber lange nicht entscheiden, ob er erneut Trainer eines Bundesligavereins werden will oder ob er die Position des Sportdirektors beim DFB annehmen sollte.

Werden Sie ihn auch in seinem Amt als Sportdirektor beraten?

Wenn er Rat und Hilfe braucht, selbstverständlich. Wir verstehen uns super, haben die gleichen Vorstellungen. Auch von Seiten der Stiftung Jugendfußball werden wir versuchen, ihm zuzuarbeiten.

Hätten Sie auch Bernhard Peters den Job zugetraut?

Für ihn wäre es nicht einfach gewesen, sich beim DFB zurecht zu finden. Das geht nur mit einem starken Jürgen Klinsmann und vielen Leuten, die hinter ihm stehen. Aber manches, was er im Hockey seit über 20 Jahren macht, ist das, was dem Fußball gut täte. Zwischen Jürgen und Bernhard hat sich ein gutes Verhältnis entwickelt und Jürgen wird auch weiterhin auf die Ratschläge des Hockey-Nationaltrainers hören.

Wie steht denn das DFB-Präsidium zu ihren neuen Ansätzen?

Nicht alle verstehen, wovon wir sprechen und worum es uns geht. Aber das ist, denke ich, ein Generationenproblem oder auch nur ein Informationsdefizit. Wir werden aber zunehmend von Mitarbeitern des DFB wahrgenommen und akzeptiert. DFB-Präsident Zwanziger hält viel von unseren Ansätzen. Er ist seit der vergangenen Woche Ehrenmitglied unserer Stiftung.

Sie sind seit Jahren gut mit Franz Beckenbauer befreundet. Was halten Sie von seiner Kritik an Klinsmann?

Ich denke, da muss man differenzieren. Franz Beckenbauer hat nicht gewusst, warum Jürgen beim Workshop gefehlt hat, sonst hätte er wahrscheinlich nicht so reagiert. Aber er hat ja nicht Jürgens Konzepte kritisiert. Da müssen auch die Medien aufpassen, dass sie genau hinhören, worum es bei der Kritik an Klinsmann geht. Ich kenne Franz Beckenbauer sehr gut, habe ihn als Sportmediziner bei zwei Weltmeisterschaften begleitet. Ich hatte bei ihm immer sehr große Freiheiten, er war immer offen für Neues als Teamchef der Nationalmannschaft. Deshalb glaube ich, dass er die Entwicklungen positiv sieht. Nach seinem Rücktritt gab es im deutschen Fußball einen Knick. Jetzt haben wir Jürgen mit seinem Team, und Franz wird irgendwann noch einmal glücklich sein über die Reformen, die er auf den Weg gebracht hat.

Können Sie denn die Kritik an Klinsmann in den Medien nachvollziehen?

Nur zum Teil. Einiges geschieht aus Unkenntnis. Aber es ist nicht gut, dass in den Medien schon vorher alles schlecht geredet wird. Natürlich ist das Spiel gegen Italien unglücklich gelaufen. Das Wichtigste ist jetzt, dass die Mannschaft nicht verunsichert wird. Aber Jürgen Klinsmann hat so viel positive Energie, hat von Freunden so viel Rückhalt, dass er die Situation bewältigen wird. Es müssen jetzt alle an einem Strang ziehen. Er darf sich von Störfaktoren, die aus den Medien kommen, nicht verrückt machen lassen. Wir sollten die Sache einfach insgesamt positiver angehen.

Das Interview führte Annette Jacobs


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