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Oranje in der Krise: Der Niedergang des niederländischen Fußballs

Es ist noch nicht lange her, da wurden sie WM-Dritter. Und vor gar nicht allzu langer Zeit war ihr Fußball gar der attraktivste der Welt. Und heute? Verpasst Oranje die aufgeblähteste EM aller Zeiten, droht die WM zu verpassen und produziert keinen Nachwuchs. Kleiner Einblick in eine große Krise.

Oranje Wesley Sneijder

Sinnbild für die Krise des niederländischen Fußballs: Wesley Sneijder ist neben dem dauerverletzten Arjen Robben der letzte Weltstar der "Elftal"

Ein 1:1 in Schweden zum Start der Qualifikation für die Fußball-WM 2018 in Russland - ist das nun ein gutes Ergebnis für die niederländische Nationalmannschaft? Oder bloß die Fortsetzung der anhaltenden Tristesse in orange? Immerhin hat "Oranje" in einer Gruppe mit Frankreich und besagten Schweden nicht gerade große Erfolgsaussichten, den ersten Platz zu besetzen (der allein zur direkten Qualifikation berechtigt). Der Blick auf die gestrige Startelf macht wenig Hoffnung: Namen wie Zoet, Janmaat oder Klaassen stehen nicht nur für internationale Zweitklassigkeit, sie sind vor allem mit dem Glamour von früher nicht zu vergleichen.

Dabei hat die "Elftal" mit Weltmeisterschaften zuletzt eigentlich gute Erfahrungen gemacht: Vize-Weltmeister 2010, Dritter in Brasilien 2014 - es wurde viel gejubelt zwischen Amsterdam und Zwolle. Doch dann vollbrachte das Team ein besonderes Kunststück - indem es die aufgeblähte EM in Frankreich mit ihrem riesigen Teilnehmerfeld verpasste. Ein Schock, der den tatsächlichen Zustand des niederländischen Fußballs offenlegte. Denn die Krise geht tiefer: Die Stars altern, die Philosophie ist verloren, die früher so zuverlässige Nachwuchsschmiede produziert nicht mehr wie gewohnt. Oder vielleicht auch: gar nicht mehr.

Oranje am Boden: Früher war alles besser

Früher war das mal ganz anders. Genauer: Früher war alles besser. Der niederländische Fußball, der legendäre "Voetbal totaal", war der Inbegriff einer attraktiv-offensiven Spielweise, so sexy wie stürmisch. Von Johan Cruyffs Genie begründet, wurde er von Generation zu Generation weitergegeben. Das Erbe war immer gesichert.

Aber irgendwas ist in den letzten Jahren schief gelaufen. So schief, dass es an den Zustand des DFB rund um die EM 2000 erinnert. Oranje boven? Oranje am Boden, ganz unten. Und wie damals bei der Neustrukturierung des deutschen Fußballs soll auch beim Königlichen Niederländischen Fußballbund ein neuer Masterplan in die Zukunft weisen. Ein 90-köpfiges Team aus weltweiten Experten habe die Ursachen für den fehlenden Erfolg analysiert, sagt Jelle Goes, technischer Manager bim KNVB, im Deutschlandfunk: "Man sollte sich an den modernen Fußball anpassen. Man muss neue Talente entdecken, erkennen und fördern." Aber auch das Spielsystem müsse sich entwickeln.

Es mutet jedenfalls schon ziemlich revolutionär an, wenn auch Nationaltrainer Danny Blind immer wieder predigt, in die Zukunft zu schauen und daran zu arbeiten. Denn besonders in den Niederlanden pflegten die Fans jahrelang den besonders verklärten Blick in die glorreiche Vergangenheit - Lieblingsthese am Stammtisch: Im WM-Finale 1974 sei das eigene Team dem späteren Sieger Deutschland doch deutlich überlegen gewesen.

Mit dieser Nostalgie soll nun Schluss sein: Der Masterplan mit dem Titel "Die Gewinner von Morgen" orientiert sich am deutschen Vorbild der frühen Nullerjahre und sieht im Rahmen des intensiveren Scoutings auch eine engere Zusammenarbeit zwischen Verband und Profiklubs vor. Dies sei in den vergangenen Jahren schlichtweg verpasst worden, sagt Jelle Goes. Außerdem werden Kurse und Lehrgänge für Trainer vom Verband angeboten.

Früher war die Ajax-Schule das Vorbild für alle

Das Problem ist nur: Was der niederländische Fußball früher exklusiv hatte, wird inzwischen in aller Welt kopiert - ob es das frühe Pressing in Kombination mit breitem Passspiel und brandgefährlichen Außenstürmern ist, oder die Nachwuchsförderung in hochprofessionellen Jugendakademien, für die einst die Ajax-Schule das große Vorbild war.

Das langfristige Ziel lautet deshalb: mit modernen Methoden endlich wieder eine erfolgreiche Fußballer-Generation heranzüchten, wie es in der Vergangenheit im fließenden Übergang stets gelang. Mit einigen der größten Namen des Weltfußballs sind diese Zeiten verbunden: Cruyff/Neeskens, Gullit/van Basten, Bergkamp/Seedorf, Robben/Sneijder. In der Ruhmeshalle des niederländischen Fußballs ist längst Platz für eine neue Plakette.

Dass es bis dahin noch eine Weile dauern kann, liegt in der Natur des Umbruchs. Stand der Dinge ist eine verpasste EM und ein 1:1 in Schweden. Orange ist momentan eine matte Fußballfarbe. In Deutschland dauerte es 14 Jahre vom Masterplan bis zum WM-Titel. Ein Zeitraum, an dem sich auch der KNVB orientieren muss? Zumindest könnte bis dahin noch häufiger über die Fanmeilen schallen, dass wir "ohne Holland zur WM" fahren.

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