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Pokalheld Tim Wiese: Vom Buhmann zum Helden

Packendes Pokal-Halbfinale zum Auftakt der Vierfach-Serie zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV: Mehr geprägt von absoluter Spannung als von fußballerischer Klasse, kamen Fußball-Fans voll auf ihre Kosten. Mit Roter Karte und Elfmeterschießen wurde alles an Dramatik geboten - und dafür gab es auch den passenden Helden.

Von Nico Stankewitz, Hamburg

Ein nasskalter Frühlingsabend an der Elbe, aber der 4:2-Sieg der Bremer nach Elfmeterschießen sorgte für reichlich Erwärmung bei beiden Fangruppen: Eine ganz starke erste Halbzeit der Werderaner, die aber nicht mehr als ein Tor erzielen konnten, dann die Rückkehr des HSV nach der Pause, als sich rächte, dass Werder - wie schon so oft in dieser Saison - die spielerische Überlegenheit nicht in Tore ummünzen konnte. In der Verlängerung gab es, gerade nach der berechtigten Roten Karte gegen den HSV-Kapitän David Jarolim, dann nicht mehr viel Fußball, sondern umso mehr Kampf und Willenskraft zu bestaunen, wo der HSV aber durch die eingewechselten Trochowski und Pitroipa zwei erstklassige Chancen hatte, das Spiel für sich zu entscheiden.

Im Stadion, wo schon vor dem Anpfiff eine faszinierende Derby-Atmosphäre herrschte, der auch das Hamburger Schmuddelwetter nichts anhaben konnte, spürte man nachher bei allem Bremer Jubel auch Erschöpfung. Fans und Verantwortliche auf beiden Seiten waren einfach platt nach diesen fesselnden 120 Minuten, die im Elfmeterschießen ihren Höhepunkt fanden. Viel ist ja geschrieben worden über die besondere Faszination der Nordderbys, an diesem Mittwochabend in der HSH-Nordbank-Arena war sie jederzeit spürbar.

Mismatch im Mittelfeld

Martin Jols Experimentierfreudigkeit wurde in der ersten Hälfte nicht belohnt. Die Variante mit Guerrero auf der zentralen Offensivposition hinter den Spitzen Petric und Olic funktionierte nicht. Als Pitroipa in der zweiten Hälfte Rechtsaußen spielte, kam der HSV etwas besser ins Spiel. Gravierender noch der zweite Fehlgriff von Jol: Alex Silva als Manndecker gegen Bremens Spielmacher Diego zu stellen, erwies sich als absoluter Fehlgriff, der kleine Bremer spielte seinen Landsmann im HSV-Trikot fast schwindelig und war nie zu stoppen.

Wohl auch deshalb verteilte Jol Komplimente an den Konkurrenten: "Werder war überlegen im Mittelfeld. Wir hatten etwas Pech durch die Ausfälle von Petric, Guerrero und die Rote Karte von Jarolim". Bis zum nächsten Spiel der Serie in acht Tagen im Bremer Weserstadion wird der HSV-Coach sich allerdings etwas einfallen lassen müssen, um die spielerischen Gewichte in dieser Partie zu verschieben.

Rotation gelungen

Die stärksten Feldspieler bei Werder Bremen waren - ausgerechnet - zwei, die am vergangenen Wochenende "verletzungsbedingt" geschont worden waren: Diego und Mesut Özil. Die beiden Techniker marschierten leichtfüßig über 120 Minuten und machten einen glänzenden Eindruck. Die Maßnahme, gegen Berlin auf beide zu verzichten, stellte sich als vollkommen richtig heraus, wie überhaupt Werder den erheblich fitteren und ausgeschlafeneren Eindruck machte. In der Bundesliga jenseits von Gut und Böse zu sein, könnte sich auch bei den kommenden Halbfinals im UEFA-Cup als großer Vorteil erweisen, während der HSV nach dem Pokal-Aus noch mehr Gewicht auf die Bundesliga legen muss. So betonte Jol nach dem Spiel: "Ich denke nur an das Spiel am Samstag in Dortmund", während Schaaf in Gedanken noch bei den besonderen Pokalqualitäten seiner Mannschaft war: "Bei Pokalspielen haben wir immer ein klares Ziel vor Augen."

Wiese wird Matchwinner

Und der Held des Abends? Ausgerechnet Tim Wiese, der mit bekannt lockerem Mundwerk vorher die Stimmung angeheizt hatte, wurde zum Matchwinner. Lange Zeit lautstark von den Hamburger Fans ausgepfiffen, hielt Bremens Schlussmann gleich drei Elfmeter in Weltklassemanier. Auch zuvor hatte der 27-Jährige eine starke Leistung geboten, konnte sich nach dem Schlusspfiff aber nicht versagen, noch einen lockeren Spruch Richtung HSV abzufeuern: "Ich hab doch gesagt, dass denen mehr die Flöte geht als uns", legte Bremens Schlussmann auf mehrmaliges Nachfragen vor der Kamera von Premiere nach. Seine Popularität unter den HSV-Anhängern dürfte Wiese damit nicht gerade gesteigert haben, den Respekt vor seiner Leistung aber durchaus.

Nachdem in den vergangenen Jahren schon mehrfach Torwart-Fehler Werder aus Pokal-Wettbewerben befördert hatten (gegen Juventus Turin und die Glasgow Rangers leistete sich der Werder-Schlussmann legendäre Patzer) war Wiese diesmal der Mann des Abends und lieferte das wohl bisher bedeutsamste Spiel seiner Karriere. Vor großer Kulisse dürften damit auch seine Chancen auf die Nationalelf eher gestiegen sein, auch wenn er nun freiwillig auf die beiden nächsten Länderspiele verzichtet: Die Asien-Reise nach Saisonende findet ohne die Spieler statt, die im Pokalfinale antreten werden.

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