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Problemfall Miro Klose: "Dann wird halt ein Neuer gekauft"

Werder Bremen droht am Ende der Saison mit leeren Händen dazustehen. Die Fans der Grün-Weißen geben vor allem WM-Held Miro Klose die Schuld an der sportlichen Misere. Dass der einstige "Fußballgott" von der Weser nun doch noch ein Jahr bleibt, passt vielen nicht.

Von Tim Schulze, Bremen

Als die Werder-Profis am Mittwochnachmittag aus ihrer Kabine im Weser-Stadion zum Trainingsplatz rüber trotten, ist der Menschenauflauf groß wie selten. Bei hochsommerlichen Temperaturen warten junge, weibliche Autogrammjäger ("Rosenberg ist so süß"), reifere Werder-Fans und Journalisten. Sie alle warten auf einen, auf den Star der Bremer, Miroslav Klose. Als der dann schließlich erscheint, kann es sich ein junger Anhänger der Grün-Weißen nicht verkneifen, das böse Wort vom "Bayern-Schwein" über die Lippen zu pressen. Ob Klose die Beschimpfung gehört hat? Gut möglich. Seine Mine verrät deutlich: "Lasst mich in Ruhe, geht mir nicht auf die Nerven, stellt keine Fragen mehr."

Zu diesem Zeitpunkt wissen die Fans noch nicht, dass Klose seinen Vertrag bis 2008 bei Werder Bremen erfüllen wird. Aber ändert das wirklich was? Ist das Kind nicht doch schon längst in den Brunnen gefallen? Als während des Abschluss-Trainings vor dem wichtigen Rückspiel im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Espanyol Barcelona die eigentlich frohe Kunde die Runde macht, sorgt das unter den zahlreichen Kiebitzen eben nicht für Erleichterung - so wie von der Club-Führung beabsichtigt. Das Gegenteil ist der Fall: "Was sollte das mit dem Wechseltheater? Warum hat er sich bloß mit den Bayern getroffen?", sagt einer aus der Rentner-Gruppe. Die Bremer Fangemeinde ist gespalten, aber der Trend ist klar: "Es wäre besser, wenn er geht und Werder kassiert. Dann wird mit dem Geld eben ein anderer Stürmer verpflichtet und gut is'." Das ist die herrschende Meinung an der Weser. "Miro Klose Fußballgott"... das war einmal.

"Herr Klose, bitte gehen Sie!"

In den Fan-Foren ist die Gemütslage in diesen Tagen nicht anders. Dort heißt es in einem Eintrag vom Vormittag, als Kloses Entscheidung noch nicht bekannt war: "Herr Klose, bitte gehen Sie! Nehmen Sie sich für den Rest der Saison eine Krankheit (irgendwas mit schlechten Blutwerten, oder so…) und reisen Sie umgehend ab." Eine Abstimmung im Forum von "werder.de" bringt folgendes Ergebnis: 78 Prozent wollen, dass Klose sofort geht. Nur 17 Prozent votieren für seinen Verbleib. Repräsentativ ist das nicht. Es zeigt nur, wie eine große Zahl unter den eingeschworenen Fans das lange Hickhack um den WM-Torschützenkönig beurteilt. Aus dem bewunderten und geliebten Torjäger ist einer geworden, der die Harmonie in Bremen beträchtlich stört - und das mögen sie nicht an der Weser. Das mochten sie noch nie.

Spätestens seit bekannt geworden ist, dass Klose sich mit den Bossen des Münchner Erzrivalen zu Geheimverhandlungen getroffen hat, ist die Stimmung gekippt. Die einst so innige Beziehung zwischen Klose und den Anhängern ist beträchtlich gestört. Bremens indiskutable Leistung im Uefa-Cup-Hinspiel bei Espanyol Barcelona mit einem unterirdisch spielenden Torjäger (11 Ballkontakte, ein Torschuss) und die bittere Niederlage am letzten Sonntag gegen Bielefeld brachten dann den endgültigen Umbruch: Klose wurde zum Sündenbock gestempelt.

Fans beklagen "Söldnermentalität"

Die Enttäuschung der Fans ist verständlich: Das Team verspielte innerhalb von vier Tagen die gute Ausgangsposition, zwei Titel an die Weser zu holen. Für den Einzug in das Uefa-Cup-Finale gegen Espanyol braucht es am Abend eine neues "Werder-Wunder". In der Bundesliga kann das Team aus eigener Kraft nicht mehr den Meistertitel holen. Schuld sind auch die wechselwilligen Spieler mit ihrer "Söldnermentalität" - da sind sich die Anhänger am Trainingsplatz einig. Torsten Frings, der mit Juventus Turin flirtet, kommt nicht viel besser weg als Klose.

Trainer Thomas Schaaf, der kurz vor Ende der Saison mit einem Torwartwechsel selber für eine Überraschung (und zum Teil auch für Verwunderung) gesorgt hat, belässt es in diesen turbulenten Bremer Tagen bei Durchhalteparolen: "Das Hin und Her war kein Thema in der Mannschaft und bringt uns nicht durcheinander." Was soll der Coach auch sagen? Werders Spielmacher Diego sieht es auf der Zielgeraden der Saison, auf der alle Titelträume wie Seifenblasen zu platzen drohen, ebenfalls nüchtern: "Es ist klar, dass Druck entsteht, wenn man nicht gewinnt."

Einem künftigen Bayern-Spieler zujubeln?

Die Werder-Bosse sind sich der brisanten Stimmung unter den Fans bewusst. Nichts fürchten die Verantwortlichen jetzt mehr, als Schmähgesänge gegen Klose im Rückspiel gegen die Spanier. Nach der Hinspiel-Klatsche vor Wochenfrist war Klose zum ersten Mal von den eigenen Fans im Stadion beschimpft worden. Ein wichtiger Führungsspieler, vielleicht der wichtigste Führungsspieler, der unter Form spielt und die Bindung zu Mannschaft und Fans verloren hat, wird früher oder später zu einer Belastung. So viel steht fest. Ansätze davon sind bereits deutlich erkennbar.

Also wäre es vielleicht nicht doch viel klüger von Klose, Werder schon nach dieser Saison den Rücken zu kehren? So sicher wie das Amen in der Kirche ist, dass der FC Bayern in diesem Sommer einen neuen Angriff auf eine Verpflichtung des 28-Jährigen vornehmen wird. In Bremen gehen sie (die Fans) ohnehin von einem vereinbarten Wechsel Kloses zu den Münchenern für das kommende Jahr aus. Und das wirft folgende Frage auf: Werden die Zuschauer im Weser-Stadion eine ganze Saison einem künftigen Bayern-Spieler zujubeln wollen? Schwer vorstellbar.

Kloses Appell an die Fans

Tatsache ist, dass Klose sich nach einer Unterredung mit Sportdirektor Klaus Allofs am Freitag vergangener Woche (vorerst) zum Bleiben entschieden hat. Allofs wird Klose und seinem Berater Alexander Schütt deutlich gemacht haben, dass er ihn für kein Geld der Welt zum Liga-Konkurrenten Bayern ziehen lässt. Wirklich für kein Geld der Welt? Klose drückte es so aus: "Wir haben ein gutes Gespräch mit Klaus gehabt. Ich habe diese Entscheidung getroffen." Er gestand ein, dass sich alle Beteiligten "unsicher über den Zeitpunkt waren, wann man an die Öffentlichkeit geht." Es folgte der Appell des Torjägers an die Bremer Anhängerschaft: "Es ist wichtig, dass die Fans uns im Spiel gegen Barcelona unterstützen. Ob sie Klose selbst unterstützen, darf mehr als bezweifelt werden.

Mitarbeit: Klaus Bellstedt

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