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Prozess wegen Wettbetrug: Fußballzocker vor Gericht

Fußball-Europa schaut von heute an nach Bochum: Vor dem dortigen Landgericht müssen sich vier mutmaßliche Wettbetrüger wegen der Manipulation von 32 Fußballspielen, darunter auch Partien der 2. Bundesliga, verantworten. Es ist der größte Betrugskandal im europäischen Fußball, den Angeklagten drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat vor dem Prozessbeginn im Wettskandal die fehlende Kooperationsbereitschaft der Gerichte scharf kritisiert. "Wir beobachten den Prozess mit der großen Hoffnung, dass da absolute Klarheit geschaffen wird", sagte DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach. "Denn wir als Sportverband haben darunter zu leiden, dass man uns nicht mal komplette Akteneinsicht gewährt. Da muss sich grundsätzlich etwas ändern. Die Gerichte sollten mit uns zusammenarbeiten."

Das Bochumer Landgericht wies die Kritik zurück. "Dass fehlende Kooperationsbereitschaft angemahnt wird, ist verwunderlich", erklärte Gerichtssprecher Volker Talarowski. "Seit das Landgericht mit der Sache befasst und zuständig ist, gab es kein Akteneinsichtsgesuch durch den DFB."

Wettgewinne von rund 1,6 Millionen Euro

Vier mutmaßliche Wettbetrüger müssen sich von Mittwoch an vor dem Bochumer Landgericht verantworten. Die Angeklagten sollen in die Manipulation von 32 Spielen verstrickt sein. Dabei geht es um Partien in Deutschland und Europa. Die Wettgewinne sollen sich allein in diesen Fällen auf rund 1,6 Millionen Euro belaufen.

Der DFB und der europäische Verband UEFA werden den Prozess im größten Betrugsskandal des europäischen Fußballs vor Ort beobachten. Der DFB will zwei Vertreter aus dem Kontrollausschuss ins Bochumer Landgericht schicken. Die UEFA hat den Bochumer Rechtsanwalt Michael Ende als Prozessbeobachter engagiert.

"Wir haben keine Undercover-Agenten und können keine Telefone abhören", meinte Niersbach. "Deshalb müssen wir den Behörden vertrauen. Wir können erst dann agieren, wenn Geständnisse und klare Beweise vorliegen." Nach dem Wettskandal um den Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer 2005 habe man das DFB-Regelwerk verändert. "Unsere Statuten sind nach dem Hoyzer-Skandal angepasst. Wenn etwas passiert und wir es nachweisen können, dann sind wir schon gut aufgestellt", erklärte Niersbach.

Auch ein Ex-Profi steht vor Gericht

Bei den Angeklagten handelt es sich um den Kaufmann Nürettin G. (55) aus Lohne, Tuna A. (55) aus Mönchengladbach, den Kaufmann Stevan R. (35) aus Lippstadt und den ehemaligen Profi-Fußballer Kristian S. aus Schweinfurt. Der 32-Jährige spielte in der Saison 2001/2002 für den FC Schweinfurt 05 in der 2. Bundesliga. Zuletzt stand der Mittelfeldspieler in der Landesliga bei den Würzburger Kickers unter Vertrag. Kristian S. war bereits in einen früheren Wettskandal verwickelt und in diesem Zusammenhang im Sommer 2007 zu einer Geldstrafe von 8400 Euro verurteilt worden. Er hatte auf Bitten eines Wettbetrügers versucht, einen anderen Spieler für eine Spielmanipulation zu gewinnen, was dieser aber ablehnte.

Den vier Angeklagten werden insgesamt 38 Fälle des banden- und gewerbsmäßigen Betruges vorgeworfen. Die Strafen belaufen sich pro Einzelfall auf bis zu zehn Jahre Haft. Die Summe der Bestechungsgelder soll 370.000 Euro betragen haben. Empfänger waren angeblich Spieler und Schiedsrichter aus Deutschland, Belgien, Slowenien, Ungarn, Kroatien und der Schweiz.

In der 2. Bundesliga sollen die Partien 1. FC Nürnberg gegen VfL Osnabrück (13. Mai 2009, Ergebnis: 2:0) und FC Augsburg gegen VfL Osnabrück (17. April 2009, Ergebnis: 3:0) betroffen sein. Um Spiele der 1. Liga geht es nur in Slowenien und Ungarn.

Angeklagte teilweise geständig

Nach Angaben des Bochumer Landgerichts soll zum Prozessauftakt nur die Anklage verlesen werden. Die Einlassungen der Beschuldigten sollen an den nächsten Verhandlungstagen erfolgen. Die beiden Hauptangeklagten Nürettin G. und Tuna A. sollen weitgehend beziehungsweise teilweise geständig sein. Wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete, soll Nürettin G. als "eine Art Kronzeuge" Aussagen zu insgesamt 158 Spielen gemacht haben. Kristian S. und Stevan R. haben angeblich noch keine Geständnisse abgelegt. Trotzdem hat das Gericht auf die Ladung von Zeugen bislang verzichtet. Zunächst soll abgewartet werden, ob sich die Einlassungen noch verändern.

Insgesamt haben sich rund 40 Journalisten für den Prozess akkreditiert, darunter auch zwei Vertreter russischer Sportzeitschriften. Das Bochumer Landgericht hat für das Verfahren den größten Sitzungssaal (C 240) reserviert, der normalerweise dem Schwurgericht vorbehalten ist. Alle vier Angeklagten befinden sich in Haft. Die 13. Strafkammer des Bochumer Landgerichts hat für den Prozess zunächst fünf Verhandlungstage bis zum 28. Oktober vorgesehen.

Jörn Hartwich/Andreas Schirmer/DPA/be / DPA

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