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Real Madrid: In einer neuen Galaxie

Hat da einer sein Glück gefunden? Rafael van der Vaart wirkt auch im zweiten Auftritt mit Real Madrid so präsent, als sei der Niederländer nicht erst Tage, sondern schon Jahre bei Real Madrid beschäftigt. Beim 1:1 bei Eintracht Frankfurt heimste der Millionen-Mann vom HSV sogar ein Sonderlob des deutschen Trainers Bernd Schuster ein.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Wofür so eine "partido amistoso" doch gut ist: Eigentlich gibt es ja keine Freundschaftsspiele, auf spanisch partido amistoso, für den Weltverein Real Madrid wie Christoph Metzelder in Manier eines Oberlehrers später erklärte, dennoch hat sich der spanische Rekordchampion am Mittwochabend in der seit Wochen ausverkauften Frankfurter Arena so verhalten. Man hat beim 1:1 bei Eintracht Frankfurt nicht nur in sehr freundschaftlicher Manier viele Chancen und einen klaren Sieg verschenkt, sondern hatte am Rande noch eine kleine Reihe weiterer netter Präsente mitgebracht.

Etwa jenes Paket in die Kabine

von Schiedsrichter Lutz Wagner legen lassen, über das sich Assistent Tobias Stieler beim Auspacken mächtig freute. Drei Originaltrikots erhielt nämlich das Schiedsrichtergespann von der Real-Entourage, und eines davon war ein Jersey von Torwart Iker Casillas. Ob die Madrilenen wussten, dass der Linienrichter Stieler früher mal Torwart bei Rosenhöhe Offenbach war und Bewunderer von Casillas ist? "Das war doch eine tolle Geste", erzählte der Hofheimer Wagner später, und der älteste Referee der Liga (45) schien sich darüber zu freuen wie ein kleines Kind. Genau wie 50 800 Zuschauer hatte der Unparteiische an diesem Abend einfach richtig Spaß gehabt, "das war Fußball pur."

In der Tat: Zwar mit bester Besetzung und durchaus ernsthaft gingen beide Kontrahenten ans freundschaftliche Werk, aber nie verbissen, verkrampft oder gar überhart. Und wenn das formidable technische Können der Real-Stars aufblitzte, ging ein Raunen durchs Rund. Auch die anfänglichen Pfiffe für die Nummer 28 der Gäste mündeten alsbald in mächtiges Erstaunen: War es wirklich wahr, dass Rafael van der Vaart erst vor ein paar Tagen vom Hamburger SV zu Real Madrid gewechselt ist? Immer präsent, immer anspielbereit, immer mit dem Auge für den öffnenden Pass war der neue Niederländer die prägende wie stilbildende Figur im Offensivspiel. Beim ersten Auftritt, dem 2:1 gegen Independiente Santa Fe in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota hatte van der Vaart gleich ein Tor geschossen, sein zweiter Einsatz geriet über 66 Minuten noch eindrucksvoller.

Da trumpfte einer so auf

, als habe er zeit seines Lebens nur auf diese reale Chance gewartet. "Ich fühle mich hier wohl. Es ist ein Traum bei solch einem Verein zu spielen", erzählte der 24-Jährige später, und mehr Sätze wolle er nicht sagen, der Flieger für den nächtlichen Rückflug wartete ja schon. Man ließ den kleinen Filigrantechniker gehen - manchmal sagen Taten auch mehr als Worte. "Mich erstaunt das nicht, dass Rafael sich so schnell zurechtfindet", beschied Trainer Bernd Schuster, "solche Spieler haben es einfach: Mit ihrer Qualität und Technik passen sie in jede gute Mannschaft, seine Art und Weise, das Spiel zu interpretieren, passt besonders gut zu Real Madrid. Er wird keine Probleme bei uns haben."

Als der immer noch blonde Engel - gäbe es nicht den rundlichen Bauch, dann könnte man meinen, der Mann wäre fast alterslos - über die Vorzüge van der Vaarts referierte, hörte sich das fast so an, als rede der Augsburger über sein Wirken als Aktiver. Auch er hat sich zwischen 1980 und 1990 dank seiner spielerischen Klasse ja mühelos beim FC Barcelona und Real Madrid integriert.

Die jüngsten 15 Millionen Euro

Investition für den nächsten Genius scheinen aber auch deshalb gut angelegt, weil Landsmann Wesley Sneijder noch monatelang ausfällt, Dribbler wie Arjen Robben oder Robinho (schoss nach seiner Einwechslung das 1:1, 71.) nicht jenes strategische Geschick und die notwendige Spielübersicht besitzen, die auf höchstem Niveau den Unterschied ausmacht. Logisch, dass Schuster, der am Sonntag mit seiner Mannschaft im Supercup gegen den FC Valencia das erste Pflichtspiel bestreitet, deshalb gewisse Nachlässigkeiten auf deutschem Boden rügte. "In der Champions League können wir uns nicht leisten, so viele Chancen auszulassen. Das wird dann bitter bestraft." Der 48-Jährige erinnerte damit an das Achtelfinal-Aus in der Königsklasse in diesem Jahr gegen AS Rom, als die Seinen zwar schönen Zauber zeigten, aber an den effektiveren Italienern scheiterten. Nur der Rekordvorsprung in der Meisterschaft rettete Schuster den Job.

Der Fußballlehrer wirkt dieser Tage dennoch gelassen; er hat sich arrangiert mit den Aufgeregtheiten und Indiskretionen, die einen Klub wie Real Madrid begleiten. Dass Schuster mit dem serbischen Sportdirektor Predrag Mijatovic nicht kann, der offensichtlich hinter den Kulissen über den Verkauf von Robinho an den FC Chelsea arbeitet, ist kein Geheimnis; dass ihn das öffentliche Gebalze des eitlen Präsidenten Ramon Calderon um Superstar Ronaldo von Manchester United eher amüsiert, ist an dieser Aussage abzulesen: "Ich habe nicht das Geld, um ihn kaufen zu können." Sein Gehalt sei doch auf drei Millionen Euro netto aufgestockt worden, wendete ein gut informierter spanischer Berichterstatter ein. Schusters Replik klang sarkastisch: Wahrscheinlicher als eine Aufstockung seiner Bezüge sei dann doch der Ronaldo-Deal.

Also nicht ausgeschlossen,

dass die hohen Ziele in der Spielzeit 2008/2009 weitgehend mit bewährtem Personal angegangen werden müssen. Doch so schlecht ist das nicht: Gegen die gut spielenden Frankfurter Fußballer hatte Schuster seine erste Elf aufgestellt, trotzdem hockten beim Anstoß - ausgeführt von den Helden, die vor 48 Jahren das legendäre Europapokal-Endspiel Real gegen Eintracht (7:3) in Glasgow bestritten - noch Julio Baptista, Robinho, Javier Saviola, Michel Salgado oder eben Metzelder auf der Bank. Der deutsche Nationalspieler kam in die Partie, als auch jeder Hobbyspieler in der Real-Viererkette hätte verteidigen können, so sah sich der Gegner in die Defensive gedrängt.

Metzelder wertete seinen bewegungsarmen Auftritt dennoch als Fortschritt ("Das wichtigste ist für mich die Gesundheit, alles andere ergibt sich von selbst"), auch Schuster schloss sich artig der Einschätzung an. "Ich bin froh, dass er seine Fußprobleme überwunden hat. Er hat körperlich gut mitgehalten, aber wir wollen es mit ihm nicht übertreiben." Übersetzt heißt das nichts anderes: Wird es für die Madrilenen ernst, wird "Metze" wieder auf die Bank müssen. So schlecht ist die Aussicht von dort ja nicht, man kann von dort prima einen van der Vaart aus nächster Nähe bewundern.

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