Real Madrid Teuer, stolz, unbedeutend


Es ist die teuerste Fußballmannschaft der Geschichte - und sie schafft es nicht einmal unter die besten acht Europas. Kaum zuvor hat ein Ausscheiden in der Champions League so viel Wut und Häme hervorgerufen wie das neuerliche Desaster von Real Madrid.
Von Dirk Benninghoff

Am Tag danach wurde in Madrid gejammert. "Unfair" sei die Champions League einmal mehr zu Real gewesen, beklagt der Verein auf seiner Website. Man habe es "verdient" gehabt in die nächste Runde einzuziehen. Schließlich hätten die "Madridistas" das Match gegen Olympique Lyon dominiert und die Jagd nach mehr Toren nie aufgegeben.

Soviel zur Selbstwahrnehmung des Vereins. Die Wahrheit sieht etwas anders aus: "300 Millionen Euro im Müll", fasst es die katalanische Zeitung "Sport" voller Schadenfreude, aber treffend zusammen. In der ersten Halbzeit verschlampten die zweifellos überlegenen Madrilenen am Mittwochabend beste Chancen, in der zweiten Halbzeit agierten sie - vor allem nach dem Ausgleich - zunehmend konfus. So sah es am Ende der 90 Minuten aus wie in jedem Jahr seit 2005: Das ruhmreiche Real Madrid scheidet im Achtelfinale der Champions League aus. "Wozu die Aufregung?", mag man sich fragen, das kennen sie doch. Aber: Nicht einmal zu den besten acht Teams Europas zu gehören, daran wird sich der erfolgreichste Verein der Geschichte, der sich die mit Abstand teuerste Mannschaft hält, wohl auch in 20 Jahren nicht gewöhnen.

"Adiós Pellegrini" oder einfach nur "Raus!"

Die galaktischen Zeiten liegen weit zurück. Aus dem Jahre 2002 datiert der letzte Champions-League-Sieg, herausgeschossen durch ein unfassbares 2:1 von Zinedine Zidane gegen Bayer Leverkusen. Der Erfolg gegen den Dauerzweiten aus Deutschland und die acht Titel davor machen Real Madrid zum erfolgreichsten Verein Europas. Das hat mit der Gegenwart allerdings nicht viel zu tun. Hier bewegt man sich auf dem Niveau des AC Florenz, der allerdings nicht annähernd so viel Geld in seine Mannschaft gesteckt hat. Real spielt im europäischen Spitzenfußball 2010 keine Rolle.

Das Echo der spanischen Sportpresse fällt noch deftiger aus als gewohnt: Mit der schlichten Zeile "Raus!" auf der Seite 1 und mit "Adiós Champions, adiós Pellegrini" im Internet verabschiedet beispielsweise "Marca" allen Treueschwüren des Vereins zum Trotz schon einmal Trainer Manuel Pellegrini. "El Mundo Deportivo" will ebenfalls den Abschied des Trainers, schiebt die Verantwortung dafür aber lieber ins Stadion. "Das Bernabeu fordert den Kopf von Pellegrini", schreibt das Blatt. Der Name José Mourinho fällt häufig, der Portugiese in Diensten von Inter Mailand wäre schließlich ein Coach, der es in Sachen Ego und Berühmtheit mit den Superstars im Team aufnehmen könnte.

Über die Saison hinaus dürfte es Pellegrini in der Tat kaum möglich sein, seinen Job zu behalten. Dass Real Madrid derzeit mit hauchdünnem Vorsprung vor dem in Deutschland glühend verehrten FC Barcelona die spanische Liga anführt, gerät in den Hintergrund. Nicht nur hierzulande. Meister zu werden, reicht den Verantwortlichen in Madrid nicht, das zeigt die Vergangenheit. Die Dankbarkeit an die Meistertrainer Bernd Schuster und Fabio Capello, die Real 2007 und 2008 wenigstens auf den nationalen Thron geführt hatten, hielt sich ob des frühen Champions-League-Aus in Grenzen.

Das Worst-Case-Szenario

Da helfen die Treueschwüre der Mannschaft vermutlich wenig. "Wir sind die Hauptverantwortlichen", sagte Torwart Iker Casillas, neben Raul und Gutti eines der Überbleibsel aus der erfolgreichen Real-Ära der Jahrtausendwende. Der Trainer habe die Unterstützung der gesamten Mannschaft. Der in Schutz genommene Pellegrini allerdings widersprach seinem Keeper. Er übernahm sehr wohl die Verantwortung für das Desaster, denkt aber nicht daran zurückzutreten. Ein "großes Projekt" wie Real 2009/10 könne man nicht in wenigen Monaten umsetzen.

Doch das kostbare Gut der Geduld gibt es nicht in Madrid. Und diesmal sitzt der Stachel des frühen Ausscheidens besonders tief. Nicht nur, weil allein für das Duo Kaka/Christiano Ronaldo 150 Millionen Euro ausgegeben wurden. Schießlich steigt das Champions-League-Finale in Madrid und die Vorstellung, dass die Erzfeinde aus Barcelona dann im Bernabeu auflaufen statt Ronaldo und Kaka und womöglich auch noch den Pokal gewinnen, ist unerträglich für die stolzen "Königlichen". So spricht "Marca" wohl vielen aus der Seele, in dem es schreibt: "Millionen von Träumen sind gestorben."


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