Saisonauftakt Bayern München Kein Zentimeter Platz für Misserfolg


Louis van Gaal ist der Mann, der Bayern München nach einem sportlichen "Jahr der Finsternis" den Erfolg wiederbringen soll. Zig Millionen Euro wurden investiert, Probleme aber bleiben: Torwart, Abwehr, Ribéry und der immense Erfolgsdruck werfen Schatten. Die Bundesliga schaut heute nach München.
Von Jens Fischer

Man muss sich das wohl so vorstellen: Ein hünenhafter, hoch bezahlter und zigfacher brasilianischer Nationalverteidiger sitzt in der Umkleidekabine. Alle um ihn herum feiern, nur er weint bittere Tränen der Enttäuschung. Seine Brasilianer haben dank seines Treffers gerade erst den Confederation-Cup gewonnen. Lucio heißt der Mann, den Melancholie und Seelenschmerz gerade dahinzuraffen drohen. Lucios Tränen fließen, weil sein Arbeitgeber, der FC Bayern München, angeblich kein Interesse mehr an seinen Diensten haben soll. Weil der neue Bayern-Trainer, Louis van Gaal, ihn Gerüchte halber für einen Unsicherheitsfaktor hält. Lucio weint. Lucio will bei den Bayern bleiben. Lucio denkt nicht an Abschied.

Van Gaal, Disziplinfanatiker, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann Anti-Erneuerer und Freund eines ausgeprägten Mannschaftsgeistes, wird Lucios gekränkte Ehre sicher wenig interessieren. Denn der Holländer hat vor dem Trainingsauftakt seiner Bayern am heutigen Mittwoch nur eines im Fokus: Erfolge, Titel, die Wiedergutmachung der verkorksten letzten Saison. Gefühle haben keinen Platz.

Reicht es für die internationale Spitze?

Auch nicht die des zweiten bayerischen Sorgenkindes Luca Toni. Der italienische Sturmbolide, seit Monaten außer Form, will in München bleiben und sich durchsetzen. Kaum vorstellbar, dass er das schafft. Mario Gomez, Miroslav Klose und Ivica Olic heißen Tonis Konkurrenten – alles Spieler, die technisch dem staksigen Toni einiges voraus haben. Auch wenn Uli Hoeneß immer wieder betont, keinen Spieler "verjagen" zu wollen, einen Weggang Tonis zu einem ordentlichen Preis würden die Münchner Verantwortlichen wohl verschmerzen.

Die Bayern stehen unter Druck und haben deswegen auch zielgerichtet und kostspielig neues Personal an die Isar geholt. Danijel Pranjic, Edson Braafheid, Anatoli Timoschtschuk, Gomez, Olic, Alexander Baumjohann und Andreas Görlitz heißen die bisherigen sieben Neuverpflichtungen, die Klinsmann und dessen "Strategie ins Nichts" vergessen machen sollen. Ob sie das schaffen, scheint fraglich. Sicher sind alle der sieben Neuen gute Spieler. Dass Gomez Tore schießen wird, davon ist auszugehen. Auch ein Timoschtschuk wird im Mittelfeld abräumen, keine Frage, auch wenn man sich auf dessen Kompetenzgerangel mit Mark van Bommel jetzt schon freuen darf.

Alles hängt an Ribéry

Ob freilich ein Braafheid oder ein Pranjic, beide sicher talentiert und Akteure ohne große Schwächen, in der internationalen Spitze mithalten können, bleibt abzuwarten. Genauso Olic, der Uefa-Cup-Held vom Hamburger SV. Aber Champions League? Nicht nachgebessert haben die Münchner auf der Position des Spielmachers. Auf der Position also, auf der Ideen geboren werden. Dort wo das eigene Spiel gelenkt und geleitet wird. Im letzten Jahr fehlte den Bayern trotz des genialen Franck Ribéry genau so ein Spieler. Und dieses Jahr haben sie ihn (bislang) wieder nicht.

Deswegen umklammern sie auch beinahe manisch ihren Franck, ihren französischen Magier, den Spieler, ohne den die Münchner in der letzten Saison wohl im elendigen Mittelfeld der Liga gelandet wären. Da kann kommen, wer will. Real Madrid, der FC Barcelona oder Manchester United. 50, 60, 70, 80 Millionen Euro werden angeblich für Ribéry geboten, aber die Bayern bleiben stur. Weil sie Ribéry brauchen wie keinen anderen. Nur ob sich der durchaus wechselwillige und eigensinnige Franzose von seinen Bossen zwingen lässt und ob dieser Zwang seine Spiellaune verderben wird? Das scheint durchaus möglich. Der größte Bayern-Brandherd.

Wie reagiert Nerlinger?

Probleme könnten die Bayern auch wieder in der Defensive bekommen. Martin Demichelis und der in die Kritik geratene Lucio waren im letzten Jahr die große Bayern-Schwachstelle. Einen hochkarätigen Innenverteidiger haben sie bislang nicht verpflichtet, Und auch im Tor müssen die Bayern-Fans momentan noch mit Hans-Jörg Butt oder Michael Rensing vorlieb nehmen. Keine beruhigende Aussicht.

Und dann ist da noch die immens hohe Erwartungshaltung. Nach einem sportlichen "Jahr der Finsternis" unter Klinsmann darf ähnliches nicht mehr passieren. Man darf gespannt sein, wie Hoeneß-Nachfolger und Sportdirektor-Novize Christian Nerlinger die ersten Niederlagen der Öffentlichkeit erklären wird. Wie er es schaffen wird, den medialen Druck von der Mannschaft fernzuhalten. Wird ihm Hoeneß sehr schnell helfen müssen? Nerlinger scheint zumindest pünktlich zum Trainingsauftakt die Bayern-Philosophie verinnerlicht zu haben: "Die Meisterschaft ist für uns Ziel Nummer eins", sagt er und ergänzt: "Mittelfristig werden wir auch in Europa eine Rolle spielen." Mittelfristig allerdings wird den Bayern-Fans zu lange dauern. Noch ein Leidensjahr wird sich Deutschlands Vorzeigeclub nicht erlauben können.


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