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Sex-Skandal um Amerell: Schiri und Gomorrha

Der DFB und Ex-Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell haben sich außergerichtlich geeinigt. Der verworrene Fall um Sex und Nötigung unter Pfeifenmännern wird dadurch nicht übersichtlicher.

Von Stefan Osterhaus

Ob sich Theo Zwanziger an seine Rücktrittsankündigung für den Fall der Fälle gebunden fühlt, ist eine interessante Frage. Denn heute erklärte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in einem Interview, dass er vom Amt lassen wolle, wenn der DFB den Prozess gegen den Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell verlieren würde - und sich in diesem Zuge herausstellen sollte, dass die Schiedsrichter, die Amerell belasten, eine Intrige angezettelt haben. Zumindest verloren hat er nicht. Am Donnerstag einigten sich DFB und Amerell außergerichtlich und damit unmittelbar vor einer öffentlichen Anhörung vor dem Landgericht München I. Demnach darf der DFB weiter den Vorwurf der sexuellen Nötigung gegen Amerell aufrecht erhalten. Der Kläger erhält dagegen Akteneinsicht und die Namen der vier bisher anonym gebliebenen Schiedsrichter, die ihn gegenüber dem Verband belasten.

Damit hat die Affäre mal wieder eine Wendung genommen - und es könnte nicht die letzte gewesen sein: Aus dem Umfeld seiner Anwälte wurde bekannt, dass Amerell womöglich Strafanzeige gegen die Belastungszeugen des DFB stellen wird, deren Namen er in der Öffentlichkeit aber nicht nennen darf. "Ich bin zufrieden mit dem Tag. Der Sinn der Sache war, dass wir die Namen kriegen", sagte Amerell, der froh über das Ende des "Versteckspiels" war: "Ich weiß jetzt, wer das ist - und das ist gut so."

Zwanziger: "Habe alles im Griff"

Der 63-jährige Hotelbesitzer aus Augsburg hat eines seiner Etappenziele erreicht: Den betreffenden Schiedsrichtern droht nun ein Strafprozess - was dem von Justiziar Jörg Englisch und Medien-Anwalt Christian Schertz vertretenen DFB kaum gefallen dürfte. Dennoch zeigte sich auch Zwanziger zufrieden: "Wir haben den Fall transparent, aber mit der nötigen Vertraulichkeit gelöst. Das Ganze schadet uns nur, wenn wir Dinge unter den Teppich kehren würden. Das ist nicht der Fall", sagte Zwanziger, der zudem betonte, dass er alles "im Griff" habe. "Es gibt klare Ergebnisse, die Transparenz ist da. Der DFB ist kein Verband, in dem versteckt und gemauschelt wird."

Doch eines ist sicher in diesem undurchsichtigen Fall: So schnell wird er kein Ende finden. Kaum ein Tag vergeht, an dem sich nicht ein neuer Sachverhalt auftut. Dabei hatte die Sache doch mit einem ganz simplen Vorwurf begonnen - und sie schien rasch erledigt zu sein. Vor drei Wochen trat der Vorwurf des Schiedsrichters Michael Kempter zu Tage. Der behauptet, Amerell habe ihn sexuell genötigt und ihm im Gegenzug ein rasches Fortkommen als Referee in Aussicht gestellt.

Zwanziger erklärte schnell, dass der Fall für ihn abgeschlossen sei. Doch dann machte der DFB den Ordner wieder auf - und förderte offenbar neue Erkenntnisse ans Tageslicht. Denn auf einmal hatte nicht nur Kempter von Zudringlichkeiten Amerells zu berichten, es fanden sich noch weitere Kollegen. Der DFB stellte sich sofort auf die Seite der Schiedsrichter. Amerell behauptet dagegen, er sei das Opfer einer Intrige. Ständig taten sich Widersprüche auf: Kempter kann nicht einmal genau erklären, wann die angeblichen Belästigungen ihren Anfang genommen haben. Mal sind es zwei, mal fünf Jahre, mal kann er sich nicht erinnern. Die Glaubwürdigkeit eine solchen Hauptbelastungszeugen dürfte jeder Rechtsreferendar mühelos erschüttern können.

Wracks undurchsichtige Rolle

Niemand zweifelt mittlerweile wirklich daran, dass es intime Kontakte gegeben hat; es geht allein um die Frage, ob Amerell sein Amt missbrauchte. Zwischendurch geriet auch Kempter ins Zwielicht: Ein anonymer Schiedsrichter berichtet, ihm sei in einem Düsseldorfer Hotel das gleiche widerfahren wie Kempter - doch der Übeltäter sei Kempter gewesen. Und dann tauchten noch SMS auf, die Kempter an Amerell geschickt hatte. Es gibt auch E-Mails. Das Verhältnis war wohl nicht rein dienstlich.

Dann brachten die Schiedsrichter eine neuen Mann ins Spiel: Den ehemaligen Bundesliga-Referee Franz-Xaver Wack. Der bekleidet kein DFB-Amt. Wack soll den Unparteiischen als Vertrauensmann gedient haben. Er spielt eine undurchsichtige Rolle. In der letzten Woche musste er sich von Amerells Ehefrau den Vorwurf machen lassen, er betreibe Rufmord an ihrem Mann. Frau Amerell sagte, dass Wack ihr gegenüber bei einem Treffen erklärt habe, er hätte schon seit geraumer Zeit Akteneinsicht vom DFB bekommen. Träfe dies zu, wäre allein schon das ein Umstand, der Zwanziger zum Rücktritt animieren sollte. Denn Amerells Anwalt wurde diese Einsicht verweigert, er musste erst darum streiten.

Zwanziger-Abgesang zu früh

Der DFB dementiert allerdings die Version, doch am Mittwoch noch trat Wack mit neuen Details an die Öffentlichkeit: "Es sind - und das kann man inzwischen auch öffentlich so sagen - sexuelle Übergriffe in der Form passiert, dass Antworten für Schiedsrichtertests gegen den Austausch sexueller Gefälligkeiten gegeben wurden." Es gehe, sagt Wack, um ein großes Netz. Gegenüber Wacks Frau soll er von zehn Unparteiischen berichtet haben. Dabei hat Wacks Variante einen Haken: Wenn den Schiedsrichtern der Kontakt tatsächlich zuwider war, hätte sie sich einfach nach Lehrbuch vorbereiten können.

Doch der Vertrauensmann legte noch einmal nach: Wack erklärte, dass er den Verband schon 2005 darüber informiert habe, dass er Amerell des Amtsmissbrauchs verdächtige. Geschehen sei nichts. Diese Aussage rief wiederum den Schiedsrichterobmann Volker Roth auf den Plan. Er will von nichts gewusst haben - und Wack zur Not wegen Verleumdung verklagen, sofern er diese Behauptung beibehält. Es ist längst nicht nur Amerell, dessen Ruf schwer angeschlagen ist. Der DFB dürfte schweren Schaden davon tragen. Doch was wirklich geschehen ist, wird wohl auch durch die Verhandlung nicht zu klären sein. Sicher ist allerdings nur eines: Theo Zwanziger dürfte fürs erste bleiben. Erste mediale Vorbereitungen für die Zeit danach sind einstweilen hinfällig. Der "kicker" hatte zwar schon die Nachfolge verhandelt und Franz Beckenbauer ins Spiel gebracht. Doch der meinte, er sei noch zehn Jahre zu jung für den Präsidentenjob.

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