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Skandalspiel Serbien - Albanien: Uefa in der Kritik - Serben wollen die Punkte

Während Serbien nach dem Abbruch des EM-Qualifikationsspiels gegen Albanien eine Wertung zu eigenen Gunsten fordert, wird die Uefa hart dafür kritisiert, das brisante Spiel zugelassen zu haben.

Kurz bevor der Tumult losbricht:

Kurz bevor der Tumult losbricht:

Nachdem die albanischen Spieler in der Hauptstadt Tirana mit Feuerwerk, Hupkonzerten und Fangesängen empfangen worden sind, hat der serbische Fußballverband (FAS) gefordert, das abgebrochene EM-Qualifikationsspiel von Belgrad zu seinen Gunsten zu werten. Man erwarte, dass die Kontroll-, Ethik- und Disziplinarkammer der Uefa die Begegnung mit 3:0 für Serbien werte, teilte die FAS mit. Das EM-Qualifikationsspiel zwischen Serbien und Albanien war am Dienstagabend in der 41. Minute nach Tumulten zwischen Spielern und Zuschauern abgebrochen worden.

Auslöser der Tumulte war eine per Fernsteuerung ins Stadion gelenkte Drohne, an der eine Fahne mit einer Abbildung Großalbaniens befestigt war. Danach kam es zu den Ausschreitungen. Das Auftauchen des Flugobjekts sei eine von langer Hand geplante Aktion gewesen, erklärte die FAS. "Es war ein Akt des Terrorismus, der gegen die Interessen der Republik Serbien gerichtet war", hieß es in der Mitteilung.

"Uefa hat den Skandal provoziert"

Die Fahne befindet sich inzwischen im Besitz der Uefa, die wegen des Vorfalls harsche Kritik einstecken muss. "Der Skandal war programmiert", kommentiert etwa die linke Budapester Tageszeitung "Nepszava" mit dem Hinweis auf den Kosovokrieg und die Unabhängigkeitserklärung der Republik Kosovo im Jahr 2008. "Die Uefa hat den Skandal provoziert", meint auch die bulgarische sozialistische Zeitung "Duma". "Welchem 'Schlaukopf' bei der Uefa war es denn eingefallen, die größten Erzfeinde auf dem Kontinent in einer Gruppe zusammenzubringen?"

Und tatsächlich scheint der Spielabbruch die ohnehin vorhandenen Gräben nochmals aufgerissen zu haben. Serbiens Außenminister Ivica Dacic sprach von einer sorgsam geplanten Provokation albanischer Extremisten. "Serbien trägt keinerlei Verantwortung für den Spielabbruch", sagte der Spitzenpolitiker der größten Zeitung "Blic" in Belgrad: "Besonders problematisch ist die Tatsache, dass das der Bruder des albanischen Premiers getan hat, der hier Gast sein sollte". Albaniens Regierungschef Edi Rama will am 22. Oktober als erster Premier seines Landes nach fast 70 Jahren erstmals Belgrad besuchen. Zwar bestreitet der Bruder des Premiers, der zwischenzeitlich festgenommen worden war, jede Verwicklung in den Skandal, doch ob die Visite stattfinden wird, ist unklar. "Die Regierungen in Belgrad und in Pristina, der Hauptstadt des mehrheitlich von Albanern bewohnten Kosovo, unternahmen in den letzten zwei Jahren unter EU-Vermittlung Anstrengungen, um das Verhältnis zwischen Serbien und dem Kosovo zu verbessern. Doch ein einziges Fußball-Match dieser Art kann mehrere Jahre an diplomatischen Bemühungen mit einem Schlag zunichtemachen", ereifert sich der Kommentator der "Nepszava". Das Kosovo wäre Bestandteil eines auf der Skandal-Fahne abgebildeten Großalbanien.

Albanien feiert "Helden des Tages"

Öl ins Feuer gossen auch der albanische Vizeregierungschef Niko Peleshi und Sportministerin Lindita Nikolla, die dem Empfang der albanischen Spieler in Tirana eine quasi offiziellen Anstrich gaben. Alle Albaner könnten stolz auf die "Helden des Tages" sein, werden sie zitiert. Die albanischen Nationalspieler hatten auf dem Spielfeld mit serbischen Spielern um die Fahne gerangelt und sich gegen Angriffe von Zuschauern gewehrt. Später weigerte sich das Team, in der aufgeheizten Atmosphäre wieder den Rasen zu betreten, und forderte, das Spiel vor leeren Rängen zu beenden. Daraufhin brach der Schiedsrichter die Partie endgültig ab.

"Ich missbillige zutiefst, was in Belgrad geschehen ist", kommentierte Fifa-Boss Sepp Blatter die Jagdszenen im Partizan-Stadion. Uefa-Präsident Michel Platini appellierte, dass der Fußball die Menschen zusammenbringen und nicht mit Politik jeglicher Art vermischt werden solle. "Die Szenen in Belgrad waren unentschuldbar", erklärte der Franzose. Gegen beide Verbände wird nun ermittelt, heiß es weiter. Zu dem Vorwurf, die Uefa trage eine Mitschuld an der Eskalation, da sie ein Aufeinandertreffen von Serbien und Albanien zugelassen habe, äußerten sie sich nicht. Serbische Medien hatten darauf hingewiesen, dass beispielsweise ein mögliches Spiel Spanien gegen Gibraltar in der EM-Qualifikation vermieden wurde. Auch in anderen politisch heiklen Fällen vermeiden Fifa und Uefa häufig problematische Paarungen.

"Schlafen unsere Agenten?"

Neben der Uefa stehen aber auch die serbischen Sicherheitskräfte in der Kritik. Serbische Medien attestierten ein völliges Fehlverhalten der Sicherheitskräfte. "Versagen von Polizei und Sicherheitsdiensten", überschrieb die Zeitung "Danas" am Donnerstag ihre Titelseite. Die größte Zeitung "Blic" kommentierte: "Was arbeiten unsere Agenten? Schlafen die? Für was erhalten diese Leute ihr Gehalt? Nach diesem Skandal wäre es normal, dass alle Chefs der Sicherheitsdienste sofort ihren Rücktritt einreichen oder dass der Regierungschef alle zusammen auswechselt".

dho/DPA / DPA

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