HOME

Torwartfrage: Kahn wird die Nummer zwei

Bayern-Torhüter Oliver Kahn wird an der Fußball-WM in Deutschland auch als Ersatzmann teilnehmen. Es dürfe nicht "um persönliche Eitelkeiten, sondern um das ganz Große gehen", sagte er.

Oliver Kahn hat mit menschlicher Größe auf die schwerste Niederlage seiner Karriere reagiert und will die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nun als Nummer 2 mit zum WM-Titel führen. "Es geht nicht um Oliver Kahn oder persönliche Belange, es geht um etwas viel Größeres, die WM in Deutschland. Wir können mit unserer Mannschaft Weltmeister werden, dazu will ich beitragen, was ich kann", sagte der 36 Jahre alte Kapitän des FC Bayern München am Montag in München bei einer live übertragenen Pressekonferenz.

Die Zeichen schienen auf Rücktritt zu stehen, als Kahn nur drei Tage nach dem für ihn unerwarteten und bitteren K.o. im gnadenlosen Kampf mit Jens Lehmann um den Platz im deutschen WM-Tor kurzfristig zu seiner ersten öffentlichen Stellungnahme auf das Vereinsgelände des Rekordmeisters einlud. Doch Kahn verblüffte die Reporter und wohl auch die meisten Zuschauer, die ihm am Fernseher zusahen. Er nahm seine programmierte Rolle als WM-Reservist mit breiter Brust an und versicherte sogar seinem ungeliebten Rivalen Lehmann Loyalität und Unterstützung bei dem am 9. Juni ausgerechnet in München beginnenden Großereignis.

Keine Konflikte

"Es wird kein Konfliktpotenzial geben", versprach Kahn und sagte in Bezug auf Lehmann: "Ich denke, er hat genauso wie ich starke Leistungen in der letzten Zeit gezeigt. Er hat wie ich viele, viele Jahre auf der Ersatzbank gesessen. Aber ein Turnier ist eine ganz spezielle Situation, da kommt auf den Torhüter eine große Drucksituation zu. Aber er wird mit all seiner Erfahrung - er ist ja wie ich 36 - der Situation gewachsen sein."

Nach vielen aufmunternden Worten von Nationalelf-Kollegen und einer weiteren Nacht des einsamen Grübelns stand Kahns Entschluss am Montag endgültig fest. Leicht fiel er ihm nicht, aber er trug ihn entschlossen und überzeugend vor. "Ich bin Sportler, ich bin Wettkämpfer. Da muss man auch die Fähigkeit besitzen, verlieren zu können, einstecken zu können. Ich habe mich noch nie klammheimlich verdrückt. Das passt nicht zu mir", sagte Kahn, dessen Traum von seiner zweiten WM als deutsche Nummer 1 am vergangenen Freitag von Bundestrainer Jürgen Klinsmann zerstört worden war. "Es ist keine einfache Situation, wenn man ein persönliches Ziel, für das man zwei Jahre hart gearbeitet hat, nicht erreicht hat. Da braucht man ein bisschen Zeit, in sich zu gehen, sich zu schütteln."

Ohne böse Worte

Statt seinem Frust Luft zu machen, übte Kahn nicht einmal Kritik an Klinsmann, den er vorab unterrichtet hatte. Kein böses Wort kam über seine Lippen. "Ich habe für meine Ziele immer sehr konsequent gearbeitet. Aber das heißt nicht, dass ich nicht verlieren kann", erklärte Kahn. Ausgerechnet der bisweilen überehrgeizige "Titan" will sich bei der Heim-WM in eine Nebenrolle fügen. Mit seinem Auftritt am Montag widerlegte er auch vorerst Klinsmann, der noch am Sonntag gemutmaßt hatte, dass Kahn "vom Typ her keine Nummer 2" sei. "Ich habe sowohl 1994, 96 und 98 bei Welt- und Europameisterschaften auf der Bank gesessen. Ich war sechs, sieben Jahre lang die Nummer 2 in der Nationalmannschaft", betonte der 84-malige Nationalspieler.

Im Fall des Falles - zum Beispiel einer Verletzung von Lehmann - will er beim Turnier Gewehr bei Fuß stehen. "Ich bin kein Mensch, der seinem Konkurrenten etwas Böses wünscht. Aber ich werde mich hundertprozentig reinhängen und Gas geben. Keiner weiß, was passieren kann", kündigte der Keeper an.

Lob von Klinsmann

Für seine sportlich faire Haltung erntete er umgehend Lob von Klinsmann. "Ein Riesenkompliment für Oliver. Seine Erfahrung und seine Bereitschaft, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen und alles dazu beizutragen, dass wir eine erfolgreiche WM spielen, ist von großer Wichtigkeit", übermittelte der Bundestrainer aus den USA. Team-Manager Oliver Bierhoff äußerte sich ähnlich: "Oliver Kahn hat wieder einmal bewiesen, dass er ein großer Sportsmann ist."

Kahn räumte sogar ein, dass nach der Torwart-Entscheidung viel Druck von ihm abgefallen sei. Er richtete aber zugleich einen deutlichen Appell an alle WM-Beteiligten in Deutschland: "Es sollte jetzt auch vorbei sein mit Kahn und Lehmann und den Spekulationen. Wir sollten endlich eine positive Stimmung für das Mega-Ereignis WM erzeugen. Es darf nicht um persönliche Eitelkeiten, Belange und Schicksale gehen."

DPA

Wissenscommunity