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Werder Bremen im Uefa-Cup: Die Wiederauferstehung

Werder Bremen feiert einen Coup, der einem der berühmten grün-weißen Europapokal-Wunder gleich kommt. Die Überraschung gelingt allerdings abseits des Weserstadions - in einem dramatischen Uefa-Cup-Spiel erzwingt der Bundesligist nach einem 0:2 noch ein 2:2 im legendären San Siro beim ruhmreichen AC Mailand.

Von Frank Hellmann, Mailand

Darauf hatten die Protagonisten in grün-weiß so lange gewartet: Auf einen Abpfiff, der einen einzigen Jubelschrei auslöst, auf einen Gang zu den mitgereisten Fans, der einer Gratulationskur gleichkommt, auf einen karnevalsähnlichen Singsang, der als Sinnbild der überbordenden Freude gilt. Werder Bremen war in dieser kühlen Lombardei-Nacht wiederauferstanden – eindrucks- und elanvoll, inspiriert und konzentriert, mit Qualität und Klasse. Kaum war das 2:2 (0:2) beim ruhmreichen AC Mailand Gewissheit und damit nach dem 1:1 im Hinspiel der kaum mehr für möglich gehaltene Einzug ins Achtelfinale des Uefa-Cups geschafft, entlud sich die Erlösung vor den mitgereisten Fans.

Mannschaft feiert mit Fans

Die Mannschaft reihte sich vor den 1700 Werder-Anhängern auf, tanzte und tollte herum, spritzte mit Wasserflaschen, schunkelte und schubste. "Wir haben den Arsch noch rechtzeitig hoch gekriegt", gab Ersatztorwart Christian Vander später eine sehr treffende Einschätzung. "Der SVW ist wieder da!" intonierten derweil die grün-weißen Sympathisanten hoch oben im dritten Rang des Giuseppe-Meazza-Stadion, das alle Tifosi unter den 23.280 Augenzeugen eines historischen Europapokal-Abends schon fluchtartig verlassen hatten.

Während Werder Bremen jetzt mit dem französischen Vertreter AS St. Etienne die Kräfte misst (12. und 18./19. März) und sogar gute Chancen aufs Viertelfinale hat, ist der internationale Auftrag des AC Mailand sehr abrupt beendet. Und wohl auch das Gastspiel von David Beckham in San Siro. "Das war eine enttäuschende Nacht", flüsterte die englische Stil-Ikone in die Mikrofone, "so etwas passiert im Fußball." Vor allem dann, wenn eine Mannschaft so klar erkennbar über ihrem Zenit ist wie die überalterte Milan-Riege.

Mailand wie ein Abziehbild

Beckhams ohnehin ziemlich unwahrscheinliche Weiterverpflichtung ("Die Fragen nach meiner Zukunft nerven mich nur noch") wäre da auch das falsche Signal. Ohne Kaka und Ronaldinho wirkte der AC Mailand bei seinem letzten Uefa-Cup-Auftritt wie ein schlechtes Abziehbild besserer Champions-League-Tage. Behäbig und schwerfällig, uninspiriert und unorganisiert agierte das Starensemble, das Werder Bremen im Grunde von der ersten Minute an beherrschte.

Die leidenschaftlichen Deutschen waren in einem eindrucksvollen Schauspiel, das zum Leidwesen deutscher Fußballfans zwar auf Rete 4 in Italien, Nasa-TV in Mazedonien oder Al Dschasira Sport, nicht aber in Deutschland live in voller Länge zu bestaunen war, eindeutig der Chef im Ring. Mit mehr Ballbesitz, mit den besseren Chancen. "Wir hatten die Partie nie im Griff", gab Trainer Carlo Ancelotti hinterher zu, "es ist zwar traurig für den AC Mailand, aber die bessere Mannschaft ist weitergekommen." Und sein Fazit glich einem Offenbarungseid seiner Arbeit: "Werder war physisch und taktisch überlegen."

Gegentore passten nicht zur Leistung

Und doch psychisch scheinbar zur Pause am Boden - nämlich unverdient mit 0:2 in Rückstand. "Die zwei Gegentore haben nicht zu unserer Leistung gepasst", sagte Trainer Thomas Schaaf. Denn während trotz überlegenem Spiel vorne zunächst niemand traf, machte Clemens Fritz hinten alles zunichte. Werder hatte fast eine halbe Stunde lang gekonnt Ball und Gegner laufen gelassen, als Fritz sich vom 19-jährigen Brasilianer Pato überlaufen ließ und diesen rüde von den Beinen grätschte. Die fatale Folge: David Beckham schlug einen Freistoß, bei dem Torsten Frings den Ball mit dem erhobenen Ellbogen abwehrte.

Schiedsrichter Jonas Eriksson entschied auf Handspiel und Elfmeter; eine harte, aber vertretbare Entscheidung. Andrea Pirlo ließ sich nicht bitten - 1:0 (26.). Eine ähnliche Szene brachte den nächsten Genickschlag ein: Fritz ließ Pato laufen, und das Supertalent drosch den Ball ungestört aus 18 Metern unter die Latte. Fertig war das Traumtor - 2:0 (33.). "Es war wichtig, dass wir danach wiedergekommen sind und uns von der fragwürdigen Schiedsrichterentscheidung nicht haben beeinflussen lassen", konstatierte Klaus Allofs.

Am Sonntag warten die Bayern

Der Sportchef hatte ein Erfolgserlebnis gesehen, "das uns mehr Sicherheit geben sollte." Und stolz stellte der 52-Jährige fest: "Das muss uns Mut machen: Wer in vier Spielen einer Saison gegen Inter und AC Mailand nicht verliert, besitzt eine gewisse Qualität." Wohl wahr: Nur sollte diese Mannschaft das auch häufiger abrufen - etwa schon am Sonntag in der Bundesliga gegen den FC Bayern. Im Weserstadion treffen zwei im Europapokal fast wundersam erstarkte Mannschaften aufeinander. "Ich hoffe, dass wir dann so weiterspielen", erklärte Claudio Pizarro.

An ihm ist der ganze Widerspruch Werders festzumachen. Noch vergangene Woche hatte der Peruaner nach einem eiligen Bruder-Besuch in München einen Flieger und ein Training verpasst und war daraufhin von Schaaf konsequenterweise aus dem Kader für das Cottbus-Spiel geworfen worden. Wie wichtig das 30-jährige Schlitzohr (auf und außerhalb des Platzes) jedoch sein kann, demonstrierte der Südamerikaner in Mailand: Es waren seine Kopfballtore - eines nach Diego-Freistoß (68.), eines nach Flanke des eingewechselten Sebastian Boenisch (78.) - die für die Wende sorgten.

Ohne Pizarros Geistesblitze hätten die Hanseaten ihre frappierende körperliche Überlegenheit gegen die rapide abbauenden Rossoneri kaum in Tore umgemünzt. "Ich habe gesagt, dass ich der Mannschaft mit meiner Erfahrung helfen will", sagte Pizarro, "das habe ich getan." Seine bislang immer noch fragliche Weiterverpflichtung wäre für Werder immens wichtig. "Das ist an diesem Abend nicht das Thema", stellte Allofs klar. Eher darf konstatiert werden, wie elementar es für ein ansehnliches Offensivspiel ist, dass Diego und Mesut Özil gemeinsam zaubern dürfen und nur einer der alternden Kämpen Frings und Frank Baumann spielt.

Özil stellte alle in den Schatten

Den Kapitän hatte Schaaf anstelle von Özil auf die Bank verbannt, was dem schwungvollen Vorwärtsspiel immens gut tat . Der formidable Neu-Nationalspieler Özil stellte im Duett mit dem fleißigen Diego alle prominenten Techniker an diesem Abend in den Schatten. "Wir haben es uns verdient: Wir waren die bessere Mannschaft und haben so etwas mal gebraucht", erklärte Frings. Und schickte in Richtung München noch hinterher: "Das wird uns viel Selbstvertrauen geben."

Wer übrigens die Highlights von Werders "schönstem Unentschieden der letzten 20 Jahre" (Geschäftsführer Manfred Müller) noch einmal sehen will, hat dazu bei Werder.TV auf der Klubhomepage Gelegenheit. Dort sind seit der Nacht zu Donnerstag die einzig verfügbaren Bilder eingestellt. Allerdings kommen nur Abonnenten von Werder.TV in den Genuss eines echten Fußball-Vergnügens, für das Milans Rechteagentur Mediaset von den deutschen Sendern rund eine Million Euro verlangt hatte.

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