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WM 2006: Der Atem der Equipe

Zidane kehrt zurück - der deutsche Trainer und Frankreich-Kenner Gernot Rohr über das Comeback des Jahres.

Die Franzosen träumen gerne und schnell, und genauso schnell verfallen sie in Betrübnis. Sie waren sehr betrübt, in den letzten Monaten, das heißt, all die, die ein Herz haben für den Fußball. Das sind mittlerweile sehr viele in Frankreich.

Ihre Mannschaft hat in der WM-Qualifikation aus sechs Spielen nur zwei Siege geholt und liegt auf Platz vier der Gruppe, hinter Irland, der Schweiz und Israel. Es sieht wirklich nicht gut aus, wenn man ehrlich ist. Und wenn die Equipe Tricolore nicht in Deutschland 2006 dabei wäre, wäre das eine kleine Katastrophe. Ich kann mir das gar nicht vorstellen.

Aber jetzt träumen die Franzosen wieder, dank Zidane. Ihr Zizou ist zurück. Er hat die Technik und Antizipation, die so fehlte. Er ist der Atem der Mannschaft. Und mit ihm kamen Claude Makelele und Lilian Thuram, erfahrene Männer.

Die drei werden eine Achse bilden, die die Jungen stärkt. Für die war es nicht leicht in den vergangenen Monaten. Die Franzosen wurden 1998 Weltmeister und 2000 Europameister, sie haben die besten Internate, alle dachten, es würde ewig so weitergehen. Und obwohl schon die letzte WM und die letzte EM vermasselt wurden, waren die Erwartungen an die neue Elf wahnsinnig hoch. In der Krise sehnten sich die Franzosen nach den alten Helden.

Manche Kritiker sagen jetzt: Das ist wie bei den Deutschen, die Lothar Matthäus für die EM 2000 in die Nationalelf zurückholten - der das Team prompt spaltete. Aber ich sage: Es ist ganz anders. Zidane steht noch voll im Saft, er ist zwar 33, aber ganz der Alte. Alle Spieler lieben ihn, er ist intouchable, unantastbar, sie folgen ihm, wo immer er sie hinschickt. Das Testspiel gegen die Elfenbeinküste in Montpellier, das sie am späten Mittwochabend ausgetragen haben, war sofort ausverkauft, als die Nachricht seines Comebacks kam.

So sind die Franzosen: Die wenigsten erwarten jetzt noch, dass die Betrübnis bleibt. Dabei kann am 7. September beim Qualifikationsspiel in Dublin schon fast alles verloren sein. Bis dahin muss eine neue Dynamik gefunden werden. Die Deutschen, die Holländer, das sind Teams, in denen herrscht eine große Dynamik. Da ist aber auch der Hunger da. Die Franzosen hatten diesen Hunger zuletzt ein bisschen vergessen. Sie fanden keine Harmonie, und sie fanden keinen Weg, Tore zu schießen, trotz der Weltklasse-Stürmer Henry und Trezeguet. Der Umbruch gelang einfach nicht. Sie hatten keinen Spielmacher mehr. Sie hatten auch keinen capitaine mehr.

Ich bin daher sehr froh, dass Zidane wieder da ist. Aber es ist auch wahr: An Zizou sieht man, was den jungen Spielern heute fehlt. Ich trainierte ihn damals zwei Jahre in Bordeaux. Er hatte alles, was man sich als Trainer wünscht. Nur konnte er damals voll ausreifen. 2. Liga, 1. Liga, und erst 1996 gegen Bayern in den Uefa-Cup-Finals bekam er das Fenster zum Ruhm.

Die Talente von heute haben keine Zeit mehr. Denn weil sie Franzosen sind, die Besten in Europa, gelten sie als die Diamanten der Zukunft. Also werden sie früh von den großen Klubs gekauft, bevor sie wirklich etwas geleistet haben. Sie haben keine Chance, als Persönlichkeit zu reifen. Doch wenn Zidane diese Burschen nach Deutschland führen sollte, wäre das hoffentlich der Schub, den die Elf braucht, um erwachsen zu werden.

Aber was ist, wenn Zizou endgültig weg sein wird? Ob dann ein Junger so weit ist, die Lücke zu füllen? Vielleicht müssen die Franzosen lernen, was die Brasilianer nach Pelé und die Argentinier nach Maradona begreifen mussten: Es wird nie mehr einen geben wie Zidane.

Gernot Rohr/Aufgezeichnet von Rüdiger Barth / print

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