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Japan: Alle schmettern "kimigayo"

Fußball ist in Japan ein Publikumssport und hat sogar Baseball übertrumpft. Die japanischen Kicker und ihre Anhänger zelebrieren Nationalstolz ohne Gewissensbisse - der sie auf eine erfolgreiche Vorrunde gegen Brasilien hoffen lässt.

In der High-Tech-Nation Japan gehören die Elektronikriesen des Landes wie Panasonic, Sharp oder Sony schon vor dem Anpfiff zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland zu den Siegern. In Tokios Elektronik-Mekka Akihabara und den Megastores der Millionenmetropole kommt es schon lange vor Spielbeginn zum Ansturm der Fans, die ihre Kicker-Samurai vor hypermodernen, superflachen Großbildschirmfernsehern anfeuern wollen. Hartgesottene WM-Begeisterte reißen sich gar um ein Angebot, das vollsten Körpereinsatz erfordert: Das japanische Fernsehen berichtet über WM-Touren zu den Spielen der eigenen Nationalmannschaft, bei denen die Fans nur im Flugzeug schlafen können. Abflug Tokio, Ankunft Frankfurt, im Bus zum Stadion, nach Abpfiff flugs zurück nach Hause.

Spätestens seit der Weltmeisterschaft 2002 im eigenen Land hat sich Fußball in Japan als Publikumssport etabliert. Die Spiele der 1993 gegründeten Profiliga locken im Durchschnitt fast 20.000 Zuschauer in die modernen Stadien. Gleichzeitig hat Fußball Baseball als Schulsport Nummer eins abgelöst. Kinder, die sich früher nichts anderes als einen Baseball-Handschuh wünschten, tragen jetzt die Trikots ihrer Fußball-Idole wie Takahara, Ronaldinho oder Ballack.

"Es ist denkbar, dass wir gewinnen, aber es ist auch möglich, dass wir verlieren."

Die Spiele der Nationalmannschaft bieten den Japanern überdies die Möglichkeit, kräftig ihre Nationalhymne zu schmettern und die Nationalfahnen mit dem roten Sonnenball zu schwenken. Und das alles ohne schlechtes Gewissen. Denn lange war es angesichts der aggressiven Kriegsvergangenheit tabu, seinen Nationalstolz so offen zu zeigen. Baseball, der Nationalsport der Japaner, bietet mangels großer internationaler Wettbewerbe kein Ventil für solche nationalen Gefühlswallungen.

Vor der WM wird die "Kimigayo" öfter erklingen. Japan bereitet sich mit neun Begegnungen, darunter Ende Mai gegen den WM-Gastgeber Deutschland, auf die harte Prüfung in der ersten Runde vor. Das Losglück bescherte den Mannen um den brasilianischen Trainer Zico den haushohen Favoriten Brasilien und die starken Kroaten als Gruppengegner. Der ehemalige Ballzauberer Zico, der gegen Ende seiner Karriere der japanischen Profiliga auf die Sprünge half und später als Manager und Berater bei den Kashima Antlers, einem der stärksten J-League-Clubs arbeitete, prognostiziert in der Manier eines Sepp Herbergers die Chancen seines Teams: "Es ist denkbar, dass wir drei Spiele gewinnen, aber es ist auch möglich, dass wir drei verlieren können."

zwiti>Kartenkontingent reichte nicht annähernd aus Für Zicos Kritiker aber steht bereits fest, dass die Japaner bei der WM nicht sehr weit kommen. Schuld daran sei seine Trainerphilosophie, die darauf abzielt, dass die Spieler immer selbst denken und handeln. Ivica Osim, Ex-Nationalmannschaftstrainer Jugoslawiens und ob seines Erfolgs als Trainer von Pierre Littbarskis japanischem Ex-Club JEF United Chiba, wird in Japan mit den Worten zitiert: "Es gibt eine Sache, die man japanischen Spielern nicht beibringen kann, nämlich, dass jemand bereit ist, Verantwortung zu übernehmen." Die Kritik von Osim, der als Nachfolger Zicos im Gespräch ist, sorgte für Aufsehen.

Unabhängig von diesen Querelen ist die Vorfreude auf das WM-Spektakel in Deutschland groß. Dazu trägt auch das Deutschlandjahr in Japan bei, in dem sich Deutschland in den vergangenen Monaten als modernes, dynamisches und gastfreundliches Land präsentiert hat. Ziel der zahlreichen Veranstaltungen war es, das angestaubte Image Deutschlands - zwischen Oktoberfest, Neuschwanstein und Goethe - zu polieren und vor allem das Interesse der jungen Japaner an Deutschland zu wecken. Die japanischen Fußball-Fans haben bei der bevorstehenden WM nun die Gelegenheit, Deutschland hautnah zu erleben.

Viele werden ihre Idole jedoch gar nicht im Stadion anfeuern können. Das Kartenkontingent von rund 6000 Tickets, die über eine spezielle Seite im Internet sowie designierte Reiseveranstalter verkauft wurden, reichte bei weitem nicht aus. Nach Angaben des japanischen Fußballverbandes hatte es Bewerbungen für fast 200.000 Tickets gegeben.

Lars Nicolaysen, DPA / DPA

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