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Schweden: Den Deutschen verzeihen

Die kühlen Schweden fiebern dem Großereignis WM wie noch nie entgegen: Tausende wollen hautnah dabei sein, wenn ihre Jungs um die wichtigste Trophäe der Fußball-Welt kämpfen.

Wie jedes Jahr haben knapp hundert Stockholmer Fußballfreunde an Heilig Abend vor dem Wohnhaus Katarina Bangata 42 im Stadtteil Söder den Geburtstag von Lennart Skoglund gefeiert. "Nacka", der legendäre Linksaußen der ebenso legendären schwedischen WM-Elf 1958, war hier aufgewachsen. Und hier starb er auch 1975, vereinsamt, versoffen und verarmt nach glanzvollen Jahren bei Inter Mailand und in der Nationalmannschaft. Die Kraft solcher Legenden und die gewaltige Anziehungskraft des Fußballs in Schweden zeigt jedoch weniger der weihnachtliche Geburtstagssalut der Fans als viel mehr ein gewaltiges Denkmal aus Bronze. Es steht hundert Meter von Skoglunds Wohnung entfernt und wurde für den blonden Dribbelkönig von der Stadt Stockholm errichtet.

"Wir freuen uns alle unbändig auf die WM in Deutschland", sagt Tom Alandh, der auch immer am Vormittag des 24. Dezember zur Ehrung für Skoglund pilgert. Im Juni wird der Dokumentarfilmer als Fan mit Kind und Kegel den Weg der heutigen Fußballstars aus seinem Land durch das Turnier in Deutschland verfolgen: "Es hat in Schweden schon sehr, sehr lange nicht mehr eine solche Vorfreude auf ein Großereignis gegeben. Viel wichtiger als die Reichstagswahlen im September." Und wichtiger als Tennis oder Eishockey, fügt er hinzu.

Fußball ist "in"

Beim Fußball-Verband SFF sind 300.000 Karteninteressenten registriert. Drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Für die Gruppenspiele gegen Trinidad, Paraguay und England liegen 150.000 feste Bestellungen vor. Das schwedische Kontingent beträgt bisher ganze 12.741 Tickets. Fußball ist mehr "in" als je zuvor seit der WM im eigenen Land vor 48 Jahren. Damals schlug Skoglund an der Seite von Mitspielern wie Hamrin, Gren und Liedholm im denkwürdigen Göteborger Halbfinale die deutschen Weltmeister mit 3:1 und unterlag im Finale Brasilien mit einem 17-Jährigen namens Pelé 2:5.

Alandh, der einen wunderbaren Dokumentarfilm über Skoglund gedreht hat, stand als 14-Jähriger beim Finale am Spielfeldrand des Stockholmer Rasunda-Stadions. Damals waren fast alle heimischen Spieler blond, und alle hatten auch heimische Namen. Beim Turnier 2006 heißt die ganz große Hoffnung auf viele Tore Zlatan Ibrahimovic, und wenn der in Malmö geborene Sohn bosnischer Zuwanderer nicht trifft, soll es der dunkelhäutige Henrik Larsson richten.

"Kanakin des Jahres" - ist doch prima

Über ein Fünftel der neun Millionen Schweden hat heute mindestens einen aus einem anderen Land stammenden Elternteil. Aus dem früher stark isolierten Randstaat mit viel nordischer Kühle ist ein bunteres und viel weltoffeneres Völkergemisch geworden. Natürlich auch mit den entsprechenden Problemen bei Integration, mit Arbeitslosigkeit und massivem Verlust von Arbeitsplätzen in der Industrie.

Mit der geborenen Silvia Sommerlath haben die Schweden eine deutsche Zuwanderin in ihr Herz geschlossen, die den an sie bei einer Leserabstimmung gegangenen Titel "Kanakin des Jahres" mit dem Satz kommentierte, das sei doch ganz prima. Die völkerverbindende Wirkung des Sportes erlebte die heutige Königin Silvia 1972 hautnah, als sie bei den Olympischen Spielen auf den Rängen des Münchner Olympiastadions den damaligen Kronprinzen Carl Gustaf kennen und lieben lernte.

"Das Halbfinale 58 haben wir euch vergeben, weil wir die Sieger waren", sagt Alandh lachend zum deutschen Gesprächspartner. Sein Held Skoglund schoss im Hexenkessel des Göteborger Ullevistadions den Ausgleich zum 1:1-Halbzeitstand. Damals verbanden auch die Schweden mit Deutschland vor allem Hitler, die Judenvernichtung und den Zweiten Weltkrieg. Davon ist nichts mehr spüren, auch wenn immer noch fast jeder Schwede den Satz "Ordnung muss sein" auf Deutsch sagen kann.

Nun hoffe man doch nur, dass der Satz sich beim Einsatz der Organisatoren gegen allerlei gewaltbereiter Hooligans aus den dafür besonders berüchtigten Ländern wie England und den Niederlanden bewahrheite, meint Alandh. Daheim haben die Spitzenclubs wie Meister Djurgarden Stockholm ebenfalls heftig mit Randalierern zu kämpfen.

Die schwedischen Fans erwarten von ihrer Elf in Deutschland, dass sie weit kommt. Ibrahimovic, Larsson und auch Fredrik Ljungberg sind Weltstars. Das ganz große Ding wäre für die Skandinavier ein Sieg über England und dann der Weg ins Finale gegen die absoluten Superstars aus Brasilien. Revanche für 1958.

Thomas Borchert/DPA / DPA

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