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Schweiz: Die "Nati" beendet den "Blues"

Die als langsam verschrienen Schweizer waren völlig außer Rand und Band, als ihre Mannschaft die "Hölle von Istanbul" überlebten und sich für die WM qualifizierten. Nun sind die Alpen-Jungs für weitere Überraschungen bereit.

Hunderttausenden Schweizer Fußballfreunden erging es am Abend des 16. November 2005 wie dem Berner Blogger Christian Zingg: Leicht zitternd, mit feuchten Händen und klopfendem Herzen starrte er auf die Mattscheibe. Alle 15 Sekunden huschte sein Blick zur eingeblendeten Uhr. "Ist das alles wahr?", fragte er sich. Wird es einem nach 41 Lenzen zum größten Problem seines Lebens, ob sich die Schweiz für die WM 2006 qualifiziert?

Die Schweizer Nationalelf - von den Anhängern liebevoll "Nati" genannt - hatte sich an diesem denkwürdigen Abend in der "Hölle von Istanbul" für die WM in Deutschland qualifiziert. Die 2:4-Niederlage im Playoff-Rückspiel gegen die Türkei reichte gerade - dank der Auswärtstorregel und dem 2:0-Sieg im Hinspiel. Die brutalen Szenen nach dem Abpfiff sind fast schon vergessen: Türkische Spieler und Polizisten versetzten in ihrer Enttäuschung den alpenländischen Kickern Tritte. Manch einer trat die Heimreise mit Blessuren an.

"Wenn es eine Party gibt, kommen die Leute"

In der Heimat wurden sie aber empfangen wie Helden. Es war nicht einfach nur Fan-Euphorie. Die jüngsten Erfolge der "Nati" rühren an tiefere Schichten der Volksseele. "Jahrzehnte hindurch gab es bei uns den Begriff der 'ehrenhaften Niederlage'", erklärt es Zingg, einer der prägenden Internet-Autoren des Fußball-Portals "Zum runden Leder" (http://fussballblog.espace.ch). "Immer war es dieses 'Wir waren nahe dran'. Denn gegen, sagen wir, England oder einen anderen 'Großen' knapp zu verlieren, ist überhaupt keine Schande."

Doch jetzt ist alles anders. "Das ist eine Mannschaft, die siegen will, die Potenzial hat und Selbstbewusstsein", sagt Zingg. Eine Mannschaft, von der auch erwartet wird, dass sie die Vorrunde bei der WM - in der Gruppe mit Frankreich, Südkorea und Togo - übersteht. Der "Wir waren nahe dran Blues" ist passé. Der Schweizer Fan ist auch nicht besonders treu. Solange Erfolge geboten werden, ist er dabei. "Wenn es eine Party gibt, kommen die Leute", beschreibt es Zingg.

Überraschungen gegen Frankreich

Tatsächlich könnte die Mannschaft unter Trainer Jakob "Köbi" Kuhn für die eine oder andere Überraschung bei der WM gut sein. "Sie ist gut eingespielt, hat einen breiten Kader, fast jede Position kann doppelt besetzt werden", konstatiert Marcel Siegenthaler, Sportchef der Tageszeitung "Blick". Als "delikaten" Gegner, der "schwer zu besiegen" sei, bezeichnete der französische Star David Trezeguet jüngst in einem Zeitungsinterview die Schweizer Elf. In der Qualifikation hatte sie Frankreich zwei Unentschieden abgerungen.

Die "Nati" besteht aus Profis, die zumeist bei ausländischen Spitzen-Clubs ihr Geld verdienen. Spielmacher Johann Vogel verdingt sich bei AC Mailand, Philippe Senderos beim FC Arsenal, die meisten in der deutschen Bundesliga - Philipp Degen bei Borussia Dortmund, Ricardo Cabanos und Marco Streller beim 1. FC Köln, Raphael Wicky beim Hamburger SV, Tranquillo Barnetta bei Bayer Leverkusen, Christoph Spycher bei Eintracht Frankfurt. Nur dessen Vereinskollege Benjamin Huggel muss bei der WM zuschauen, da ihn der Weltverband Fifa nach seinen Revanche-Tritten von Istanbul für sechs Spiele sperrte.

Antrieb mit "Lebenserfahrung, Liebe und Führung"

In der Mannschaft steckt viel gezielte Aufbauarbeit und die Früchte einer systematischen Nachwuchsförderung. Senderos und Barnetta waren schon mal Europameister - 2002 mit der U-17. Kenner rühmen außerdem die erfolgreiche Integration von Einwandererkindern. Die "Seconderos", wie die Kids genannt werden, die sich dem Schweizer Wohlstand vom unteren Rand her nähern, seien mitverantwortlich für den gesunden Selbstbehauptungswillen, der die heutige Schweizer Equipe prägt.

Und dann ist da "Köbi" Kuhn, der Trainer, der sie zu dem geformt hat, was sie heute sind. Im Zirkus der Manager im Maßanzug, der wissenschaftlichen Spielfeld-Strategen und der exaltierten Gurus auf der Trainerbank wirkt der 62-Jährige wie fußballerisches Urgestein. Einen "Geerdeten" nennt ihn der Berner Journalist Jürg Steiner, der "seine wohlstandsgepeinigten Jungs nicht mit Psychotricks antreibt, sondern mit Lebenserfahrung, Liebe und Führung".

Kuhn lebt trotz wachsenden Ruhms weiter in seiner Wohnung im Zürcher Arbeiterbezirk Wiedikon, aus dem er stammt. Sein Credo erklärte er im "SonntagsBlick": Fußball ist ein Mannschaftssport, da muss sich jeder unterordnen können. Nach außen mag einer ein hoch bezahlter Star sein, aber entscheidend sei letztlich, "dass er im Innersten bescheiden und demütig bleibt".

Gregor Mayer/DPA / DPA

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