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Beckenbauer-Interview: "Keine Alternative zu Klinsmann"

Franz Beckenbauer zieht ein erstes Fazit "seiner" WM. Im Interview spricht der Kaiser auch über sein nicht immer einfaches Verhältnis zu Klinsmann und die Zukunft der deutschen Mannschaft.

Die deutsche Nationalmannschaft ist im WM-Halbfinale ausgeschieden. Wie wichtig ist nun noch ein Erfolg im Spiel um Platz drei gegen Portugal?

Beckenbauer: "Die Spieler wissen, dass sie sich noch einmal zusammenreißen müssen. Wenn Du Dritter wirst, kann man nichts sagen. Dass ist doch auch etwas bei einer WM."

Was war für Sie das Besondere an der WM?

Beckenbauer: "Noch ist die WM nicht zu Ende. Wir Bayern sagen: 'So lange die Glocken läuten, ist die Kirche noch nicht aus.' Der Gesamteindruck wird bleiben, und der ist positiv. Alle sind Gewinner, einen Verlierer gibt es nicht. Doch der größte Gewinner war der Fan. Auf den Fan-Meilen hat sich die ganze Welt versammelt. So stellt sich der liebe Gott die Welt vor."

Wie wichtig war das Abschneiden der deutschen Mannschaft?

Beckenbauer: "Ohne die deutsche Mannschaft wäre es nicht gegangen, das musste ein Gleichklang sein. Sie hat da sehr schön mitgezogen und das Halbfinale erreicht. Wer hätte das vorher gedacht?"

Falls Klinsmann aufhört: Wer sollte dann Bundestrainer werden?

Vor der WM gehörten Sie gelegentlich auch zu den Kritikern von Bundestrainer Jürgen Klinsmann.

Beckenbauer: "Ich habe aber immer wieder betont, dass ich optimistisch bin, was die WM angeht. Es ist ihm auch beim Confed Cup 2005 gelungen, eine fitte und starke Mannschaft an den Start zu schicken. Ich konnte aber nach dem 1:4 vor der WM gegen Italien nicht sagen, dass das gut war."

Hängt die Weiterentwicklung des Nationalteams entscheidend von Klinsmann ab?

Beckenbauer: "Ich denke schon. Die Mannschaft will ihn deshalb auch weiter haben. Es ist seine Mannschaft, er hat sie zusammengestellt. In meinen Augen muss er weitermachen, weil er etwas angefangen hat, was nicht zu Ende geführt ist. Die Mannschaft braucht ihn."

Gibt es eine Alternative zu Klinsmann?

Klinsmann: "Im Moment wüsste ich keine. Er macht es jedoch richtig, dass er sich nicht von den Eindrücken der WM leiten lässt, sondern dass er nach Hause fliegt, es mit seiner Familie bespricht und alles klar analysiert."

Kein anderer Bundestrainer hat für so einen radikalen Schnitt gesorgt wie er. Hat dies dem deutschen Fußball gut getan?

Beckenbauer: "Ich habe es ja mitgetragen als Mitglied des DFB- Präsidiums. Wenn ein Neuer kommt, bestimmt der. Man hat ihm alles gewährt. Da hat der DFB, der oft gescholten wird, auch eine Rolle gespielt. Er hat Klinsmann nichts in den Weg gelegt und ihn gewähren lassen."

Wird die Diskussion über den Wohnort Kalifornien wieder aufflammen, wenn Klinsmann seinen Vertrag verlängern würde?

Beckenbauer: "Es wird wieder kommen. Wenn Du in der neuen Saison ein schlechtes Spiel hast oder eine Niederlage kriegst, heißt es wieder, er muss mehr da sein. Doch ich glaube, man hat sich an diese Diskussion gewöhnt. Natürlich wäre es gut, wenn der Bundestrainer mehr hier wäre. Es gehört auch zu den Aufgaben eines Bundestrainers die Beobachtung. Da kann man nicht immer seine Späher ausschicken, da muss man auch mal persönlich da sein."

Wo sehen sie den deutschen Fußball nach der WM?

Beckenbauer: "Wir sind wieder mit dabei und wir können wieder vorne mitspielen. Die Mannschaft steht ja erst am Anfang, viele Spieler sind so um die 20 Jahre alt. Das Team ist sehr jung, möglicherweise war das auch der Grund, warum sie das Finale nicht erreicht hat. Die Italiener waren in bestimmten Phasen einfach cleverer und erfahrener. Mit der Erfahrung aus der WM wird es in den kommenden zwei Jahren bestimmt noch eine Steigerung geben."

Sie haben sich bei der WM ungewohnt zurückgehalten und mit Kritik gespart. Warum?

Beckenbauer: "Es gab wenig oder kaum etwas zu kritisieren, weder sportlich noch vom Ablauf. Sogar das viel gescholtene Ticketing hat funktioniert, alle Stadien waren voll. Ich sehen keinen einzigen Punkt, alles hat funktioniert."

Sie waren als Spieler und Trainer Weltmeister. Nun haben sie als Organisator einer glänzenden WM einen großen Erfolg. Was ist für Sie die wichtigste Station in ihrem Leben?

Beckenbauer: "Der größte Erfolg war, die WM nach Deutschland geholt zu haben. Das die WM so ein Erfolg wird, davon kannst Du nur träumen. Dass plötzlich das ganze Land tanzt, die Scheu vor den Nationalfarben abgelegt wird, das nationale Gefühle gezeigt werden, dass konnte man vorher nicht ahnen. Du kannst alle vier Jahre Weltmeister werden, als Trainer, Spieler und Fan, doch eine WM im eigenen Land wird keiner von uns mehr erleben."

Wie beurteilen Sie das sportliche Niveau der WM?

Beckenbauer: "Das liegt irgendwo in der Mitte. Wir haben kaum schlechte Spiele gesehen, aber auch kaum Knaller. Da würde ich die Note zwei bis drei geben."

Mit ihrer Hochzeit mitten in der WM haben Sie alle überrascht...

Beckenbauer: "Wir haben überlegt, wann haben wir am besten unsere Ruhe haben könnten, und das konnte nur bei der WM sein. Dass wir es geheim halten konnten, hat uns selbst überrascht. Es wusste nicht mal der Standesbeamte, dass wir heiraten. Es war so geheim, dass man das Licht in dem Raum, wo wir uns trauen ließen, nicht angemacht hat."

Interview: Andreas Schirmer und Arne Richter/DPA / DPA

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