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Deutsch-türkischer Patriotismus: Dönerbuden im Schwarz-Rot-Gold-Rausch

Auch viele türkische Migranten werden von der Patriotismuswelle in Deutschland erfasst und fiebern mit dem DFB-Team. Und in Kreuzberg weht der deutsche Wimpel jetzt an türkischen Gemüseläden.

Fenerbahce Deutschland: Weil die Türkei nicht bei der Fußball-Weltmeisterschaft dabei ist, haben ihre Landsleute ihr Herz für die Elf von Jürgen Klinsmann entdeckt. Auch bei der Partie gegen Ecuador am Dienstag werden türkische Einwanderer mit der Mannschaft ihrer zweiten Heimat mitfiebern. In Kreuzberg hängen seit dem Anpfiff schwarz-rot-goldene Wimpel an Gemüseläden, bei den Autokorsos sind die Türken vorne mit dabei. An der einen Wagenseite weht bei manchen die rote Türkei-Flagge mit Stern und Halbmond, an der anderen die bundesdeutsche.

So macht es auch Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland. "Mein Herz ist die Türkei, mein Verstand ist Deutschland", sagt Kolat, der Fan von Fenerbahce Istanbul und der Berliner Hertha ist. Er ist überrascht, wie sehr die Migranten die Nationalmannschaft Deutschlands unterstützen. Für ihn ist das auch ein politisches Signal, in einer Zeit, in der Ausländer mit vielen negativen Schlagzeilen leben. "Es zeigt, dass das Zugehörigkeitsgefühl da ist." Es sei keine Anbiederung, sondern komme von Herzen.

Solidarität mit Deutschland

"Wenn so etwas in unserer Heimat stattfindet, dann soll Deutschland Weltmeister werden, nicht Italien oder Brasilien", findet der Direktor des Zentrums für Türkeistudien (Essen), Faruk Sen. "Die türkischen Migranten solidarisieren sich voll mit Deutschland", glaubt er. Sen hält es für kein neues Phänomen: Borussia Dortmund habe einen internationalen Fanclub mit vielen türkischstämmigen Mitgliedern. Zur WM ruft er alle 2,7 Millionen seiner hier lebenden Landsleute auf, Ballack und Co. die Daumen zu drücken. "Ich gehe davon aus, dass Deutschland es diesmal schafft."

Wie groß die Unterstützung unter den Türken ist, lässt sich freilich schwer einschätzen. Sichtbar ist sie zumindest. In der Oranienstraße in Kreuzberg, das wegen seiner vielen Bewohner vom Bosporus auch als "Klein-Istanbul" apostrophiert wird, sind Deutschlandfahnen gefragt, in einem Laden gibt es sogar Socken mit schwarz-rot-goldenen Streifen. Für Engin Nesil und Sakir Seref ist es Ehrensache, Flagge zu zeigen. Jeden Tag verkaufen die beiden in ihrem Laden zwischen 10 und 20 Autowimpel á zwei Euro. Beim nächsten Autokorso wollen sie wieder mit dabei sein. "Da fahren mehr Ausländer mit als Deutsche", sagt Nesil. Seref findet es gut, dass die Deutschen sich mehr trauen, Schwarz-Rot-Gold zu zeigen. "Die Scham ist weg."

Türkische Lust an der WM-Party

Etwas belustigt beobachtet Tülin Duman, die im Kreuzberger Laden "Goal" alternative Fußballprodukte verkauft und sich gut mit dem Sport auskennt, den deutschen Fanatismus ihrer Landsleute. "Die möchten einfach dabei sein", meint die 28-Jährige, die eher an die türkische Lust an der WM-Party als an Patriotismus glaubt. "So richtig mitfiebern tun die ja gar nicht." Zu einem Bekenntnis zu Klinsmann ("als Trainer nicht gut") oder zum deutschen Team lässt sie sich nicht hinreißen. "Im Vergleich zu vielen anderen Mannschaften haben die auch nicht die besten Karten für die WM." Ins Finale könne es Deutschland aber schaffen. Wegen des Heimvorteils.

Caroline Bock, DPA / DPA

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