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Deutsche Pressestimmen: "WM, ich will ein Kind von Dir!"

Ganz so drastisch wie die Münchener Abendzeitung sehen es nicht alle Blätter. Aber alle Zeitungen sind sich einig: Die WM war ein Riesenerfolg!

Neue Osnabrücker Zeitung

Zu spüren war die Sehnsucht vieler Menschen, Emotionen in einer großen Gemeinschaft auszuleben. Sonst haben wir dazu nicht viel Gelegenheit: Gefühle leisten wir uns in der kalten Hektik des Alltags selten. Und Gemeinschaft? In unserer komplexen Welt, von Spezialisten regiert und von Expertenwissen zerklüftet, gibt es keine klaren Botschaften, keine Helden und keine einfachen Weisheiten wie "Ein Spiel dauert 90 Minuten" oder "Der Ball ist rund". Wahrscheinlich geht es gar nicht so sehr um Fußball, vielleicht geht es nicht mal um Schwarz-Rot-Gold. Vielleicht sind die nationalen Symbole nur die neuen Erkennungszeichen von Menschen, die ihren Herzschlag spüren, die lachen und weinen wollen, zusammen mit anderen. So wie einst in Woodstock oder damals nach dem Mauerfall.

Lausitzer Rundschau

Die Welt war in den letzten vier Wochen tatsächlich zu Gast bei Freunden - und unser Land dabei ein glänzender Gastgeber. Eine Euphoriewelle in Schwarz-Rot-Gold, der sich fast niemand entziehen konnte (und wollte), breitete sich aus München kommend seit dem 9. Juni über dem Land aus. Schade, dass es zu Ende ist. Zu wünschen ist, dass sich unser Land und seine Menschen etwas von dieser Unverkrampftheit und Lockerheit bewahren können - auch ohne Fußball- WM. Einfach so, jeden Tag.

Schwäbische Zeitung

Eine perfekt organisierte WM mit Spielen, die allesamt ausverkauft waren, liegt nun hinter uns. Dazu ein begeisterndes Auftreten der deutschen Mannschaft, die uns mit neuen Tugenden und neuem Esprit Mut gemacht hat, selbst Mut zu haben, ausgetretene Pfade zu verlassen, und deutsche Fans, die ihre Mannschaft, ihr Land und sich selbst feierten. Die schwarz-rot-goldene Orgie hat keine Angst gemacht, sondern Freude geweckt. Deutschland, uneinig Zweiflerland, hat den Frieden mit sich selbst geschlossen.

Sächsische Zeitung

Dieses Championat hat allen gezeigt, was möglich ist, wenn eingefahrene Gleise verlassen werden, wenn Krusten brechen, wenn große Ziele angepeilt werden. Die DFB-Elf gab ein Beispiel für Teamgeist und Leidenschaft, für Innovation und Willenskraft. Ein ganzes Land nahm dankbar den Ball auf und sprang über seinen Schatten. Es schien, als habe es nur darauf gewartet. Bemerkenswert ist, dass der Fußball einem Volk mehr Selbstwertgefühl gibt, als es die Politik vermag.

Abendzeitung (München)

Vielleicht sollten wir alle mehr spielen, spielerischer werden, aber zugleich klinsmännisch-ernsthaft, irgendwie deutsch. Vielleicht sollten wir, wie J.K. es tat, Jüngeren mehr Chancen geben, auch wenn sie zunächst einiges versäbeln. Vielleicht sollten wir? á la? Klinsi? mehr vermeintlich unumstößliche Regeln aufbrechen, obwohl das Risiko des Scheiterns groß ist. Dann bleibt die WM für immer bei uns. Auf der Leopoldstrasse war am Samstag nach dem Sieg über Portugal ein Plakat zu sehen:? WM, ich will ein Kind von Dir!

Landeszeitung (Lüneburg)

Vom Fußball kann die Politik lernen. Denn unsere Kicker befinden sich dank der Reformfreude und der unorthodoxen Methoden ihres Trainers auf dem Weg zurück zur Weltspitze -- dorthin, wo das gesamte Land sich einst befunden hat. Die Klinsmänner haben bei ihren herzerfrischenden Auftritten nie gezaudert oder gar geflick schustert. Da wurde weder lange palavert noch der Bedenkenträgerei gefrönt oder gar der Defensivbeton angerührt, sondern unerschrocken nach vorne gestürmt. Vor allem aber sind sie aufgetreten wie eine Einheit. Immer mit dem klaren Ziel vor Augen. Dass es am Ende dennoch nur beinahe geklappt hat, macht das Unternehmen, ,Weltmeister 2006" fast noch sympathischer. Frau Merkel und die Ihren saßen oft genug auf den Ehrentribünen und haben Anschauungsunterricht genommen.

Bremer Nachrichten

Vielleicht entsteht daraus sogar eine Art Rückkopplung - mehr Schwung, mehr Energie, mehr Fantasie beim Anpacken und Bewältigen aller jener Probleme, die uns vor der WM-Zeit mitunter die Stimmung vergällt hatten. Denn, geben wir es ruhig zu: Manchmal haben wir doch mit reichlich Neid auf die "leichtlebigeren" Nachbarn z.B. im Süden geblickt, die sich trotz vieler politischer, wirtschaftlicher und sozialer Probleme in ihren Ländern nicht aufs permanente Jammern verlegen. Und die auch nicht stets nach dem hässlichen Haar in der Suppe suchen, obwohl die wohlschmeckend und anregend ist. Schwierigkeiten, die es gibt zwar nicht kleinreden, doch mutig, selbstsicher und mit Optimismus an ihrer Behebung arbeiten, das ist ein Erfolg versprechender Weg.

Kieler Nachrichten

Die emotionale Intensität, mit der die DFB-Auswahl am Sonnabend in Stuttgart und gestern in Berlin für Platz drei gefeiert wurde, war eines Weltmeisters würdig. Aus einem Haufen durchschnittlich begabter, international kaum begehrter Profis in Rekordzeit ein Team zu zimmern, das so hinreißend Fußball spielt, dass es die ganze Nation mitreißt, ist die eigentliche Sensation dieser WM. Doch glaubt jemand ernsthaft daran, dass sich Klinsmanns Reformwillen auf Politik und Wirtschaft auswirken könnte? Berlin wird weiter an Reförmchen werkeln und merkeln. Und Teamgeist interessiert Bosse nicht, wenn mit dem Abbau von Arbeitsplätzen die Börsenbilanz aufpoliert werden kann. Wir haben vier Wochen freudetrunken gefeiert, der Kater wird kommen. Doch immerhin wird der unverkrampfte Umgang mit nationalen Symbolen bleiben.

Mannheimer Morgen

Es mag den Wissenschaftlern überlassen bleiben, die genauen Ursachen für diesen neuen Patriotismus zu erforschen. Sicher werden sie dabei auch wieder die Geschichte dieses Landes bemühen und die daraus resultierenden Befindlichkeiten der deutschen Psyche sezieren. Den Millionen Fans, die in Stadien, auf Fanmeilen oder vor den Fernsehgeräten diese WM und die deutsche Mannschaft bejubelt haben, dürften derlei Analysen ziemlich Wurscht sein. Nach der von der Politik verursachten Tristesse des Alltags hatten sie ganz einfach den Wunsch zu feiern, sich zu freuen und das Motto dieser WM "Die Welt zu Gast bei Freunden" zu leben.

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