Oliver Kahn Weichgespülter Schmusekater


Er wurde mit Spannung erwartet, der erste Auftritt von Oliver Kahn bei der WM-Pressekonferenz des DFB. Wer allerdings geglaubt hatte, dass der degradierte Torwart die große Beleidigte-Leberwurst-Show abziehen würde, lag daneben.
Von Klaus Bellstedt, Berlin

Im Gegenteil: Die 15 Minuten auf dem Podium dürften Oliver Kahn im Kreise der deutschen Nationalmannschaft weitere Sympathiepunkte eingebracht haben. Denn jetzt weiß auch Jürgen Klinsmann: Störfeuer aus der Ecke seines Ersatzmanns sind in dieser heißen Phase der WM bis auf weiteres nicht zu erwarten. So, wie Oliver Kahn seine für ihn eigentlich frustrierende Rolle bei dieser WM interpretiert, spricht das für eine hohe Professionalität. Im Stillen hatten das auch alle beim DFB gehofft, zu rechnen war damit nicht nur.

Der einstige Welttorhüter sieht seine Hauptaufgabe in erster Linie darin, seinen großen Erfahrungsschatz an die Spieler weiterzugeben. Da wird Kahn dann auch schon mal deutlicher: "Ich greife ein, wenn ich bemerke, dass ein junger Spieler eine positive Ansprache braucht. Andererseits trete ich ihnen auch schon mal in den Hintern." Ja, er verspüre sogar "Spaß an der Arbeit", gleichzeitig aber auch "Druck und Kitzel" vor allem jetzt, so unmittelbar vor dem Duell mit Argentinien.

Lob für Jens Lehmann

Die deutsche Mannschaft, die bei dieser WM bis jetzt nur begeistert hat, habe "einen speziellen Geist", sagt Kahn. Die Spannung im Team sei förmlich zum Greifen. "Man merkt das überall, nicht nur im Training. Alle haben nur ein Ziel vor Augen, und zwar Argentinien zu schlagen." Die Chance, die Negativ-Serie in Spielen gegen große Fußballnationen, mit einem Sieg gegen die "Gauchos" zu beenden, sei groß. Und wenn eben nicht in der regulären Spielzeit, dann im Elfmeterschießen. "Denn da", schmunzelt Kahn, "haben wir eine unglaublich gute Bilanz und sind traditionell gut".

Nur lobende Worte hat der entspannt wirkende Bayern-Torwart für seinen großen Widersacher im Tor der Nationalmannschaft, Jens Lehmann, übrig: "Seine Leistung bei diesem Turnier ist bis jetzt tadellos, er spielt ruhig und abgeklärt. Und wenn man drei Mal hintereinander keinen Gegentreffer kassiert, dann spricht das auch für sich. Kahn hat sogar Parallelen zu Lehmann beobachtet: "Er lebt hier in seiner ganz eigenen Welt und ist hochkonzentriert. Das ist auch gut so, ich kenn das selbst von mir ja auch." Bei so viel Lobhudelei lag die Frage eines Journalisten, wann es denn zum gemeinsamen Bier mit dem Konkurrenten komme würde, nahe. Kahns Antwort: "Das ergibt sich dann von selbst".

"Kann man nur auf die Schnauze fallen

Zum Schluss spricht Deutschlands Nummer zwei dann aber doch noch einmal über seine verletzte Seele, als ein argentinischer Zeitungsmann wissen will, ob es an Jürgen Klinsmann liege, dass der beste Torwart der Welt nicht bei dieser WM zum Einsatz komme. "Bei der Beantwortung dieser Frage kann man eigentlich nur auf die Schnauze fallen", lacht Kahn. Um Sekunden später souverän und abgeklärt fortzufahren: "Klinsmann hat so entschieden, das ist seine Philosophie. Für mich war es schwierig, aber ich hab es akzeptiert." Großes Kino, großer Charakter, großer Kahn!


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