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"Bellstedt haut drauf" - Teil 13: Horrortrip im Klitschko-Abteil

Bahnfahren ist nichts für Weicheier. Und schon gar nicht, wenn man gemeinsam mit Igor und Wasili im Abteil reist. Die beiden ukrainischen Klitschko-Doubles haben unseren WM-Reporter in den Wahnsinn getrieben.

Das große schwarze Loch rückt unaufhaltsam näher. Wir Fußballfans können nichts dagegen tun, uns sind die Hände gebunden. Das tut schrecklich weh. Die WM, unser große Lebenshoffnung, sie endet in nicht einmal mehr 14 Tagen. Da werden Depressionen auf uns zukommen, dass es kracht. Ehen und Beziehungen werden in die Brüche gehen, weil niemand ohne Fußball mehr was mit sich und anderen anzufangen weiß. Für viele wird die Post-WM-Zeit die vielleicht härteste Herausforderung ihres Lebens.

Was hilft?

Wir fragen uns im Kollektiv: Gibt es ein Patenrezept gegen den großen Frust nach diesem schwarz-rot-goldenen Jahrhundertereignis? Zwei Möglichkeiten erschließen sich mir: 1. in die Arbeit stürzen, rein ins Hamsterrad, raus aus dem Hamsterrad, Augen zu und durch, 2. Urlaub machen und zwar weit weg. Möglichst in der Südsee, vielleicht auch Neuseeland oder auf die Malediven. Eben da, wo die Leute mit Fußball nichts anzufangen wissen. "Häh? Welche WM? Hab' ich was verpasst?" Menschen, die solche Fragen stellen, täten uns gut. Das wäre wie Balsam auf unseren geschundenen und verkaterten Seelen.

Eines nur sollten Sie im Urlaub tunlichst vermeiden: Fahren Sie nicht mit dem Zug quer durch Deutschland, also von Ost nach West. Wenn Sie in Berlin-Marzahn wohnen und Ömchen wartet in Köln-Sülz seit drei Jahren auf Sie und die Enkelschar. Tun Sie es nicht. Oder wenn, dann nur mit dem Auto. Im Zug könnten Sie nämlich genau auf dieser Strecke Igor und Wasili antreffen. Und mit den beiden schnuffigen Ukrainern im selben Abteil zu reisen, ist kein Geschenk. Ich habe da meine Erfahrung machen können.

Crashkurs Ukrainisch

Natürlich hatten die beiden das ukrainische Nationaltrikot an, kann man ja auch verstehen, sie waren schließlich auf dem Weg zum Achtelfinalspiel ihrer Heldentruppe gegen die Schweiz in Köln. Da muss man schon Flagge zeigen. Aber mal abgesehen davon, dass das Trikot der Ukraine mit Abstand das hässlichste der ganzen WM-Teilnehmer ist (wofür Igor und Wasili nichts können, schon klar), könnten die beiden (und da liegt der Hase im Pfeffer) ohne weiteres auch als Klitschko-Doubles durchgehen. Nicht wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes, nein schlimmer, wegen ihrer Stimmen.

Sie kennen sicher alle diese unerträgliche Milchschnitten-Werbung der putzigen Riesen aus Kiew. Jedes Wort mehr darüber wäre eines zuviel. Aber wenn man sich die mal kurz vor Augen führt, dann hat man gleich eine Idee vom eigenartigen Singsang meiner beiden Abteilgenossen. Nein, Deutsch sprechen sie nicht, warum auch? Englisch sehr gebrochen, dafür Ukrainisch gern und viel. Um nicht zu sagen, ohne Punkt und Komma, fast fünf Stunden lang. Noch nie habe ich zwei Menschen beobachtet, die sich so lange, so schnell in einer so unglaublichen Lautstärke unterhalten haben.

Keine Rettung, nirgends

Sich dagegen zu wehren? Praktisch unmöglich! Ich hab alle Register gezogen: Vom Walkman bis zum Anschlag aufdrehen, über fingierte und von mir extra laut geführte Telefongespräche, bis zum Vortäuschen von Husten- und Niesanfällen. Nichts half gegen die beiden sonoren Labertaschen aus Kiew. Sie schienen mich nicht mal realisiert zu haben. Mit jedem Bahnkilometer verdickte sich mein Hals mehr. So fiel ich in Köln dem Wahnsinn nahe vom Abteil auf den Bahnsteig. Mit dem Gefühl, jetzt auch selber fließend Ukrainisch zu sprechen, machte ich mich auf zum Stadion. Ich sah die Ukraine siegen und dachte an Igor und Wasili. Und ich dachte auch schon an das nächste Viertelfinalmatch ihrer Mannschaft in Hamburg gegen Italien. Und so spreche ich guten Gewissens eine Warnung an alle aus: Meiden sie am Freitag, den 30. Juni die Bahnstrecke Berlin - Hamburg!

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