HOME

Horrortrip in den Knast: Kielerin wollte Urlaub in der Türkei machen - und wurde ins Gefängnis geworfen

Yüksel C. aus Kiel wollte Urlaub in ihrer alten Heimat machen und landete sechs Tage in einem türkischen Gefängnis. Ohne ein Bett, ohne Medikamente und ohne den Grund für die Verhaftung zu kennen.

Die Kielerin Yüksel C. war sechs Tage lang in türkischer Haft

Die Kielerin Yüksel C. bekam am eigenen Leib die Macht des türkischen Staates zu spüren

Es war ein Albtraum, den Yüksel C. Ende August sechs Tage lang in einem türkischen Gefängnis erlebte. Die 51-jährige Kielerin, die seit 20 Jahren deutsche Staatsbürgerin ist, wollte eigentlich nur Urlaub machen. Ein Fehler. Sie fuhr einen Monat nach dem gescheiterten Putschversuch in ihre alte Heimat und wurde offenbar Opfer einer repressiven Politik, die alle Kritiker des türkischen Staates rigoros verfolgt ohne Rücksicht auf rechtsstaatliche Regeln.

Jetzt ist sie wieder zurück in Kiel. Und in Sicherheit. Dem "NDR" hat sie ihre Erlebnisse ausführlich geschildert. Und die klingen abenteuerlich: Mitte Juli reist die Kielerin in die Stadt Balikesir. Sie will ausspannen und sich erholen. Mit Freunden nimmt sie sich eine Ferienwohnung. Das Problem: Yüksel C. ist Mitglied der Linkspartei, und die unterstützt die Kurden in der Türkei. Zudem erhält die Gruppe in der Ferienwohnung gleich am ersten Tag Besuch von Jugendlichen, die Mitglieder der sozialistischen Jugendorganisation SGDF (Sosyalist Gençlik Dernekleri Federasyonu - Föderation der sozialistischen Jugendverbände) sind. Die SGDF ist in der Türkei nicht verboten, steht aber offenbar unter Beobachtung von Polizei und Sicherheitsbehörden.

Die Jugendlichen der SGDF reisten im vergangenen Jahr in die südtürkische Stadt Suruç, nahe der Grenze zu Syrien. Dort hatte ein verheerender Bombenanschlag des Islamischen Staates 34 Menschen getötet und unzählige verletzt. Die Jugendlichen wollten vor Ort helfen. Nach eigenen Angaben unterstützte Yüksel C. die Kampagne.

Anti-Terror-Einheit stürmt Ferienwohnung

An diesem ersten Tag in der Türkei beginnt auch der Horrortrip, als ein Spezialkommando der Polizei die Wohnung von Yüksel C. und ihren Freunden stürmt. "Ich war gerade im Schlafzimmer, da sprang ein Polizist durch das geschlossene Fenster", sagt Yüksel C. gegenüber dem "NDR". Die Anti-Terror-Polizisten nehmen alle in der Wohnung fest. Sie werfen Yüksel C. und ihren Freunden vor, Mitglieder der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK zu sein und Terroranschläge geplant zu haben. Eine genauere Auskunft erhalten die Festgenommenen nicht. Die Kielerin ist fassungslos.

Die Gefangenen werden in das Gefängnis von Balikesir gebracht. "Es war furchtbar", sagt Yüksel C. "Kleine Räume, im Keller war es heiß, wir schwitzten und hatten große Angst." Ihrer Schilderung zufolge werden sie zu dritt in einer Zelle untergebracht. Dort gibt es nur eine Sitzbank: "Wir mussten auf dem nackten Betonfußboden liegen, es gab keine Decken, keine Fenster." Sie dürfen sich nicht waschen und keine Zähne putzen. Die Polizisten händigen Yüksel C. auch nicht die Medikamente aus, auf die sie als Diabetikerin angewiesen ist.

Immer wieder schreien die Gefängniswärter sie an. "Wir wurden auf das übelste beleidigt und permanent als Terroristen beschimpft", sagt Yüksel C. Kontakt zu ihren Freunden bekommt sie nicht. Stattdessen werden die Häftlinge mit Schlagstöcken traktiert, die die Wächter in Wolldecken einwickeln, um möglichst keine Verletzungen oder sichtbaren Spuren der Misshandlung zu hinterlassen. Nach Aussage von Yüksel C. werden die männlichen Häftlinge auch im Genitalbereich gefoltert.

Nach fünf Tagen die erste Anhörung

Das Essen ist karg. Wasser müssen die Gefangenen aus einem Wasserhahn in der Toilette trinken. "Es reichte nie und schmeckte ganz ekelig", erinnert sich die 51-Jährige.

Erst nach langen fünf Tagen werden die Festgenommenen zu einer ersten Anhörung vor den Haftrichter geführt. Danach erfolgt eine zweite Anhörung, die Gruppe wird endlich aus dem Gefängnis entlassen. Erst kurz vorher darf ihr Sohn, der seiner Mutter in die Türkei nachgereist ist, sie für wenige Minuten besuchen. Yüksel C. will nur noch eines: raus aus der Türkei. Gleich nach der Entlassung macht sie sich mit Freunden in einem Auto auf die Heimfahrt. Knapp 30 Stunden brauchen sie für die Fahrt zurück nach Kiel, rund 2600 Kilometer. Die Grenze passieren sie problemlos.

Der Fall wird bereits während ihrer Haft in Kiel bekannt. Freunde organisieren einen Protest vor dem Kieler Landeshaus, um auf das Schicksal aufmerksam zu machen. Doch von deutschen Behörden, erzählt Yüksel C., hört sie die ganze Zeit nichts, obwohl ihr Sohn sogar Briefe an das Auswärtige Amt schreibt. Im Ministerium widerspricht man den Aussagen von Yüksel C.. Demnach habe das Generalkonsulat in Istanbul in engem Kontakt mit den zuständigen Behörden vor Ort gestanden und sich für die Inhaftierte eingesetzt.

Immer noch keine Akteneinsicht in der Türkei

Die Ärzte empfehlen Yüksel C. einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt, um sich von den extremen Strapazen zu erholen. Doch Yüksel C. will sich nicht ausruhen. Ihr geht es jetzt um die juristische Aufarbeitung. Sie will sich einen Rechtsanwalt in der Türkei nehmen, doch zunächst weigert sich das türkische Konsulat in Hamburg, ihr die nötigen Papiere auszustellen. Nach vielen Telefonaten erhält sie die Vollmacht, um einen Rechtsanwalt in der Türkei zu engagieren. Akteneinsicht gab es bis heute nicht, noch ist immer nicht klar, was die türkische Justiz Yüksel C. konkret vorwirft. Von den deutschen Behörden fühlt sie sich allein gelassen. "Lediglich eine Frau vom Deutschen Konsulat hat mich kurz nach meiner Freilassung angerufen und mich gefragt, wie es mir geht. (...) Ansonsten hat sich nie jemand bei mir oder bei meinen Angehörigen gemeldet."

tis