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"Bellstedt haut drauf" - Teil 16: Schön doof - zu Gast beim Italiener

Deutschland ist raus, und unser WM-Reporter hat Zeit zum Durchschnaufen in der Heimat. Ab zu Francesco. Der hat lecker "Pizza Schneider" und "Tiramisu Poldi" - wie demütigend!

Es ist vorbei, na ja, nicht richtig, aber wenn wir ehrlich sind schon. Das brutale Ausscheiden gegen Italien hat uns aus allen Träumen gerissen. Das Spiel um Platz drei... geschenkt. Da geht's um die goldene Ananas, da hat keiner wirklich Bock drauf. Eine reine Pflichtveranstaltung der Fifa, um durch ein zusätzliches Spiel noch ein bisschen mehr Kohle einzunehmen. Aber das Ausscheiden der deutschen Helden hat tatsächlich auch seine guten Seiten, für mich persönlich zumindest. Rein journalistisch betrachtet, ist das Thema 'WM aus deutscher Sicht' so gut wie durch. Eigentlich interessiert jetzt nur noch, ob Klinsmann weiter macht oder nicht. Vor dem großen Finale zwischen Italien und Frankreich am Sonntag komme ich erstmals nach fast vier Wochen zum Durchschnaufen. Endlich ist die Zeit da, für einen Tag nach Hause zu fahren.

Schon auf der Rückfahrt von Dortmund nach Hamburg denke ich sehnsüchtig an mein eigenes großes Bett, meinen Premiere-Dekoder und das eisgekühlte Becks im Kühlschrank. Endlich einmal die Wäsche durch die Maschine jagen, mit Freunden telefonieren und ohne den ständigen "Newsdruck", so heißt das wirklich, Kraft für den Endspurt tanken. Und, ganz wichtig: mal wieder gut essen. Ich habe in den letzten Wochen mit Sicherheit 20 labbrige, im Fett schwimmende Stadionwürste sowie 10 Ekel-Pizzen und zum Nachtisch 25 Cornetto-Nuss weggehauen. Immer dasselbe Drama, tagaus, tagein. Da sollte man so allmählich nicht nur an den vermutlich dramatisch erhöhten Cholesterinwert, sondern auch so ein kleinwenig an die Plauze denken. Hallo, der Urlaub steht vor der Tür!

Letzte Chance: der großkotzige Italiener

Also gut, was Schönes kochen, was Leichtes, Pasta mit Gemüse vielleicht. Ich stelle mir im Geiste (und im obligatorischen Stau vor dem Elbtunnel) die schönsten kulinarischen Genüsse vor. Das Hungergefühl, seit Osnabrück ist es stetig gestiegen. Die Uhr rennt, kurz vor 20 Uhr, Stillstand auf der A7, ich muss es noch irgendwie bis zum Edeka-Center schaffen, das ist jetzt ganz wichtig, weil ich im Kühlschrank prinzipiell keine Vorräte bunkere, sondern auch in Nicht-WM-Zeiten lieber täglich einkaufen gehen. Keine Chance, um zehn nach acht biege ich auf den Parkplatz meines Supermarktes ein und kann nur noch beobachten, wie die Einkaufswagen zusammengeschoben werden. Jetzt heißt es improvisieren, bloß keine Experimente, auch mal über den eigenen Schatten springen, mutig sein.

Bei Abpfiff im Dortmunder WM-Stadion hatte ich mir geschworen meinen großkotzigen Stammitaliener um die Ecke, dem ich in der Tat freundschaftlich verbunden bin, für die nächsten acht Wochen großräumig zu meiden. Die Wahrheit ist: Nur 24 Stunden nach der bitteren Pleite gegen die "Azzurri" stehe ich vom Hunger getrieben vor Francescos "Bistro Italia". Und der hat mich schon von innen längst entdeckt, stürmt mir entgegen und küsst mich auf die Wangen: "Ciao Claudio, bello, tutto bene?" Sein Grinsen ist nicht zum Aushalten. Wir gehen rein, es dröhnt mir "Azzurro" von Adriano Celentano entgegen, wie sich kurze Zeit später herausstellt: in der Dauerschleife.

"Finale, ooooh oh, Finale oh oh oh oh"

Ich nehme mir fest vor, kein Ton über das Spiel zu verlieren. Dann soll er mich doch fragen, ich sag nichts. "Willest du eine Grappe vorweg zum Fruste runterspüle?" "Herzlichen Dank, Franco. Ich möchte lediglich etwas Pasta essen und ein kaltes Becks-Bier trinken." "Oh, scusa Claudio, bello. Dasse tute mir Leid. Becks iste aus, nur schönes Moretti-Bier aus Italia da. Und auch nix Pasta, leider. Ganze Woche nur "Pizza Schneider" im Angebot. Aber mache ich dir sofort, speziale, bello!" Spinnt der jetzt völlig? Wieso um Himmels Willen "Pizza Schneider"? Martino, der Koch und Francescos Schwager (ebenfalls im azurblauen Italia-Dress), erscheint auf der Bildfläche. Platzend vor Stolz erklärt er mir seine neueste Kreation: "Schneider hatte so große Chance gegen uns. Der Arme, hat er vergeben und über Tor geschossen, so schade für euch. Aber gute Mann, der Schneider" (er lacht), "deshalb jetzt 'Pizza Schneider' im Angebot, capisce?"

Das ist so demütigend, das tut so weh. Jetzt sitz ich hier, trink italienisches Bier, hör italienische Party-Mucke und fress gleich eine "Pizza Schneider". Ich entscheide mich doch noch für den Grappa vorneweg, und gleich noch einen hinterher. Das kommt gut auf nüchternen Magen, aber nur so lässt sich das Ganze jetzt noch ertragen. In der Küche stimmen die beiden Bastarde "Finale, ooooh oh, Finale oh oh oh oh" an. Ich schenk mir derweil schon mal selber nach. "So Claudio, hier kommt tua Pizza, ohne Knoblauch und ganz mild, wie du magst am liebsten. Tut auch nich weh beim Essen." Der Blödsack, was kann ich ihm jetzt bloß auch mal um die Ohren hauen? Ich versuche es mit der Frings-Ausrede: "Ach Franco, wenn der Lutscher mitgespielt hätte, dann wäre das anders ausgegangen. Der hätte Grosso, Pirlo und euren schäbigen Super-Macho Totti auf einen Schlag vernichtet."

Verlierer müssen nichts bezahlen

Gejohle in der Küche, hämischer Applaus für mein Argument. "Pizza Schneider" schmeckt übrigens exzellent, aber ich verkneife mir selbstverständlich jeden lobenden Kommentar. Stattdessen fordere ich weiteren Grappa und werde mutiger: "Ihr seid doch alles Verbrecher. Eure ganze Liga ein einziger Sumpf. Und überhaupt Franco, geh zurück zu Mama nach Bari und lass dich von ihr bekochen, bis du weiße Brustwolle kriegst." Jawoll, das saß. Jetzt will ich nur noch nach Hause, schnell noch ein letzten Grappa. Nein, kein "Tiramisu Poldi" mehr, sondern nur noch die Rechnung. "No, no Claudio, du heute nix zahlen. Verlierer zahlen nie bei uns, Italiener laden alle ein, wenn sie gewinnen." Die Demütigungen nehmen kein Ende. Mir reicht es, ich knall die zehn Euro auf den Tresen, verweigere den Bruder-Kuss und wanke auf die Straße. Mit dem guten Gefühl, es den beiden aber mal so richtig gezeigt zu haben.

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