HOME

Stern Logo WM 2006

"Bellstedt haut drauf" - Teil 4: "Wes ick nich, interessiert mich nich"

Die ganze Republik befindet sich im kollektiven WM-Ausnahmezustand. Die ganze? Ausgerechnet in der Welthauptstadt des Fußballs Berlin sammelt unser stern.de-WM-Reporter Klaus Bellstedt ganz andere, schmerzhafte Erfahrungen.

Endlich in Berlin angekommen, endlich in der derzeitigen Fußballhauptstadt der Welt zu Besuch. Und wirklich: Diese Stadt atmet Fußball, sie ächzt und stöhnt unter der Hitze, aber die Menschen laufen alle mit einem breiten Lächeln durch die Millionenmetropole. Vor allem die ausländischen Fans, die Berlin für vier Wochen zu ihrem eigenen Meeting-Point erklärt haben. Bunt und schrill, mal singend, mal schlafend, aber immer fröhlich und friedlich prägen sie das Straßenbild nicht nur auf dem Kurfürstendamm. Es ist ein Fest, so etwas zu beobachten.

Und der Berliner? Ja, der scheint als einziger noch gar nicht recht mitbekommen zu haben, dass WM ist. Es kann allerdings auch an der Mentalität der Hauptstädter liegen. Die sind aber auch so was von unaufgeregt, unkomisch und spröde, schrecklich. Das fängt beim Taxifahrer an und hört bei der Bäckereifachverkäuferin auf. Wie ich denn am schnellsten zum DFB-Medienzentrum kommen würde, fragte ich den Droschken-Lenker am Ku'damm. Seine Antwort: "Wes ick doch nich, interessiert mich och nich. Geh mir weg mit Fußball". "Alles klar, danke Ihnen herzlich und schönen Gruß an die Familie" - den Konter konnte ich mir nicht verkneifen. So viel Ignoranz kann es nicht ein zweites Mal geben, doch nicht in Berlin. Hier, wo das Herz der Fifa, äh, der WM also der Fifa-WM schlagen soll. Und ja, ich hatte es doch auch schon schlagen hören.

Falscher Film? Falscher Ton?

Nächster Versuch im Bäckerladen. Ich höflich, aber bestimmt: "Junge Dame, ich muss auf dem schnellsten Weg zur Pressekonferenz des DFB. Die ist ja täglich im Internationalen Congress Centrum auf dem Messegelände (kennt normalerweise jeder Berliner, sagt man mir später). Könnten Sie mir freundlicherweise den Weg dorthin kurz beschreiben?" Und jetzt Achtung: "Och Jungchen, nun beruhig Dich man. Dat Leben geht weiter. Nur wegen de WM hört die Erde nich oof sich zu drehen. Ick muss hier schließlich och weiter meine Schrippen verkoofen. Messe? Wees ick nich." Falscher Film? Falscher Ton? Falsches Land oder vielleicht bin ich doch gar nicht in Berlin sondern im Traum? Nein, das sind gelebte Live-Erfahrungen aus der Hauptstadt der Republik.

Ein letzter Versuch beim Obsthändler nebenan. "Messe, DFB-Pressekonferenz?". " Is gar nich schwer, musst Du fahren über Kudamm rüber und nächste große Kreuzung links in Kantstraße, dann immer gradaus und schon is links da". Es ist ein türkischer Mitbürger, sein Schaufenster ist geschmückt mit einer deutschen Flagge. "Ich lieben deutsche Mannschaft und WM", brüllt er mich euphorisch-überschwänglich an. Am liebsten wäre er wohl mitgekommen. Zum Abschluss meines definitiv schönsten Erlebnisses des Tages schenkt er mir noch eine halbe Honigmelone. "Und schöne Grüße an Herr Klinsmann". Halleluja, so sieht's aus in Berlin während der WM. Merke: Meiden Sie bei Ihrem nächsten Hauptstadt-Besuch echte Berliner, gehen Sie gleich zum Türken.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity