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Fußball-WM 2010: Wintertraum in Südafrika

So mancher hatte Zweifel: War es ein Risiko, die Fußball-WM nach Südafrika zu vergeben? Mitnichten! Unser Reporter Klaus Bellstedt ist begeistert.

Eastwoods heißt die Sportsbar, direkt gegenüber vom wunderschönen Loftus Versfeld Stadion, einer historischen Backstein-Arena aus dem Jahr 1903, in der, wenn nicht gerade Fußball-WM in Südafrika ist, Rugby gespielt wird. Die Kneipe platzt aus allen Nähten. Es herrscht Betrieb wie in Strafräumen vor Eckbällen. Gleich werden Spanien und Chile im WM-Achtelfinale im "Loftus" die Klingen kreuzen.

Im Eastwoods wird heute Spanisch gesprochen. Die chilenischen Fans hatten die kürzere Anreise ans Kap. Sie sind in der Mehrzahl - und singen die Extended Version ihrer Hymne mit so viel Inbrunst wie es wohl nur Südamerikaner können. Aber die Chilenen singen nicht allein. Australier, Engländer, Deutsche summen mit. Sie versuchen es zumindest. Zwischendrin: Vuvuzelas, Sombreros, italienische Leichtigkeit, japanische Beflissenheit und spanische Individualität. Ein Jahrmarkt der Farben, ein Weltkongress der Heiterkeit. Und immer mittendrin: Afrika, die Südafrikaner und dieses "Gefühl Afrika" Hier und jetzt. Afrika steckt in jeder Bewegung, in jedem Lächeln.

Freude allerorten

Apropos. Egal, wo man hinkommt: Erst wird gelacht, dann gemacht. Das Lachen der Menschen ist Teil der südafrikanischen Mentalität. Ein Beispiel: Vor den Stadien wird man als Reporter, so wie am Flughafen, von Scannern an Sicherheitsschleusen durchleuchtet. Man kann noch so viele Gürtel, Handys und Laptops auf das Laufband ablegen, es piepst eigentlich immer. Da lässt man es doch gleich ganz sein. Die Sicherheitsbeamten haben längst resigniert. Lächelnd winken sie einen durch. Mit so manchem wird dabei sogar abgeklatscht. Wartezeiten gibt es deshalb praktisch nie. Wenn das Herr Blatter und die Fifa wüssten …

Natürlich ist Sicherheit ein großes Thema. Es gab und gibt bewaffnete Überfälle auf Fans und Touristen. In unmittelbarer Nähe meines Guesthouses, in dem ich mit sechs deutschen Kollegen wohne, wurde vor kurzem ein "Zeit"-Reporter überfallen. Diese Meldungen dringen durch in die Heimatmedien. So schlimm das auch für die Ausgeraubten war, die Einheimischen bestehen darauf, dass es vergleichsweise geringe Zahlen sind. Diebstahl und Raub sind in Südafrika an der Tagesordnung. Viel kommt auf das eigene Verhalten an. Insofern unterscheidet sich eine Reise nach Südafrika kaum von Trips nach Mittelamerika oder Osteuropa.

Ein exzellenter WM-Ausrichter

Als Ausrichter der Fußball-WM, das kann man guten Gewissens schon jetzt sagen, macht Südafrika seine Sache exzellent, weil das Land es auf seine ganz eigene Weise macht - und in diesen Wochen aufblüht. Ein Jammer, dass "Bafana Bafana" bereits in der Vorrunde die Segel streichen musste. Die Menschen in diesem Land hätten es verdient gehabt, bei diesem Weltturnier weiter mit ihrem Team mitfiebern zu dürfen. So denken jedenfalls viele Touristen und Reporter. Der Südafrikaner aber hat sich nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft nur kurz geschüttelt - und trägt das gelbe Trikot mit Stolz einfach weiter. 1,6 Millionen südafrikanische Jerseys wurden vor der WM verkauft. Man sieht das, wenn man durch die Straßen geht. Die bleiben in den Innenstädten von Johannesburg bis nach Kapstadt und von Bloemfontein bis nach Durban am Indischen Ozean sowieso bis zum Schluss bunt geschmückt.

"Bienvenue, Willkommen in Südafrika" grüßte der südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu bei der WM-Auftaktveranstaltung in Soweto die zehntausenden Fans aus aller Welt, die ihm zujubelten. "You are fantastic, that is fantastic. Afrika ist die Wiege der Menschheit, also begrüßen wir euch alle zurück zu Hause", sagte er. Man kann sich in diesem Land als Ausländer wirklich zuhause fühlen. Das "Gefühl Afrika" hat mich längst überwältigt. Ich werde sicher wiederkommen - mit dem "Bafana Bafana-Trikot im Koffer.

Gastfreundlichkeit wird in Südafrika groß geschrieben

Fast drei Wochen bin ich als Reporter jetzt hier. Zum ersten Mal atme ich richtig durch. Zum ersten Mal bietet sich für mich die Chance, ganz allein ohne die Kollegen den Puls der WM an der Basis mitten in einer Kneipe in Pretoria zu spüren. Das hier ist das "Gefühl Afrika". Wer es einmal erlebt hat, kommt nicht mehr davon los. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell hat das im Vorwort seines Reisebuchs "Mein Herz schlägt in Afrika" geschrieben. Es ist wohl so.

14 Tage ist Südafrika jetzt schon der Spielplatz der Welt. Und das Land präsentiert sich Fans und Reportern von seiner faszinierendsten Seite. Wo man auch hinkommt, schlägt einem Sympathie und Stolz entgegen. Die Menschen sind aufgeschlossen. Dazu kommt eine Hilfsbereitschaft, die ich als halbwegs weit gereister Norddeutscher noch nie erlebt habe. Die Menschen überschlagen sich vor Freundlichkeit. Vor ehrlicher Freundlichkeit. Als Ausländer muss einem das nicht peinlich sein. Der Gast soll König sein. Freundlichkeit kommt in Südafrika von Herzen.

Natürlich wird auch zwei Wochen nach dem Start der WM viel improvisiert. Manches wirkt wie ein Experiment. Hier und da wird an den Arenen sogar noch gebaut. Die Anfahrtswege zum größten und afrikanischsten Stadion, "Soccer City" bei Johannesburg, sind nahezu unbefestigt. Der Parkplatz, eine Wiese. Kilometerlang geht man auf Feldwegen. Die rote Erde Afrikas staubt dabei auf und legt sich auf die Lungen. Nach einem Besuch in "Soccer City" sehen weiße Turnschuhe am Abend so aus, als hätte man tagsüber ein Fünf-Satz-Tennis-Match auf roter Asche absolviert. Es stört einen nicht. Im Gegenteil. Am liebsten würde man die rote Erde Afrikas in einem kleinen Beutel sammeln und mit zurück nach Hause nehmen.

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