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Fußball-WM im TV: Müller-Hohenstein und Kloses "Reichsparteitag"

Im Alltag hat sich die unselige Sprachwendung gehalten, nun ist ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein darüber gestolpert. Einen "inneren Reichsparteitag" habe Miroslav Klose nach seinem Tor gegen Austalien gefeiert. Mit dem Spruch brachte sie die Internet-Gemeinde in Rage. Selbst die Regierung schaltete sich ein.

Der Fehltritt geriet so folgenschwer, dass viele Fans sich in der zweiten Halbzeit schon vor den Computer setzten, statt sich ganz den zweiten 45 Minuten von Deutschlands erstem WM-Auftritt in Südafrika zu widmen. Es wurde gewettert, getwittert und in sozialen Netzwerken online diskutiert, was von der Kommentierung Katrin Müller-Hohensteins in der Pause zu halten sei. Die ZDF-Moderatorin hatte nach Kloses Tor zum 2:0 gegen Australien zu ihrem Studiogast Oliver Kahn gesagt: "Das ist für Miro Klose doch ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft."

Traditionell haben Frauen es im medialen Fußball-Umfeld schwer. Das haben gerade im ZDF immer wieder leidvoll Frontfrauen erfahren müssen von Carmen Thomas, die bis heute noch gelegentlich auf ihren Fauxpas "Schalke 05" aus dem Juli 1973 reduziert wird, bis zu Christine Reinhart, die ab 1993 zwei Jahre lang im Sportstudio moderieren durfte.

"Aus den Kolonien in Afrika"

Doch Müller-Hohenstein hatte sich vor der WM sehr aggressiv zu vermarkten versucht und nun gleich bei ihrem ersten großen Auftritt schwer gepatzt: Reichsparteitage beziehen sich auf die Veranstaltungen, bei denen Adolf Hitlers NSDAP besonders ab 1933 ihre verhängnisvolle, menschenverachtende Propaganda im großen Stil ausbreitete.

Dementsprechend erschrocken reagierte das Publikum. Zynisch kommentierte ein Zuschauer im Internet: "Hurra, die deutsche Wochenschau berichtet live aus den deutschen Kolonien in Afrika." Ein anderer bangte angesichts der rhetorischen Geschmacklosigkeit: "Demnächst spielen die Gegner noch ‚bis zur Vergasung’ bei ‚Bombenwetter’."

Noch vor dem Ende des Spiels fand sich auf der Website "politicyear.wordpress.com" prompt ein Schreiben mit der Bitte, es möglichst zahlreich unterschrieben an das ZDF zu schicken: "Ich fordere Sie und das ZDF deshalb, auch im Namen aller weiteren international gesinnten Fußball-Zuschauerinnen und Zuschauer, auf, sich von diesem Spruch und dem Nationalsozialismus zu distanzieren und klar zu stellen, dass dies eine massiv zu kritisierende Aussage war und diese zurückgenommen wird."

ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz sagte: "Es war eine sprachliche Entgleisung im Eifer der Halbzeitpause. Wir haben mit Katrin Müller-Hohenstein gesprochen, sie bedauert die Formulierung. Es wird nicht wieder vorkommen." Für die Bundesregierung ist die Diskussion um die verbale Entgleisung damit vorerst erledigt. Das ZDF habe sich entschuldigt und ein Gespräch mit der Journalistin geführt. "Dementsprechend sind wir mit der Reaktion des ZDF zum jetzigen Zeitpunkt zufrieden", sagte Vize-Regierungssprecher Christoph Steegmans am Montag in Berlin. Zur weiteren Bewertung des Vorfalls verwies er an die zuständigen ZDF-Rundfunkgremien.

"Mit freundlicher Genehmigung von WELT ONLINE"

P.S.: Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

Jörn Winterfeldt

Wissenscommunity