WM 2010 - Gruppe B Fußball-Olymp: Kein Platz mehr für Rehhagel


Das Ende naht: Seit dem Gewinn der EM in 2004 dümpelt die griechische Mannschaft in seichten Gewässern dahin. Daher wird Kapitän Otto das Schiff verlassen. Ein Nachfolger scheint schon gefunden.

Immerhin im Reich der Fußballanekdoten hat Otto Rehhagel noch einen Spitzenplatz inne. Zu oft schon sind ihm bei seinen oberlehrhaften Auslassungen – salopp gesagt – die Gäule durchgegangen, als dass er noch verdrängt werden könnte aus dem inoffiziellen Ranking der schönsten Erklärungsmuster. "Alles, was Sie im Kopf haben, weiß ich, bevor Sie es ausgesprochen haben. Ich bin zu lange dabei", sagte Rehhagel etwa vor zwei Jahren, als er das frühe Aus seiner Griechen bei der EM schönzureden versuchte.

Die überbordende Selbstgefälligkeit zählte schon damals zu den Insignien des Fußballlehrers und war so weit gegangen, dass sich der gelernte Anstreicher in seiner Zeit als Trainer beim FC Bayern einst den Namen "Rubens" auf das Klingelschild seiner Schwabinger Villa schreiben ließ und während einer Pressekonferenz nur noch Fachfragen erbat. Als daraufhin ein Journalist von Rehhagel wissen wollte, welche Zimmerfarbe der Trainer ihm empfehlen könne, blieb die Replik allerdings aus.

Derlei Sprachlosigkeit ist selten, und gespannt wartet nun die Fußballwelt darauf, was der mit 71 Jahren älteste Trainer bei einer Weltmeisterschaft heute zum Besten geben könnte, wenn er wieder in Erklärungsnot geraten sollte. Den von Rehhagel betreuten Griechen droht im zweiten Gruppenspiel gegen Nigeria (16.00 Uhr, ZDF und Sky) das vorzeitige Aus, womit sich auch das seit 2001 währende Gastspiel des gebürtigen Esseners bei den Hellenen dem Ende zuneigen könnte.

Die Zeit des "Rehhakles" ist vorbei

Selbst dem vermeintlich größten Narziss unter den Trainern dämmert inzwischen, dass der unheilvolle Schluss unmittelbar bevorsteht. "Ich möchte erhobenen Hauptes gehen. Wir haben schöne Momente erlebt. Es kann sein, dass wir in einigen Tagen nicht mehr zusammen sind", soll er seinen Spielern bereits mitgeteilt haben. Auch der Verband ist offenbar eingeweiht und hat in dem 55 Jahre alten Portugiesen Fernando Santos, der bis zum Mai beim Erstligaklub Paok Thessaloniki angestellt war, wohl schon den geeigneten Nachfolger ausgemacht.

Längst schon hat sich der Erfinder der kontrollierten Offensive überholt, weil er zu lange festgehalten hat an jenem System, das ihn vor sechs Jahren zum Idol aufstiegen ließ. Mit einer sattelfesten Defensive und Offensivaktionen nach dem Prinzip Zufall war Rehhagel durch drei 1:0-Siege in der K.o.-Runde mit den Griechen sensationell zum Europameistertitel vorgeprescht und hatte sich den Spitznamen "Rehhakles" erworben. Doch inzwischen klingt die schmucke Bezeichnung weit mehr nach einer Karikatur denn nach dem umjubelten Ehrenbürger von Athen.

Niederlage gegen Südkorea der Anfang vom Ende?

Rehhagel, mit elf Titeln dekoriert und nicht zuletzt deshalb seltsam beratungsresistent, hat es zuletzt nicht mehr verstanden, modernen Tendenzen im Fußball ausgeschlossen gegenüberzustehen. Sein Standardausspruch "Modern ist, wer gewinnt" hat ja auch lange genug Erfolg gezeitigt, doch gerade in den Tagen nach dem 0:2 zum WM-Auftakt gegen Südkorea sind die personellen Fehlentscheidungen allzu deutlich zutage getreten. In einer Art Nibelungen-Treue hält er zum seit Jahren darbenden Angreifer Angelos Charisteas, der 2004 das entscheidende 1:0 im EM-Finale gegen Portugal erzielt hatte, zuletzt aber jegliche Torgefahr vermissen ließ. Statt seiner muss sich Offensivtalent Sotirios Ninis (20, Markwert 7,5 Millionen Euro) allzu oft in Geduld üben. Auch zum WM-Auftakt saß der gebürtige Albaner nur auf der Bank. Zudem hatte Rehhagel gegen die wuseligen Südkoreaner den steifen Mittelfeldspieler Konstantinos Katsouranis zeitweilig weit zurück in die Innenverteidigung beordert. Dass der Mann von Panathinaikos Athen im Verbund mit dem Nürnberger Charisteas prompt das 0:1 verschuldete, diente vielen als Beleg für den längst fälligen Abgang des Trainers. "Herr Otto, wir sind dankbar dafür, was Sie mit unserer Nationalmannschaft erreicht haben. Aber nun wird es Zeit abzutreten", forderte etwa das Internetportal "Goalnews".

Sportliche Ablenkung von der Wirtschaftskrise

Dabei hatte der fast gefallene Held den von der Schuldenkrise geplagten Griechen vor der Abreise nach Südafrika noch sportlich nette Ablenkung versprochen. "Wir werden euch nicht enttäuschen", sagte er voller Pathos in der Stimme – nur glauben mochte niemand so recht an ein positives Abschneiden der Altherrenriege beim globalen Kräftemessen. Die üble Prophezeiung vieler Anhänger könnte nun früh eintreffen und weckt Erinnerungen an die Schmach von 1994. Damals waren die Griechen ohne Punktgewinn und mit einer Tordifferenz von 0:10 von der WM aus den USA heimgekehrt. Sollte Otto Rehhagel bei seiner wohl letzten Dienstreise eine ähnliche Bilanz aufweisen, könnte bald schon eine seiner alten Ausführungen eintreffen: "Die Fans werfen dir nach Siegen Blumen zu, aber wenn ich ein paar Spiele verliere, lassen sie plötzlich die Töpfe dran."

Mit freundlicher Genehmigung von WELT ONLINE

Von Jens Bierschwale

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