WM 2010: DFB-Elf im Achtelfinale Mit Ach und Krach und Özil


Ein Geniestreich von Mesut Özil hat der Nationalmannschaft das WM-Achtelfinale gesichert. Beim 1:0 gegen Ghana wurde das DFB-Team erstmals richtig gefordert - und offenbarte so manche Schwäche.
Von Klaus Bellstedt, Johannesburg

Sepp Blatter fingerte oben in der Loge nervös an seiner teuren Uhr. Der Fifa-Boss schaute leicht genervt in das riesenhafte Oval von "Soccer City". Es lief die 25.Minute im wohl afrikanischsten aller zehn WM-Stadien - und Mesut Özil hatte gerade eine sogenannte tausendprozentige Torchance für die deutsche Mannschaft im entscheidenden WM-Gruppenspiel gegen Ghana vergeben. Blatter war in Sorge. Aber nicht wegen des dröhnenden Elefantensounds der Vuvuzelas, der einem hoch oben unter dem Dach des Stadions Angst einflössen konnte. Nein, der oberste Fußballfunktionär der Welt war in Sorge um Ghana, der letzten verbliebenen Hoffnung Afrikas bei "seiner" WM am Kap.

Bei einer Niederlage Ghanas gegen die DFB-Auswahl und einem gleichzeitigen Sieg der Serben über Australien wäre das Achtelfinale dieser Fußball-WM höchstwahrscheinlich ohne afrikanische Beteilung über die Bühne gegangen. Der Egomane Blatter, der diese WM in Afrika gegen manchen Widerstand durchgedrückt hatte, ist der Typ Mensch, der das als persönliche Niederlage gewertet hätte. Aber es kam dann doch noch anders.

Özil spricht ein Gebet

Um 22.22 Uhr wurde von der Stadionregie nicht ganz unabsichtlich ein Live-Bild von der Blatter-Loge auf den großen Videowänden in "Soccer City" eingeblendet. Es zeigte einen fröhlichen Fifa-Präsidenten, der mit einigen afrikanischen Fußball-Kumpanen abklatschte. Deutschland hatte Ghana durch ein Tor des zunächst so kläglich gescheiterten Mesut Özil zwar 1:0 geschlagen. Das Ergebnis aus Nelspruit, wo die "Socceroos" soeben Serbien überraschend mit 2:1 bezwungen hatten, hatte die Westafrikaner aber doch noch irgendwie in die K.-o-Runde gespült. Blatter war in Hochstimmung.

So wie die deutsche Mannschaft auch. Die Spieler streckten nach dem Schlusspfiff und einem Kraftakt gegen Ghana die Arme in die Luft. Nur einer nicht: Mesut Özil. Der legte, so wie er das normalerweise nur vor dem Spiel macht, beide Hände auf sein Gesicht und sprach ein Gebet. Es war sein Abend. Sein genialer Kunstschuss aus der 60. Minute hatte diese Partie entschieden - und der deutschen Mannschaft damit den Weg ins WM-Achtelfinale geebnet.

Özils vorzügliche Pässe, seine Sprints und Tempodribblings führten schon zum sehr gelungenen WM-Auftakt Deutschlands gegen Australien. Nur beim Torabschluss haperte es doch arg. Auch beim 0:1 gegen Serbien war der Bremer zunächst Ausgangspunkt der wenigen erfolgsträchtigen Spielsituationen, nach Miroslav Kloses Platzverweis musste er sich als eine Art Ein-Mann-Offensive aufreiben, irgendwie gleichzeitig Absender und Adressat der Pässe sein. In seiner stärksten Phase wurde er ausgewechselt. Und nun Ghana - und die schon beschriebene 25. Minute, als der Mittelfeldregisseur allein auf Torwart Richard Kingson zulief, mit links ins lange Eck einschieben wollte - und scheiterte.

"Ich habe die Lücke gesehen und einfach draufgehauen"

Die Geschichte vom Unvollendeten bei dieser WM war eigentlich schon geschrieben. Aber sie musste umgeschrieben werden. Es spricht für den 21-Jährigen, dass er sich nach dieser fatal anmutenden Szene nicht hängen ließ und weiter versuchte, sein Spiel durchzusetzen. Mesut Özil steht wie kaum ein anderer in dieser Mannschaft für Spielkultur und Kombinationsfußball. Mit seinem linken Fuß streichelt er am liebsten den Ball. Dieses Mal, nach einer Stunde, wählte er eher die brachialere Variante - und beförderte das Runde per Vollspannstoß in den Torwinkel. Ein Robben-Treffer von Özil für die deutsche Nationalmannschaft.

"Natürlich bin ich sehr erleichtert weil ich viele Chancen hatte, die ich vorher nicht reingemacht habe. Beim Tor habe ich die Lücke gesehen und einfach draufgehauen. Jetzt empfinde ich nur noch Glück." Nach der Partie saß der frisch geduschte Özil, von der Fifa zum "Man of the Match" gewählt, mit seinem Muschelkopfhörer im Nacken schüchtern auf dem Podium der internationalen Pressekonferenz. Der Deutschtürke hauchte ganz leise sein Statement ins Mikrofon. Özil hasst es, im Mittelpunkt zu stehen. Erleichtert verließ er nach nur wenigen Minuten wieder die Bühne und überließ seinem Trainer das Wort.

Joachim Löw hatte, mal abgesehen von Özils Siegtreffer, nicht so wahnsinnig viel Gutes bei seiner Mannschaft in diesem Spiel beobachtet. Gegen diese Ansammlung perfekter Athleten, die gewohnt sind zu laufen, ohne vorschnell müde zu werden, tat sich das DFB-Team schwerer als bei der Niederlage gegen Serbien. Vor allem das Flügelspiel von Podolski und WM-Debütant Jerome Boateng auf links sowie Müller und Lahm auf der rechten Außenbahn lahmte. Aber auch der für den gesperrten Klose in die Anfangsformation gerückte Cacau blieb hinter den Erwartungen zurück. Der Keilstürmer arbeite zwar viel, strahlte dabei aber wenig bis gar keine Torgefahr aus.

"Wir haben uns gewehrt und dagegengehalten"

"Bei uns konnte man merken, dass der Druck da war, dieses intensiv geführte Match gewinnen zu müssen, besonders bei den jungen Spielern ", erklärte Löw. Man habe im letzten Drittel des Gegners nicht so "präzise" gespielt. Und dann war da noch die erneut besorgniserregende Leistung von Abwehrchef Per Mertesacker, die auch Löw am späten Abend in "Soccer City" ins Grübeln brachte: "Der ein oder andere Ball ist ihm weggesprungen, da hätte er besser klären müssen. Das sah unglücklich aus." Aber Löw wäre nicht Löw, wenn er den Tag nicht mit einer hoffnungsvollen Botschaft beendet hätte: "Für meine junge Mannschaft war es mal gut, durch so ein Stahlbad gehen zu müssen. Wir haben uns gewehrt und dagegengehalten."

Angst vor einer Niederlage und einem damit verbundenen WM-Ausscheiden habe er im Spiel gegen Ghana zu keiner Zeit gehabt. "Ich war heute ruhiger als gegen Serbien. Ich war mir sicher, dass das Team die Kraft hat, das Spiel zu gewinnen", so Löw. Dass es aber weniger die Kraft, als vielmehr ein Geniestreich seines Spielers Mesut Özil war, der die deutsche Nationalmannschaft ins Achtelfinale gehievt hatte, wusste natürlich auch der Bundestrainer. Er wollte es vermutlich nur nicht so direkt ausdrücken. Das übernahm dann zu einem späteren Zeitpunkt Özils Teamkollege Per Mertesacker umso deutlicher: "Gut, dass wir ihn haben." Wohl wahr. England wartet.


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