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Pro und Contra zum Finale: Weltmeister? Holland! Nein, Spanien!

Wer hat den WM-Titel verdient? Holland, denn sein Spiel produziert Unmögliches, sagt Dirk Benninghoff. Dagegen hält Carsten Heidböhmer zu Spanien - der Ästhetik wegen.

Ein beherztes Tröööt - auch das wird der Fußball-Tag garantiert mit sich bringen

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Holland: Der Triumph des Unmöglichen

Ein 1:0 ist ein hässliches Ding. Arm an Aktion schleppt sich das triste Spiel dahin, bis einer die viel zitierte, aber selten gesehene Lücke findet und trifft. Schluss, Aus, Ende. Beim 0:0 kommt es wenigstens zum Elfmeterschießen. 0:0 verspricht großes Drama, 1:0 ist einfach nur öde. Und es ist das Lieblingsresultat dieser WM. Fast jedes vierte Spiel endete so - und alle K.o.-Spiele der Spanier. Deren Ergebnisse lesen sich ohnehin kaum weltmeisterlich, eher wie ein italienischer Spieltag in den Achtzigern: 0:1, 2:0, 2:1, 1:0, 1:0, 1:0. Wo Spanien spielt, ist es langweilig.

Was für ein Drama ist dagegen Holland. Das Brasilien-Spiel: Spielerisch gedemütigt und demontiert erhebt sich Oranje in der zweiten Halbzeit und verwandelt Brasilien in ein Meer aus Wut und Tränen. Was für eine Wendung. Welch Rache für 45 Minuten Erniedrigung. Nicht nur ein Sieg des Willens – auch der Anarchie, des Unvorhersehbaren. Gnom Sneijder trifft mit dem Kopf. Robben rennt, dribbelt, rennt, flankt, schießt, rennt so lange, bis ihm doch noch etwas gelingt. Und als Oranje Brasilien - zu dritt allein im Strafraum stehend - den Todesstoß versetzen kann, versagt es. Doch der Gegenzug läuft ins Leere, das Königreich siegt.

Das Uruguay-Spiel: 37 Meter bis zum Tor. Doch van Bronckhorst zieht ab. Sein linkes Bein fliegt zurück, holt aus wie eine Schiffsschaukel und knallt den Spann auf den Ball. Und dann hebt der Schütze ab. Steht für einen Moment in der Luft. Schaut der Pille nach. Die fliegt, fliegt, fliegt - und schlägt ein. Kein Schuss - eine Offenbarung. Das Unmögliche möglich machen: Das ist Fußball. Das ist Holland 2010. Doch dann: Uruguay gleicht aus. Und wieder: Holland kommt zurück. Robben trifft mit kahlem Kopf - auch das ungeplant und fast unmöglich. Doch die Urus verkürzen. Der Schiedsrichter will nicht abpfeifen. Am Ende wieder königliche Freude. Ehrlich, strahlend, sympathisch, überschäumend - wie Máxima auf der Tribüne.

Wie vorhersehbar ist dagegen das Kurzpassmonster Spanien, das den Ball so flach zu halten versteht. Passen bis zum Tod. Das Kollektiv erdrückt den Gegner durch puren Ballbesitz. Irgendwann hat der dann weder Luft noch Lust. Bekommt den Ball ja doch nicht. Am Ende kriegt ihn Villa im Strafraum. 1:0. Schlusspfiff.

Wie kann man überhaupt anders, als für Holland zu sein?

Spanien: Das Kollektiv der Könner

Reden wir nicht von Holland. Das Argument wäre zu billig: Wer will schon unseren Erzrivalen beim Jubeln zusehen? Mitanschauen müssen, wie Mittelfeld-Rambo Mark van Bommel den Weltpokal gen Himmel reckt? Nein, das Plädoyer für Spanien speist sich ganz aus der Schönheit des iberischen Fußballs. Kein Team dieser WM beherrscht ein derart kultiviertes Spiel, keine Mannschaft lässt so gefällig den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren. Und genau darum geht es doch: Fußball ist ein Ballspiel, darauf angelegt mit der Kugel tolle Dinge anzustellen. Eine Mannschaft, die das Leder gar nicht haben will, sich hinten reinstellt und auf Fehler des Gegners spekuliert, mag zwar bisweilen Erfolg haben - dem Sinn der Sportart widerstrebt diese Spielweise zutiefst. Die Spanier haben die Idee dagegen verstanden: In jeder neuen Partie zelebrieren sie diesen Sport aufs Neue, demonstrieren der Welt, wie schön und einfach Fußball sein kann.

Natürlich ist ein höherer Ballbesitz allein kein Argument. Wichtig ist, was die Spieler mit der Kugel anstellen - und den Spaniern fällt eine Menge ein. Wo andere Teams ihr Heil in langen Flanken oder kraftraubenden Dribblings suchen, ziehen die Iberer ihr berühmtes Kurzpassspiel auf. In scheinbar endlosen Ballstafetten spielen sie sich geduldig die Kugel zu, bis der Gegner müde wird oder resigniert. Erst dann schicken die Mittefeldstrategen Andrés Iniesta oder Xavi den tödlichen Pass in die Schnittstelle der gegnerischen Abwehr, den ihr torgefährlicher Stürmer David Villa dann vollendet. Danach weiß jeder Ästhet wieder, warum er sich für diese Sportart begeistert.

Und wenn die Spanier es einmal nicht schaffen, ihre Kombinationen in einen Treffer umzumünzen? Dann gibt es ja immer noch den Haudegen Carles Puyol. Der wuchtet den Ball dann mit seinem Kopf unhaltbar ins gegnerische Tor. Denn wenn’s sein muss, können sich die Ballzauberer jederzeit in die "rote Furie" verwandeln und die Brechstange auspacken. Natürlich nur, um dem schönen Spiel zum verdienten Erfolg zu verhelfen.

Doch das spanische Spiel ist nicht nur das Schönste, es setzt auch in puncto Fairness Maßstäbe: Bis zum Finale kassierte die komplette Mannschaft eine einzige gelbe Karte.

Natürlich wird es den einen oder anderen geben, der diese Spielweise langweilig findet. Für den Fußball ein Männersport ist mit packenden Zweikämpfen, spektakulären Dribblings - und auch harten Fouls. Lange war das auch so. Doch genau wie sich das Männerbild gewandelt hat, sind auch die Anforderungen an den modernen Fußball andere geworden: Spielertypen wie die blutgrätschenden Förster-Brüder oder der ewig dribbelnde Pierre Littbarski gehören einer vergangenen Epoche an. Das werden auch der Treter van Bommel und der ballverliebte Robben lernen müssen. Große Turniere gewinnt man heute nur als gut funktionierendes Kollektiv, mit flacher Hierarchie, aber auf technisch höchstem Niveau. Genauso spielen die Spanier.

Und, sorry liebe Holländer, die Krake Paul sieht das genauso.

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