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WM-Viertelfinale: Oranje wirft den Rekordweltmeister raus

Sie sahen schon aus wie der Verlierer. Doch ein Fehler von Brasiliens Torwart brachte den Niederländern die Wende. Robben und Co. haben die Seleção überraschend besiegt und stehen im WM-Halbfinale.

Adeus Seleção - der Rekordweltmeister hat ausgespielt: Die Niederländer haben Brasiliens Traum vom sechsten Titel platzen lassen und können nun erstmals selbst den WM-Thron besteigen. Im Viertelfinal-Schlager von Port Elizabeth drehte das Oranje-Team am Freitag ein schon verloren geglaubtes Spiel und zog durch das 2:1 (0:1) gegen am Ende nur noch zehn Brasilianer zum vierten Mal ins WM-Halbfinale ein. Dort trifft der zweimalige Vize-Weltmeister am kommenden Dienstag in Kapstadt im Kampf um den Einzug ins Endspiel auf den Sieger der Partie Uruguay - Ghana.

"Heute Abend feiern wir, und dann konzentrieren wir uns auf das nächste Spiel“, sagte Bondscoach Bert van Marwijk, der nun seit 24 Spielen mit der "Elftal" ungeschlagen ist. "Nach 25 Minuten haben wir unsere Angst abgelegt. Ich war froh, dass es da nur 1:0 stand. Doch in der zweiten Hälfte hat man gespürt, dass wir ein starkes Team sind.“ Verbandspräsident Henk Kessler jubelte: "Das ist ein fantastischer Tag. Jetzt wird es gut ausgehen."

"Es ist wunderbar, Brasilien geschlagen zu haben"

Dribbelkünstler Robinho hatte die Südamerikaner vor 40.186 Zuschauern im Nelson-Mandela-Bay-Stadion bereits in der 10. Minute mit seinem zweiten Turniertor in Führung gebracht, doch nach dem Seitenwechsel kippte die Partie. Felipe Melo, der Wesley Sneijders hohe Hereingabe ins eigene Netz verlängerte (53.), und Sneijder (68.) selbst per Kopfball sorgten für den zweiten Viertelfinal-K.o. der Brasilianer nacheinander. Die zweite WM-Niederlage gegen Holland nach 1974 vor Augen verlor Felipe Melo die Nerven und sah nach einem bösen Tritt gegen Arjen Robben in der 73. Minute die Rote Karte.

Siegtorschütze Sneijder war fast außer sich vor Freude. "Es ist wunderbar, ein fantastisches Gefühl, Brasilien geschlagen zu haben. Eine der besten Mannschaften dieser WM. Wir haben immer daran geglaubt." Auch Bayern-Star Robben war happy: "Das Halbfinale ist super, wir haben einen der Top-Favoriten ausgeschaltet. Aber jetzt fängt es erst richtig an, wir können noch weiter kommen."

Brasilien zeigt lang ersehnten Samba-Fußball

Der WM-Knaller stand eine Stunde lang im Zeichen des fünfmaligen Weltmeisters. Erstmals im Turnier schöpfte Brasilien sein Potenzial aus und setzte von Beginn an auf Offensive. Mit schwungvoll vorgetragenen Angriffen verwöhnte die Seleção die Fans und zeigte den ambitionierten Oranjes, die kurzfristig Innenverteidiger Joris Mathijsen vom HSV wegen Kniebeschwerden durch Andre Ooijer ersetzen mussten, die Grenzen auf. Carlos Dungas Mischung aus Künstlern und Kämpfern spielte nach vorne endlich den ersehnten Samba-Fußball und machte hinten mit Lucio und Juan den Laden dicht.

Nach einem wunderschönen Pass von Felipe Melo in die Schnittstelle der Oranje-Abwehr hatte Robinho freie Bahn zum Tor und überwand Maarten Stekelenburg aus zwölf Metern zur frühen Führung. Dabei stimmte die Zuordnung bei den Niederländern überhaupt nicht, denn Robben musste hinter dem Torschützen herlaufen und beschwerte sich anschließend zurecht bei seinen Teamkollegen.

Seleção kann den zweiten Treffer nicht machen

Den schnellen Ausgleich verhinderte Brasiliens Keeper Julio César, der den Schuss von Dirk Kuyt (11.) aus spitzem Winkel zur Ecke lenkte. Doch das gefälligere Spiel bot weiter Dungas Elf, auch wenn Superstar Kaka zunächst nur selten in die Aktionen eingebunden wurde. Der Ex-Leverkusener Juan verpasste in der 25. Minute knapp das 2:0, als er Dani Alves' Hereingabe aus sechs Metern über den Kasten jagte.

Sechs Minuten später folgte Kakas erster großer Auftritt: Nach Robinhos Dribbling und Hackentrick von Luis Fabiano zog der 28-Jährige aus 16 Metern einfach ab, Stekelenburg holte den platzierten Schuss mit den Fingerspitzen aus dem Winkel. Dann verpasste Verteidiger Maicon (45.) mit einem Schuss ans Außennetz das eigentlich verdiente zweite Tor für die "Seleção".

Patzer von César bringt die Wende

Mit mehr Power kamen die Holländer zum zweiten Durchgang aus den Kabinen, doch zum Ausgleich benötigten sie Glück und die Mithilfe von Julio César. Der Schlussmann von Champions League-Sieger Inter Mailand verschätzte sich bei der weiten Flanke von Sneijder, Felipe Melo gab dem hohen Ball den letzten Tick und lenkte ihn mit dem Kopf ins eigene Netz.

Nach dem Patzer von César und dem Ausgleich war es mit der Sicherheit vorbei – die Seleção brach in der Folge zusammen wie ein Kartenhaus. Plötzlich bestimmten die Niederländer das Geschehen. Robben, der sich in seinem 50. Länderspiel lange Zeit in zahlreichen Zweikämpfen aufgerieben hatte, belebte die Offensive und Sneijder "explodierte" förmlich. Als Kuyt dann den Eckball von Robben per Kopf verlängerte, stand Sneijder goldrichtig und beförderte das Spielgerät zum 2:1 in die Maschen. Das mögliche 3:1 verpasste Robben (84.).

Von Ulrike John und Lars Reinefeld, DPA / DPA

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