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1:7-Niederlage der Brasilianer: Deutsche, zeigt mehr Mitgefühl!

Ja, sie waren unfair, und ja, sie sind verdient ausgeschieden. Aber so viel Spott haben die Brasilianer nicht verdient - für die WM-Gastgeber ist die Niederlage mehr als nur eine sportliche Tragödie.

Von Carina Braun

Man kann es nicht oft genug sagen: Was für ein toller Fußballabend. Was für ein unfassbares Ergebnis. 7:1. In einem WM-Halbfinale. Gegen Brasilien! Wahnsinn, Stolz und Feuerwerk. Die Freude über den fulminanten Sieg ist berechtigt.

Und trotzdem: Es gibt da eine Seite, die bei aller Jubelei schnell vergessen wird. Die der Brasilianer, die eine großartige Weltmeisterschaft ausgerichtet haben - und für die ihr Ausscheiden weit mehr als nur eine sportliche Katastrophe ist.

Vor einigen Tagen lief eine sehr ruhige, sehr nachdenkliche Dokumentation im Fernsehen, es ging um das großartige Stadion Maracanã mit seiner langen Geschichte. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an Moacyr Barbosa - der brasilianische Torwart, dem seine Landsleute die Schuld zuschreiben am 1:2 gegen Uruguay im Jahr 1950. Brasilien verlor damals im Maracanã das entscheidende Spiel und holte keinen Titel im eigenen Land. Seither trägt Brasilien Trauer. Seit über 60 Jahren.

Hoffen auf den Moment, der alle Spannungen überdeckt

In der Dokumentation kamen Menschen zu Wort, die Barbosa nach dieser Niederlage kennengelernt haben. Seine Karriere, sagten sie, war damit so gut wie vorbei. Er habe geweint, sobald die Rede auf das Spiel kam. Jahre später soll Barbosa selbst gesagt haben: "In Brasilien liegt die Höchststrafe bei 30 Jahren. Ich aber habe 50 Jahre bekommen für ein Verbrechen, das ich noch nicht einmal begangen habe."

Die Geschichte von Barbosa ist wichtig, weil sie viel darüber sagt, was eine solch verheerende Niederlage für Brasilien bedeutet hat und immer noch bedeutet - für die Menschen, die Mannschaft, vor allem aber für den Zusammenhalt in einem Land, in dem die Armut groß und die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer ist. Viele Brasilianer haben kaum Geld, aber die Regierung gab Milliarden aus: für Stadien, die nach dem Turnier nutzlos herumstehen werden. Sie hoffte auf den Titelgewinn, auf diesen einen Moment, der alle Spannungen und Gegensätze überdeckt. Die Brasilianer haben vor der WM protestiert, aber sie haben ihren Protest für die WM weitgehend ausgesetzt - für die Hoffnung auf genau diesen Moment. Die gigantischen Investitionen sind am Abend des 8. Juli 2014 im Nichts verpufft.

Schwalben, Fouls und Verzweiflungstaten

Für Brasilien ging es in diesem Turnier nicht um den Titel, sondern darum, eine Gesellschaft mit sich selbst zu versöhnen. Wie schwer dieser Druck auf den Schultern der Spieler lastete, sah man ihnen an. An ihrem oftmals panischen Spiel, am übertriebenen Kampfgeist, an den verzweifelten Schwalben von Fred und Marcelo und nicht zuletzt den zahllosen Fouls. Elf gelbe Karten hat der Gastgeber in den sechs Spielen angesammelt.

Man sah es auch an Verzweiflungstaten wie dem ungelenken Versuch des Verbands, die Fifa zur Rücknahme der Sperre gegen Thiago Silva zu bewegen. Man sah es, als Júlio César nach dem knappen Sieg gegen Chile hemmungslos in die Kamera schluchzte. Man sah es im Halbfinale, als das fragile Gerüst der Einigkeit nach dem ersten Gegentor zusammenbrach, die Seleção wie ein Hühnerhaufen umherlief und die Brasilianer ihre eigenen Spieler auspfiffen. Und natürlich sah man es an den vielen, vielen Tränen.

Wir Deutschen neigen oft dazu, nach Siegen hämisch zu reagieren. Wir singen "Ihr seid nur ein Karnevalsverein" und twittern Fotos, auf denen Merkel in die Christus-Statue retuschiert wurde. Wahrscheinlich haben wir zu lange neidisch auf den Patriotismus anderer Länder geschielt und beschämt weggeschaut, wenn irgendwo eine schwarz-rot-goldene Flagge hing. 2006 hat sich bekanntlich vieles geändert. 2006 hatten wir die WM in unserem Land. Die deutschen Fans haben ihre Mannschaft nach dem Ausscheiden gefeiert und dabei Größe in der Niederlage bewiesen. Ohne nach diesem historischen 7:1 auf die Spaßbremse treten zu wollen: Man sollte mitfühlen mit den Brasilianern. Größe im Sieg ist auch ganz schön.

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